Interview: Die Rolle der Frauen in Unternehmen

Fachbeitrag von AGENTUR ohne NAMEN GmbH
„Wenn Unternehmen Frauen nicht gleichwertig in allen Unternehmensbereichen und Hierarchien berücksichtigen, laufen sie Gefahr, einen wesentlichen Teil ihrer potenziellen Käufergruppe zu ignorieren“, sagt Melanie Vogel, Initiatorin der women&work und seit fast 20 Jahren erfolgreiche Unternehmerin. In diesem Interview wirbt sie für den „Wirtschaftsfaktor Frau“ und die Rolle der Frauen in den Unternehmen.

Was macht Frauen zum „Wirtschaftsfaktor“ und damit unverzichtbar für den Erfolg und das Vorankommen eines Unternehmens?

Ungefähr 80 Prozent aller Kaufentscheidungen werden von Frauen getroffen. Wenn Unternehmen Frauen nicht gleichwertig in allen Unternehmensbereichen und Hierarchien berücksichtigen, laufen sie Gefahr, einen wesentlichen Teil ihrer potenziellen Käufergruppe zu ignorieren. Aber auch in Innovationsprozessen wirken sich einseitige Sichtweisen negativ auf Produkt- und Dienstleistungsentwicklungen aus. Ein Mann Mitte 50 hat nun einmal völlig andere Erfahrungs- und Wertehaltungen als eine junge Frau Anfang 20. In einer Zeit, in der Wandlungsfähigkeit über die Zukunft von Unternehmen entscheidet, in der der globale Wettbewerbsdruck zunimmt, ist eine vielfältige Belegschaft die elementare Grundvoraussetzung für die Zukunftssicherung des eigenen Unternehmens. Eine vielfältige Belegschaft bietet den Nährboden für Innovationen, denn je größer der Reichtum an Lebenseinstellungen, Kenntnissen und Erfahrungen innerhalb der Belegschaft ist, desto größer ist das (kreative) Potenzial, das eine Firma entfalten kann.

Wieso brauchen auch gerade technische Unternehmen (mehr) weibliche Mitarbeiter?
Technische Unternehmen bestehen sehr häufig aus einer homogenen, nämlich männerdominierten Anzahl von Mitarbeitenden und Führungskräften. Homogene Gruppen bergen jedoch gewisse Gefahren. Sie sind oft nicht in der Lage, sich in die Befindlichkeiten und Bedürfnisse von verschiedenen Zielgruppen hineinzuversetzen, andere Menschengruppen bewusst als Zielgruppen ins Auge zu fassen oder bestehende oder neue Produkte an verschiedene Zielgruppen anzupassen. Die Tatsache an sich ist kein Makel. Es ist sehr menschlich und entspricht unserem biologisch angelegten Wunsch nach Kooperation, dass wir uns am ehesten in die Zielgruppe hineinversetzen können, der wir angehören, denn wir teilen oftmals einen ähnlichen Erfahrungshorizont. Zum Problem wird es, wenn Unternehmen nicht entsprechend gegensteuern und die wirtschaftliche Notwendigkeit erkennen, Teams divers aufzustellen. Um neue Ideen generieren, Prozesse optimieren oder Servicedienstleistungen implementieren zu können, benötigen Teams verschiedene Sichtweisen auf unterschiedliche Problemstellungen. Und die können nur aus einer Gruppe der Vielfalt kommen. Dazu gehören eben zu 50 Prozent auch die Frauen in unserer Gesellschaft.

Wo genau besteht in den meisten Unternehmen noch Handlungsbedarf?

Das ist tatsächlich von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich. Den häufigsten Mindset-Change, den wir jedoch vermissen ist, Frauen als eine wertschöpfende Zielgruppe anzusehen und langfristige Frauenförderung nicht nur auf die Schaffung von Betriebskindergärten zu reduzieren. Familienförderung betrifft Männer und Frauen. Ein Betriebskindergarten öffnet Frauen jedoch nicht den Weg in die Führungsetagen. Damit Frauen in einem Unternehmen tatsächlich auf Augenhöhe mit Männern arbeiten können, müssten in sehr vielen Unternehmen Barrieren in Form von Gender-Stereotypen abgebaut werden. Das muss einerseits top-down vorgelebt und andererseits bottom-up durch Personalentwicklungsmaßnahmen gefördert werden. Wenn Männer und Frauen in dem Wissen und der Erfahrung sozialisiert werden, dass Frauen mit Kindern zu Hause bleiben und Männer die Familienernährer sind, dann ist dieses Erfahrungswissen in den jeweiligen Köpfen zementiert. Mit diesem Erfahrungswissen werden auch die damit verbundenen Wertehaltungen weiter gegeben – und Werte zu verändern ist so ziemlich die größte Herausforderung, der sich ein Mensch stellen kann. Das bedeutet nämlich, an sehr vielen Stellen neu zu lernen, Pioniergeist zu zeigen und vor allem, neue Erfahrungen zuzulassen. Deswegen ist ein Aufoktroyieren von oben selten von Erfolg gekrönt, wenn den Menschen nicht gleichzeitig auch alternative Mittel, Wege und Kompetenzen an die Hand gegeben werden, die eine wirkliche Veränderung möglich machen. Das betrifft übrigens nicht nur das Thema Gender-Diversity – sondern jede Form der Veränderung. An dieser Stelle haben sehr viele Unternehmen noch akuten Nachholbedarf.

Welche Maßnahmen können Unternehmen ergreifen, um Frauenkarrieren aktiv fördern?

Das wichtigste ist, auf Geschäftsführungs- und Vorstandsebene eine positive Grundhaltung vorzuleben und deutlich zu machen, dass Frauen gleichberechtige Wirtschafts- und Leistungspartnerinnen im Unternehmen sind. Dieser Impuls kann oft schon eine große Wirkung entfachen. Zusätzlich ist eine Begleitung durch die Personalentwicklung sinnvoll und gerade in männerdominierten Unternehmen notwendig, um neue Denkmuster zulassen und alte Männerbünde aufbrechen zu können. Das heißt übrigens nicht, dass Männer an der Stelle die großen Verlierer sind oder sein müssen.
Der Vorteil einer frauenfreundlichen Unternehmenskultur ist, dass Frauen auch insofern einen frischen Wind in Unternehmen bringen, als dass sie generell Inkubatoren für flexiblere Arbeitszeiten sind – von denen dann ja auch Männer profitieren. Die Bereitschaft zu flexiblen Arbeitszeiten ist daher zusätzlich wichtig, um Frauenkarrieren zu fördern. Es schadet weiterhin auch nicht, vom Präsenzmodell Abschied zu nehmen, denn nur dann ist zum Beispiel auch ein Führen in Teilzeit möglich. Alles in allem bedeutet die Förderung von Frauenkarrieren für viele Unternehmen eine echte Frischzellenkur für die gesamte unternehmerische Organisation, von der letzten Endes alle profitieren.

Welches sind die Haupt-Anforderungen von Frauen an potenzielle Arbeitgeber?

Wir haben das in einer groß angelegten Umfrage im Jahr 2014 befragt. Knapp 3.000 Frauen haben bundesweit teilgenommen. 98,6% wünschen sich ein „offenes, diskriminierungsfreies Betriebsklima“, 97,5% achten auf die „kollegiale Zusammenarbeit“ und 95,2% legen Wert auf eine „Anerkennungskultur“. Die drei wichtigsten Faktoren sind also echte „Wohlfühl-Faktoren“. Wer jetzt auf die Idee käme, diese Faktoren seien unwichtig oder in keinster Weise wertschöpfend, der irrt. Die jährlichen Gallup-Studien zeigen sehr deutlich, dass Demotivation am Arbeitsplatz mit einem schwachen Führungsverhalten, fehlender Anerkennung und schlechtem Betriebsklima zu tun haben. Die Opportunitätskosten sind immens. Auch an dieser Stelle muss man ganz klar sagen, erweisen Frauen den Unternehmen einen echten Gefallen. Denn würden diese drei Top-Anforderungen flächendeckend in Corporate Germany umgesetzt, würde die deutsche Wirtschaft einen unglaublichen Produktivitätsschub erleben, der zu deutlich mehr Zufriedenheit und Commitment seitens der Mitarbeitenden führen würde.

Wieso engagieren Sie sich für das Thema Frauen im Berufsleben?

Ich bin seit fast 20 Jahren Unternehmerin, seit 12 Jahren Mutter eines Sohnes. Ich arbeite Vollzeit und teile mir mit meinem Mann, der gleichzeitig auch mein Geschäftspartner ist, die volle Verantwortung für unser Unternehmen und unser Kind. Ich sehe jeden Tag, wie gut das funktionieren kann und finde es selbstverständlich, dass Frauen und Männer gleichberechtigt in allen beruflichen und privaten Lebensbelangen agieren. Ich erlebe aber auch nahezu tagtäglich, dass Frauen immer wieder die Chance genommen wird, sich gleichberechtigt in den Unternehmenswelten zu entfalten, während bei Männern gleichzeitig der Druck wächst, das Familienernährer-Modell in einer Arbeitswelt aufrecht erhalten zu müssen, in der es immer weniger Arbeitsplatzsicherheit gibt. Ich bin überzeugt, dass die klassischen Familienmodelle in sehr vielen Bereichen ausgedient haben oder zumindest mit einem konkreten Ablaufdatum versehen sind. Und das lässt sich in drei Stichpunkten zusammenfassen: demografischer Wandel, immer unsicherer werdenden Sozial- und Rentensystemen und die Veränderung der Arbeitswelt. Aus gesellschaftlicher und unternehmerischer Sicht ist es zukunftsweisend und zukunftssichernd, genau jetzt dafür zu werben, dass Männer und Frauen gleichberechtigt und gleich verantwortlich in Wirtschaft und Gesellschaft agieren. Mit der women&work und den vielen anderen Projekten, die wir über unsere Agentur anstoßen, wollen wir den Weg dafür ebnen.

Treffen Sie Melanie Vogel auf der women&work am 4. Juni in Bonn am Stand der AGENTUR ohne NAMEN oder um 15:30 Uhr in ihrem Vortrag „Futability® – Veränderungen und Transformationen bewältigen und selbstbestimmt gestalten“ in Raum 5.

» http://www.womenandwork.de

erstellt am: 23.05.2016

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