Gemeinsam gewinnen mit dem Kooperationsmindset

Fachbeitrag von Ulrike Stahl
Wie wir unseren Konkurrenz-Autopiloten umprogrammieren.

In jedem Menschen sind zwei Strebungen angelegt. Die Strebung nach Nähe und Beziehung sowie die nach Distanz und Individualität. Versuche von Professor Tomasello, Co-Direktor des Max-Planck-Instituts Leipzig belegen, dass bereits 18-monatige Kinder selbst bei Fremden in der Lage sind zu erkennen, wenn diese Hilfe brauchen und den ganz natürlichen Impuls haben diese Hilfestellung auch zu geben. Andererseits kennt jeder die Lieblingsworte kleiner Kinder sobald sie zu sprechen beginnen: „Nein!“ und „Alleine!“. Beide Strebungen sind wichtig für unsere persönliche Entwicklung. Die Fähigkeit Beziehungen aufzubauen und in sozialer Gemeinschaft zu leben ebenso wie die Fähigkeit selbstbestimmt zu leben und sich selbständig weiterzuentwickeln.

Die in der westlichen Gesellschaft propagierte Leistungsorientierung hat uns in einen schizophrenen Zustand geführt. Einerseits wurde uns bereits in Kindergarten und Schule beigebracht Regeln zu beachten, die ein gutes Miteinander sicherstellen. Andererseits wurden wir angeleitet, dass Leistung immer individuell zu erbringen ist. Das wichtigste Merkmal von Prüfungen ist schließlich, dass kein Austausch und keine Zusammenarbeit unter den Geprüften stattfindet. Weiterhin haben wir gelernt, dass man erfolgreich ist, wenn man beweist schneller, besser oder stärker zu sein als die anderen.

Im Wettbewerbsmodus
Im Beruf geht es weiter, Team- und Kooperationsfähigkeit gehören zur Standardanforderung an jeden Mitarbeiter, andererseits wird aber die individuelle Leistung gemessen, bewertet und belohnt. Was daraus entsteht ist ein Mindset, der deutlich stärker im Wettbewerbsmodus agiert als im Kooperationsmodus. Dieser Mindset strebt nicht nach Augenhöhe, sondern nach einer klaren Rollenverteilung: Entweder sind wir Gewinner, haben also Bedeutung und werden dafür belohnt. Oder aber wir sind artige Verlierer, die akzeptieren, dass sie leer ausgehen und schön weiter mitmachen. Die Folgen dieser Überbetonung von Wettbewerb bekommen wir jetzt immer deutlicher zu spüren.

Zunehmender Egoismus
Beim Global Innovation Index kam Deutschland – eigentlich ein Erfinderland – nicht über den 12. Platz hinaus. Während Erfindungen meist von Einzelpersonen gemacht werden, gelingen Innovationen nur durch Kooperation. Und die ist in der auf Leistung und Umsatzziele getrimmten deutschen Unternehmenslandschaft weitgehend verloren gegangen. Eine Studie der Körber-Stifung belegt weiterhin, dass heute vier von fünf abhängig beschäftigten Menschen mit ihrer Arbeitssituation unzufrieden sind. Als Grund geben sie an, dass die individuelle Verantwortung immer weiter steigt und gleichzeitig Solidarität ab- und Egoismus zunehmen. Wir spüren also nicht nur, dass uns mehr Kooperation gut tun würde, sie würde uns auch helfen den beruflichen Anforderungen besser gerecht zu werden.

Fruchtbare Synergieeffekte
Mit Kooperationen ist es wie mit Mangos. Wenn Mangos richtig reif und saftig sind, mögen wir sie am liebsten. Dann sind sie aber auch am empfindlichsten und es ist nicht so leicht sie zu verzehren. Das Fruchtfleisch von Schale und Kern zu lösen erfordert Geduld, Sensibilität und Geschick. Am liebsten ist es uns, wenn jemand diese Arbeit für uns übernimmt und uns die leckeren Mangostückchen ansprechend serviert, sodass wir nur noch zugreifen müssen. Kooperationen sind dann besonders wertvoll, wenn unterschiedliche Fähigkeiten und Persönlichkeiten zusammenkommen. So können besonders fruchtbare Synergieeffekte entstehen. Gleichzeitig ist die kooperative Zusammenarbeit dann aber auch besonders empfindlich, weil unterschiedliche individuelle Ziele, Bedürfnisse und Befindlichkeiten mitschwingen. Nur wer die Geduld, die Sensibilität und das Geschick entwickelt damit umzugehen, wird die süßen Früchte des Kooperationserfolges genießen können.

Weg von Arbeitsteilung und Hierarchiedenken
Wer nur darauf wartet, dass Andere diese Arbeit des Ausbalancierens und Auseinandersetzens erledigen und meint es genüge sich auf seinen Beitrag zu konzentrieren, der befindet sich noch im Stadium des Hierarchiedenkens und der Arbeitsteilung. Das sind Menschen, die meinen der Chef, der Moderator oder der Projektleiter wären für den Gesamterfolg verantwortlich, nicht aber sie selbst. Kooperation beginnt, wo Menschen über ihre Rolle hinaus Verantwortung für das Gelingen des Ganzen übernehmen und genau das ist es, was moderne Zusammenarbeit erfordert. Die Zeiten, in denen Experten ihre Aufgaben im Elfenbeinturm erledigen, sind vorbei. Komplexe Aufgabenstellungen erfordern, dass Wissen sich ergänzt und dass es gemeinsam bewertet und abgewogen wird. Menschen die beklagen, dass ihre individuelle Verantwortung zunimmt und sie das belastet, versäumen häufig sich proaktiv mit anderen auszutauschen und öfter die Erfahrung und Perspektiven anderer mit einfließen zu lassen. Solange keiner ein gemeinsames Projekt anordnet, folgen sie immer noch der alten Erfolgsformel „Du musst es alleine schaffen“. Was heute und in Zukunft den Erfolg bringen wird, ist die Formel „Gemeinsam gewinnen“. Das erfordert ein Umdenken, bei dem uns das MANGO-Prinzip entscheidend unterstützen kann:

M = Miteinander
Kooperation funktioniert weder alleine noch gegeneinander. Kooperation geht nur miteinander. Dazu müssen wir Rollen-, Hierarchie- und Abteilungsgrenzen überwinden und in Kontakt gehen. Es scheint, es fällt uns leichter auf das zu schauen was uns trennt: der unterschiedliche Status, die unterschiedliche Bezeichnung, das Alter, die Persönlichkeit... Uns abzugrenzen ermöglicht uns, uns selbst durch- und über andere hinwegzusetzen. Der Fokus auf das was uns verbindet hingegen unterstützt die kooperative Zusammenarbeit. Das können gemeinsame berufliche Ziele sein, wie z. B. dass es dem Unternehmen gut geht und der Arbeitsplatz sicher ist oder eine persönliche Gemeinsamkeit, wie beispielsweise ein Hobby.

A = Alle im Blick
Für mehr als jeden zweiten Deutschen gehört Stress zum Alltag, zeigt eine aktuelle Umfrage der Technikerkrankenkasse. Stress erzeugt den berühmten Tunnelblick. Wir fokussieren uns auf unser scheinbar gefährdetes Überleben. Die Scheuklappen verengen sich schlagartig. Entweder wir haben dann nur noch unsere eigenen Ziele und Aufgaben im Blick und ignorieren die Ziele und Bedürfnisse anderer. Oder wir richten unseren Fokus auf die Person, die uns durch den Schlamassel führen wird und machen nur noch, was sie oder er uns sagt. Das entspricht dem erlernten Entweder-oder-Denken. Entweder bin ich Gewinner und darf den Ton angeben oder ich bin ein anständiger Verlierer und folge. Kooperative Zusammenarbeit funktioniert nur auf Augenhöhe und mit der Sowohl-als-auch-Haltung. Das bedeutet Verantwortung für die Erfüllung der eigenen Ziele und Bedürfnisse zu übernehmen und gleichzeitig die Bedürfnisse und Ziele anderer gleichwertig daneben gelten zu lassen. Und mehr noch, sich um Lösungen zu bemühen die beiden gerecht werden.

N = Nutzen stiften
Zu überlegen, wie wir mit unseren persönlichen Fähigkeiten oder Wissen für Andere Nutzen stiften können, stärkt unser Selbstbewusstsein. Wir machen uns bewusst was wir zu bieten haben. Das erlaubt uns auch mit Menschen zu kooperieren, die uns scheinbar einiges voraushaben ohne in eine Bittstellerposition zu rutschen. Gleichzeitig bewahrt uns die Frage „Was kann ich für andere tun?“ vor egoistischen Tendenzen und Mangeldenken, dem Feind jeder Kooperation. Wenn wir Angst haben zu kurz zu kommen, sind wir nicht in unserer Kraft, sondern beschränken uns. Und drittens gilt das Gesetz der Reziprozität. Wenn wir geben, kommt in der Regel etwas zurück. Wir tragen damit zum Reifungsprozess der Kooperation bei.

G = Gemeinsam gewinnen
Konkurrenzdenker prüfen, was sie die Kooperation kostet, Kooperationsdenker erkennen, dass sie gemeinsam mehr gewinnen können als alleine. Deshalb werden sie auch bei Schwierigkeiten nicht die individuell möglichen „Quick-wins“ ziehen und die kooperative Zusammenarbeit aufs Spiel setzen, sondern alles dafür tun, dass alle Beteiligten gemeinsam über die Ziellinie gehen. Dazu gehört auch zwischendurch die individuell zweitbeste Lösung zu akzeptieren, weil sie für das gemeinsame Ziel langfristig die bessere ist. Das heißt zum Beispiel eine Verzögerung in Kauf zu nehmen, weil man sich wegen einiger Unstimmigkeiten noch einmal intensiv über Befindlichkeiten und Anliegen austauscht, bevor man den nächsten Schritt macht. Individuell kann sich das nach Zeitverschwendung anfühlen und möglicherweise meint man sogar das Ziel alleine schneller erreichen zu können. Im Hinblick auf die gemeinsame Zielerreichung und die Synergieeffekte, wegen derer man die Zusammenarbeit gesucht hat, ist die gründliche Bereinigung der Unstimmigkeiten sicher die bessere Lösung.

O = Offenheit
Die meisten Menschen sind, was Beziehungen angeht, eher beständig. Wir gesellen uns gerne zu den Menschen, die wir ohnehin schon kennen, zu denen wir Vertrauen aufgebaut haben und von denen wir wissen, wie sie ticken. Die Gefahr steckt im Groupthink. Je besser wir zusammenspielen desto wahrscheinlicher ist es, dass alle automatisch in dieselbe Richtung denken und abweichende Ideen immer weniger auftauchen oder geäußert werden. Wenn wir mit Menschen zusammenarbeiten, die neu und anders sind als wir selbst, birgt das neue Chancen, aber zwangsläufig auch große Überraschungen. Es kann gar nicht alles so laufen, wie wir uns das aus unserer Perspektive vorgestellt haben. Das erfordert Flexibilität und Offenheit sich auf andere Vorgehensweisen und Ideen einzulassen und aktiv den Austausch mit Menschen zu suchen, die anders sind als wir selbst.

» http://www.ulrikestahl.de

erstellt am: 04.08.2016

Über den Autor
Ulrike Stahl

Ulrike Stahl

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