Freiheit für die NEINs im Kopf

Fachbeitrag von people@venture GmbH
Das kurze Wörtchen NEIN kann so viel Power haben. Aber trotzdem schaffen viele Menschen es nicht, ein NEIN in aller Deutlichkeit auszusprechen.

Das NEIN ist ein sehr mächtiges Wort. Manchmal sogar ein richtiges Machtwort! Damit meine ich nicht die vielen kleinen NEINs, die wir tagein, tagaus immer wieder verwenden, um mit unserer Umgebung sinnvoll zu kommunizieren. „Magst du noch die letzte halbe Bratwurst essen?“ „NEIN danke, ich bin satt.“ Oder: „Habt ihr Lust, am Samstag mit uns ins Kino zu gehen?“ „NEIN, wir haben schon etwas anderes vor“.

All diese landläufigen NEINs benutzen wir, ohne groß darüber nachzudenken, um unseren Alltag zu organisieren. Schließlich haben wir das NEINsagen schon seit der Trotzphase unserer Kindertage geübt und die Wirkung bis zum Erweichen getestet. Vermutlich klappen deshalb die vielen kleinen NEINs heute aus dem FF.

Ein NEIN bekommt schnell einen Touch von Unhöflichkeit. Schon allein deshalb kann es mit dem NEIN schnell mal brenzlig werden. Grundsätzlich sollten die NEINs aufrichtig und authentisch sein. „Wir laden wieder ein paar Ehepaare zu einem gemütlichen Abend ein. Ihr kommt doch auch?“ „NEIN, du, das klappt diesmal leider nicht“ (die Leute und die Gespräche bei euch sind immer so langweilig). Manchmal wird aus einem NEIN besser ein „diplomatisches NEIN“. Schadensbegrenzung. Alle Menschen benutzen diplomatische NEINs, auch wenn sie es nicht gerne zugeben. Die, die kein diplomatisches NEIN beherrschen, driften schnell ins gesellschaftliche Abseits.

Aber es gibt auch die großen, kraftvollen NEINs, die sehr viel Wirkung zeigen und manchmal auch laut sind. Das sind die wirklich wichtigen NEINS des Lebens. Für viele Menschen ist ein großes NEIN oft nur im Kopf existent und sie schaffen es nicht, es auch an der richtigen Stelle heraus zu lassen. Zu viel Überwindung? Angst vor Konsequenzen? Denn nach manchen NEINs ist hinterher nichts mehr, wie es vorher war. Deshalb sollte ein mächtiges Wort, wie NEIN, auf jeden Fall mit allem Respekt gesagt werden. Und mit Nachdruck.

Ich habe eigentlich kein Problem damit, meine Meinung zu sagen. Aber ein hartes Nein fällt mir trotzdem immer wieder schwer. Es kostet mich Kraft und oft einen langen inneren Anlauf.

Da war z.B. ein sehr guter Freund, der mich bat, seine Steuererklärung nochmal durchzuarbeiten. Klar mache ich das, wohl wissend, dass ich das vermutlich nun jedes Jahr machen soll. Aber gut. Die Monate Oktober, November, Dezember bin ich immer mit Arbeit bis unters Dach voll. Deshalb hatte ich höflich darum gebeten, mir die Steuer bis spätestens Ende September zu geben.  

Im folgenden Sommer hatte ich mehrmals daran erinnert, dass ich nur bis zum September zur Verfügung stehe. Erst nach der zweiten Mahnung des Finanzamts Ende November stand mein sehr guter Freund zähneknirschend mit seinen Formularen auf der Matte. Ich habe tief Luft geholt, versucht die Wallungen in mir wegzuatmen, und mich aus Zeitmangel nachts (mehr enttäuscht als widerwillig) ans Werk gemacht.

Im nächsten Jahr stand er noch später (kurz vor Weihnachten) und noch zerknirschter vor meiner Tür. Alles in mir schrie NEIN. Warum habe ich trotzdem JA gesagt? Aus Freundschaft, aus Verständnis (warum hat er eigentlich kein Verständnis für mich?) oder weil Weihnachten war? Jedenfalls saß ich wieder nachts am Schreibtisch und habe die Erklärung (mehr widerwillig als enttäuscht) durchgearbeitet. Immer wilder wurde mein Entschluss, im nächsten Jahr NEIN zu sagen und ich hoffte, dass mein sehr guter Freund mich bis dahin ernst nimmt. Im folgenden Jahr kam der Anruf, ich hatte es befürchtet, wieder im November. NEIN, sagte ich, diesmal schon mit leicht blutunterlaufenen Augen. NEIN, tut mir leid. Aber ich habe jetzt einfach keine Zeit. Das ist bekannt.

Wir taten so, als ob nach diesem NEIN alles ist wie vorher. War es aber leider nicht. Das NEIN steht immer noch irgendwie zwischen uns. Aber das ist für mich besser auszuhalten, als nicht ernst genommen zu werden! Das NEIN war für mich elementar.

Auch ein „NEIN“ auf beruflicher Ebene kann zur Grenzerfahrung werden. Vor allem, wenn man als Arbeitnehmer tätig ist. Einerseits ist es sowohl für Chefs als auch für Kollegen von Vorteil, wenn in klaren Strukturen und verlässlich mit „JA“ oder „NEIN“ geantwortet wird. Grundsätzlich – aber es birgt auch Risiken.

Als ich mich auf eine Stelle beworben hatte, sagte ich im Vorstellungsgespräch, dass mir zwei Dinge wichtig sind: Ich möchte auf keinen Fall in einem Büro sitzen, in dem geraucht wir. Und außerdem möchte ich maximal zu zweit im Raum sitzen. Ich weiß, wenn zu viel um mich herum los ist, kann ich mich viel schwerer konzentrieren. Das wurde verständnisvoll akzeptiert. Noch.

Der dritte Schreibtisch in meinem Büro blieb lange leer. Zwei Jahre später wurde ich dann zum Gespräch gebeten. Es sollte ein Auszubildender zu mir ins Zimmer gesetzt werden. Kein Problem, habe ich gesagt, solange ich dann wieder zu zweit sitze. NEIN, ich könne ja nicht verlangen, dass meine Kollegin dann ihren Arbeitsplatz wechseln muss. Ich kann ja auch wechseln, habe ich vorgeschlagen.

Es gab noch weitere Büros, in denen zwei Schreibtische standen, aber nur einer davon besetzt war. NEIN, das geht nicht, weil ich den Auszubildenden ausbilden soll. NEIN, sagte ich, ich möchte auf gar keinen Fall zu dritt mit zwei stark frequentierten Druckern im Durchgangszimmer sitzen und beharrte auf die bestehenden Absprachen. Gut, sagte man mir, dann soll der Azubi wenigstens vorübergehend im Zimmer sitzen, bis eine andere Lösung gefunden ist. Na toll. Meinem Chef und mir war klar, dass, wenn es erstmal umgesetzt ist, auch so bleibt.

Mit sehr viel Überwindung kam ein leises aber bestimmtes NEIN über meine Lippen. Ergebnis: Der Azubi kam in ein anderes Zimmer. Folge: Für die nächsten Wochen habe ich bei meinem Chef kaum Besprechungstermine und gewürdigte Blicke bekommen – die Konsequenz für mein bestimmtes NEIN. Keine schöne und keine einfache Situation für mich dort. Aber in mir drin war alles gut. Ich war mir selbst treu geblieben. Und das war mir wichtig. Ein halbes Jahr später hatte ich sogar mein eigenes Büro. Nein sagen hat für mich nicht nur etwas mit  Entscheidungen, sondern auch etwas mit Ernstgenommenwerden zu tun. Wer seine persönlichen Grenzen darlegt und dafür einsteht, wird langfristig mehr respektiert, als der chronische Ja-Sager.

Durch ein NEIN ist es möglich, klare Grenzen zu setzen. Grenzen helfen Strukturen zu schaffen. Strukturen sind die Basis für ein erfolgreiches Miteinander und ein gutes Selbstwertgefühl. Ich beneide alle, denen ein großes NEIN leicht über die Lippen kommt. Ich sitze respektvoll mit allen im Boot, die sich die großen NEINs hart erkämpfen müssen (wie ich). Und ich rate allen, die die großen NEINs nur im Kopf haben: Lasst sie heraus!

» https://www.peopleatventure.de

erstellt am: 03.11.2015

Über den Autor
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