KONSUMWIRTSCHAFT. Coaching Kolumne Februar 2015

Fachbeitrag von INTELLIGENT DEVELOPMENT SERVICES®
In der Fachkolumne von INTELLIGENT DEVELOPMENT SERVICES geht es diesmal um den Einsatz digitaler Medien in der Personalentwicklung. Gedanken zweier Praktiker zu einer realitätsnahen Sicht auf die Passung zwischen den Benefits eines Trends und den Anforderungen von Lernprozessen.

Interferenz :-) © - Die ©oaching-©olumne

KONSUMWIRTSCHAFT.

Samstag war Valentinstag. Dazu kann man geteilter Meinung sein. Für die einen ist das flächendeckender Profit, die anderen genießen die Romantik-Relikte aus der Vergangenheit und wieder andere fragen sich, weshalb sie sich etwas verordnen lassen sollen, einfach weil es alle tun. Auf diese Weise lassen sich so einige weltbewegende Themen betrachten, z.B. der Einsatz digitalen Lernens.Regine hat soeben berichtet, sie habe vernommen, dass zum Valentinstag 2013 eine renommierte Cargo-Gesellschaft 1.000 Tonnen Rosen allein nach Deutschland geflogen hat. Das ist mit flächendeckendem Profit gemeint - entlang der ganzen Lieferkette. So ist das auch mit dem ertragreichen Geschäftsfeld des digitalen Lernens.  

Stellen Sie sich mal in die Fußgängerzone mit dem Mikrofon eines TV-Senders in der Hand und fragen Sie die Leute zum Thema Valentinstag. Dass es da eigentlich nicht primär um Blumen und Geschenke geht - wie oft werden Sie das hören? Ebenso spannend könnte sein, wieviele Leute vergessen haben, dass es beim digitalen Lernen nicht primär um "digital" geht. Wir haben da so unsere Vermutung, nachdem in einer der aktuellsten Studien des MMB-Instituts für Medien- und Kompetenzforschung aus dem letzten Jahr nicht nur Produktschulungen, IT-Anwendungen und Compliance-Themen sinnvollerweise als wichtigste Themen und Inhalte des digitalen Lernens in Unternehmen identifiziert werden, sondern da tatsächlich Themen wie Management, Führung oder Soziale Kompetenz auftauchen. Für den ersten Themenkomplex ist das nachvollziehbar, ebenso wie der Thermomix zum Valentinstag. Man nehme: eine Liste klar definierter Zutaten, beim Thermomix heißt das Ding "Rezept-Chip", und verarbeite sie hochtechnisiert zu einem Gericht, das alles enthält, was der Konsumierende haben muss. Guided Cooking heißt das. Damit sind sämtliche Kochsendungen ad absurdum geführt, denn Thermomix erledigt das für alle gleich. Jedesmal für jeden. Im unternehmerischen Kontext heißt das "Vergleichbarkeit". Der Produktionsprozess ist voll transparent und kontrollierbar. Ich weiß, was und wieviel ich einkaufen muss für das jeweilige Resultat, das ich digital checken kann. Nehmen wir mal an, Sie hätten stattdessen Tante Anna oder einen Sternekoch anreisen lassen, der mit Ihnen gemeinsam Ihre Gäste bekocht. Was für ein Aufwand! So ein Thermomix ist eine sündteure Angelegenheit, aber Tante Anna kommt auch nicht zu Fuß. Menschen global mit Lerninhalten zu versorgen, bedarf ähnlicher Kalkulation. Die Installation digitaler Formate schlägt einen Thermomix tausendfach, muss also räumlich und zeitlich flexibel sein, möglichst viele relevante Konsumenten versorgen und sich schlicht rechnen.  

Inzwischen weiß man, dass der Unterschied zu Tante Anna und Präsenzveranstaltungen weitaus kleiner ist als gedacht. Man weiß auch, dass digitale Lernformate ohne zeitnahe tutoriale, d.h. menschliche Unterstützung sind, wie der Thermomix ohne Rezept-Chip. Das Ding landet viel zu oft in der hintersten Ecke des Küchenschranks. Wieso eigentlich? Wenn Sie ein Produktvideo dazu sehen, mutet das an wie das meiste, was Sie über digitales Lernen lesen können. Innovativ, großartig, Ressourcen sparend, intelligentes Produkt, auf der Höhe der Zeit - der Hype eben. Sie sehen vor allem eines nicht: das, was Kochen und die Zubereitung eines Menüs bedeuten kann - abseits eines lästigen Prozesses. Soll das Produkt ersetzen, was wir nicht sehen können? Interesse, Erlebnis, Spannungsmoment, Ehrgeiz vielleicht, Genuss, Spaß, wir könnten jetzt sagen "das was jeden Menschen auf seine Weise ausmacht" und ihn dazu veranlasst, etwas zu tun oder nicht? Letzthin sagte Tim Leberecht, der weiß wovon er da spricht, in einem Handelsblatt-Artikel "In den letzten Jahren sei der Glaube daran, dass Technologie und Daten jedes menschliche Problem lösen können, regelrecht zum Mainstream geworden." Er hat ein ganzes Buch über Wirtschaftsethik im digitalen Zeitalter geschrieben, darüber was dem Mainstream entgegenzusetzen wäre. Es heißt "Der Business-Romantiker".  

Sein Artikel zum Buch handelt davon, Menschen motivierter zu machen, nachdem er feststellt, dass nur noch 13% der Arbeitnehmer weltweit sich voll engagieren. Und da ist der Kern der Sache. Lernen muss man immer noch selbst. Wenn wir mal annehmen, dass es beim digitalen Lernen auch ums Lernen geht, gibt es da vernünftige Theorien. Beispielsweise darüber, wann Menschen anstrengungsbereit sind. Der berühmte Lerntheoretiker Piaget würde jetzt wohl sagen: "Ob jemand Informationsaufnahme ablehnt oder mit Freude tut, hängt damit zusammen, wie er mit neuer Information umgeht, die nicht direkt in die Strukturen seines Vorwissens einpassbar ist." So ein digitales Equipment klickt sich viel bequemer durch oder weg als es in der Lage ist, einen davon zu überzeugen, dass der Aufwand dauerhaft Sinn macht. Ob deshalb nur verschwindend kleine Raten von anfänglich registrierten Teilnehmern von MOOC's (Massive Open Online Courses) bis zum Ende durchhalten, oder so viele Mitarbeiter die verordneten digitalen Formate elegant umgehen, sie im "Abschreibmodus" bearbeiten oder einfach im Sande verlaufen lassen, können wir empirisch nicht beantworten. Sabines Schwester jedenfalls wird ihren Thermomix über ebay anbieten, denn er kann keinen duftenden Braten, er kann nicht in Gesellschaft kochen, man kann sich höchstens hinterher darüber unterhalten, wenn man noch Lust dazu hat. Und sie hat bis jetzt nicht ein einziges dieser Rezepte im Kopf, denn das Ding macht schlicht überhaupt keinen Spaß - ihr jedenfalls.
Die Lehr-Lernforscher und die digitalen Experten könnten sich doch mal zusammensetzen. Kürzlich sagte einer der digitalen Fans, die hohen Abbruchquoten seien ein ermutigendes Zeichen für Selbststeuerung, schließlich müsse man im Restaurant ja auch nicht das ganze Menü essen.

So ein Lehr-Lernforscher würde ihm dann vielleicht antworten, dass es nicht um das Nicht geht, sondern eben um den Reiz, es zu essen. Lernen ist gekoppelt an Emotion, Bedeutung der Inhalte für die Person, den Kontext, innerhalb dessen der Inhalt erworben wird, ans Mitgestalten des Lernprozesses, den unmittelbaren eigenen Beitrag, an Spannung, persönliches Feedback - und Freude an der Sache, auch wenn es immer noch Leute gibt, für die Spaß etwas Verdächtiges ist. Wenn die "digitale Lehr-Lernforschungskonferenz" das dann gemeinsam hinkriegte, also sich zusätzlich zum digitalen Prozess auf den Lernprozess zu konzentrieren, inklusive seines Endergebnisses, müssten wir ernsthaft um unsere Existenz fürchten ;-))  

Was uns momentan noch gut schlafen lässt, ist, dass wir eher mit dem zweiten Themenkomplex befasst sind, den wir weit oben erwähnt haben, nämlich Management- und Führungskompetenzen und Softskills. Nachdem schon die Inhalte - wenn das theoretische Basiswissen digital oder nicht digital einmal vermittelt ist - nichts anderes sind als Persönlichkeitsentwicklung, und das Ergebnis nichts anderes als Erfolg oder Nicht-Erfolg im Kontakt mit Menschen, macht es absolut Sinn, das auch im Kontakt mit Menschen professionell zu trainieren, zu testen und zu nutzen, was während dieser Interaktion spürbar wird und wirkt - sinnlich, verbal und nonverbal, bewusst und unbewusst. Noch immer sind diese Wirkmechanismen die stärksten. Bis uns die Wissenschaft das Gegenteil beweist. Weshalb erfreut sich Persönlichkeits-entwicklung digital dann überhaupt einiger Beliebtheit? Wenn Sie Manager und auch Personalentwickler befragen, es gibt dazu schon Antworten: Lieblingszeitraum von insgesamt 2 Tagen für ein Training nicht überschritten, Soll sichtbar erfüllt, Expresslieferung überall hin.  

Naja, ist ja mit vielen Blumensträußen am Valentinstag auch nicht anders ...

 

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erstellt am: 04.03.2015

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