Erkenntnisse einer Masterarbeit: Herausforderungen und Lernprozesse bei Rückkehr von Expatriates

Fachbeitrag von change project gmbh
Mittlerweile ist aus Wissenschaft und Praxis bekannt, dass für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt Expatriates auf die fremde Kultur vorbereitet werden müssen. Daher nehmen vermehrt internationale Unternehmen interkulturelle Weiterbildungsmaßnahmen in Anspruch. Anders sieht es bei der Rückkehr der Mitarbeiter in die Heimat aus. Dieser Phase des Entsendungsprozesses kommt deutlich weniger Bedeutung zu. Doch wie wichtig sind für ein Unternehmen die Nachbereitung und die gezielte Wiedereingliederung seiner Repatriates, also seiner Rückkehrer?

Die Studentin für Erwachsenenbildung / Weiterbildung Julia Dellekönig untersuchte in ihrer Masterarbeit mit dem Titel „Reintegration von Repatriates – Transformatives Lernen im Rückkehrerprozess“, die sie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg und in Zusammenarbeit mit der crossculture academy schrieb, welchen Herausforderungen sich Repatriates stellen und welche Lernprozesse bei gezielter Konfrontation damit entstehen können.    

In Interviews mit Rückkehrenden stellte sie fest, dass die Rückkehr in die Heimat durch unterschiedliche Herausforderungen geprägt ist, die sich in vier Sphären aufteilen lassen: Eine private, eine berufliche, eine kulturelle sowie eine soziale Sphäre.

Die vier Sphären der Rückkehr einer Entsendung

Privat stehen Repatriates vor organisatorischen Herausforderungen wie etwa das vermeintlich einfache Einrichten eines neuen Internet- und Telefonzugangs oder Behördengänge, für die sie, anders als bei der Entsendung, keine Relocation Services genießen. Beruflich klagen Repatriates oft über eingeschränkte Verantwortungsbereiche und fehlende Autonomie – Merkmale, die in ihrem Geschäftsalltag im Ausland stark ausgeprägt waren und die sie, zurück in der Heimat, oft vermissen. Aus kultureller und sozialer Sicht fühlen sich Repatriates oft gehindert, sich in der Heimat komplett zu reintegrieren. Die eigene Kultur wirkt in Abhängigkeit unterschiedlicher Umstände, wie etwa Dauer der Entsendung oder kulturelle Differenzen, zunächst befremdlich. Soziale Kontakte zu Freunden und Familien müssen teilweise neu aufgebaut werden, sodass das Zurückkehren in die alte Heimat für manche Repatriates ein schwieriger Neuanfang sein kann.  

Transformative Rückkehr-Lernprozesse

Mit diesen Erkenntnissen konnte Julia Dellekönig einen transformativen Lernprozess in der Rückkehr der Repatriates identifizieren. Transformatives Lernen hat zum Inhalt, bestehende Denkmuster sowie unkritisch übernommenes Wissen und bisherige Erfahrungen in einem Prozess von Dialogen und durch Reflexion kritisch zu hinterfragen, mit dem Ziel, seine bisherige Perspektive zu ändern oder zu erweitern.

Die direkte Konfrontation mit den Herausforderungen in den Interviews führte die Repatriates dazu, dass sie sich mit ihren bisherigen Ansichten und ihrer Wahrnehmung über ihre Rückkehr kritisch auseinandersetzten, mit dem Ergebnis, dass sie ihre Perspektive tatsächliche änderten bzw. transformierten. Dieses transformierte Lernen im Rückkehrerprozess, das die Studentin beobachten konnte, teilte sie in vier Phasen auf. 

Das Vier-Phasen-Modell des Rückkehrlernprozesses

In der ersten Phase des Modells wurden die mittelbaren Vorbedingungen des Rückkehrlernprozesses herausgearbeitet. Das können beispielsweise kulturelle Vorerfahrungen wie interkulturelle Trainings oder Auslandsaufenthalte sein oder berufliche Erwartungen wie die Betrachtung der Entsendung als Karriereschritt. Die zweite Phase war geprägt von organisatorischen und emotionalen Herausforderungen der Rückkehr, wie etwa der Abschied aber auch die Vorfreude. Die dritte Phase des Modells tritt bei der eigentlichen Rückkehr ein und leitet den Beginn des Rückkehrlernprozesses ein. In diesem Stadium erleben die Repatriates unterschiedliche Dilemmata, also Irritationen, die dadurch entstehen, dass sie zurück in ihrer Heimat Dinge und Ansichten, die sie vor ihrem Auslandsaufenthalt als selbstverständlich wahrgenommen haben, nun in Frage stellen. Hierzu zählen neben den bereits erwähnten organisatorischen Aufgaben auch Probleme beim Knüpfen neuer und Wiederanknüpfen alter Kontakte. Hinzu kommt, dass die alten Kontakte häufig kein Interesse für die neuen Erfahrungen zeigen oder kein Verständnis für die veränderte Denkweisen der Rückkehrer haben. Auch die Wahrnehmung beruflicher Perspektiven kann zu Dilemmata führen, wenn die Erwartungen aus der ersten Phase nicht erfüllt werden. Aufgrund dieser Dilemmata sehen sich die Repatriates gezwungen, ihre eigene Perspektive zu hinterfragen und kritisch zu reflektieren. Das passiert oft in informellen Kontexten, wie in Expat-Foren oder mit Gleichgesinnten im Freundes- und Bekanntenkreis, aber auch in non-formalen Lernumgebungen wie etwa in Rückkehrseminaren, die manche  Unternehmen zur Verfügung stellen. Damit gelangen sie in die vierte Phase des Rückkehrlernmodells, in der sie eine neue Sichtweise auf ihre Rückkehr entwickeln und ihren Erfahrungen eine neue Bedeutung geben.

Julia Dellekönig schlussfolgert aus ihrer Studie, dass das Wissen über transformative Lernprozesse unverzichtbar ist, um Repatriates gezielter unterstützen zu können. Diese letzte Phase der Entsendung wird von Unternehmensseite oft verharmlost, was sich in einer von Wissenschaftlern und Praktikern relativ hoch geschätzten Mitarbeiterfluktuation ausdrückt. Dass Mitarbeiter nach einem Auslandsaufenthalt häufig das Unternehmen wechseln, liegt nicht zuletzt an ihrer beruflichen Unzufriedenheit nach ihrer Rückkehr in die Heimat. Doch Repatriates sind Wissensträger von beispielsweise spezifischen Markt- und Verbraucherinformationen des Entsendungslandes. Verlassen sie das Unternehmen, nehmen sie dieses Wissen mit, was dem Unternehmen bislang nicht quantifizierbare Kosten verursacht. Daher spielt die Reintegration von Repatriates durch transformative Lernprozesse auch im Hinblick auf das Wissensmanagement in einem Unternehmen eine sehr wichtige Rolle. 

Panagiota Gomes da Costa,
verantwortlich für PR und Marketing bei der crossculture academy, change.project gmbh.

» crossculture academy

erstellt am: 23.11.2016

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