NUR NET HUDELN...

Fachbeitrag von INTELLIGENT DEVELOPMENT SERVICES®
Qualitätsmanagement in Coaching und Training: Ein Wake-Up Call zum Umgang mit Daten und Information.

Interferenz :-) © - Die ©oaching-©olumne

 

NUR NET HUDELN...

Wer ist schon scharf auf lange Abhandlungen? Wir argwöhnen ohnehin, dass die Aufmerksamkeitsspanne für Information mit dem Wort „Spanne“ nicht mehr ganz zutreffend beschrieben ist, das hat ja doch Verwandtschaft mit so exotischen Begriffen wie „Spannbreite“ oder „Spannungsbogen“ und klingt, als brächte man was drin unter. Da gäbe es noch etwas Altmodischeres als „Spanne“, das vielleicht zukünftig besser geeignet wäre, den Hudel.

„Hudel“ ist eine Bezeichnung aus den südlichen Gefilden des deutschen Sprachraums und meinte ehemals einen Wischlappen – feuchter Art am besten. Man beeilte sich, mit demselben aus dem angeheizten Backofen rasch noch Aschereste zu entfernen, bevor man die Brotlaibe hinein schob. Rasch, um so wenig Hitze wie möglich zu verlieren. „Rasch“ korrelierte vermutlich nicht signifikant mit gründlich.

In diesem Sinne wäre zur gegenwärtig weit verbreiteten Art der Informationsvermittlung in den Fachbereichen Coaching und Training „Aufmerksamkeitshudel“ ein kompatibler Begriff. Schnell und kurz muß es gehen. Viele von uns angeln sich ein Aufmerksamkeit weckendes buzzword, ein „passendes“ Studienergebnis oder was ihnen dazu einfällt und legen los. Rasch, solange der Ofen noch heiß ist. In kleinen Einheiten, bitte. Wir nehmen uns nicht aus. Ein Fachartikel, geschweige denn ein Newsletter ist kaum an den Mann zu bringen, wenn er nicht mit dieser Art didaktischer Reduktion arbeitet, wobei auch das vermutlich nicht signifikant mit Gründlichkeit korreliert. Auch beliebt: die Rezepte, Tipps und Tricks für’s rasche Konsumieren, gerne auch banal. Keine Sorge, wir fangen jetzt keine Qualitätsdiskussion an...

In Ordnung, wenn Sender und Empfänger damit glücklich sind. Wir fragen uns nur, was kann das beitragen dazu, dass wir ein Image-Upgrade gut vertragen könnten? Sabine grummelt beim Lesen öfter mal vor sich hin, wenn’s um Ergebnisse und Erkenntnisse geht, die durchaus kleinere oder größere Lawinen auslösen könnten. Diese Skepsis aus ihrer Max-Planck-Zeit äußert sich in meckerpottartigen Selbstgesprächen. Da steht sie dann, die Interpretation eines Studienergebnisses und das Fazit daraus verbreitet sich wie „Stille Post“. Wie? Denken Sie mal dran, was aus der zweifellos revolutionären, aber sehr speziellen Studie zur Entdeckung der Spiegelneuronen geworden ist. Wie war die nochmal?* Äh - eben. Was geschah bis heute? Eine begeisterte Übertragung aller möglichen Schlüsse und Hypothesen auf Bereiche, die von der Beobachtung zielmotorischer Hand-Objekt-Interaktionen von Makaken durch Makaken so weit entfernt sind wie die Milchstrasse. Dass Menschen Spiegelneurone haben, konnte viel später nachgewiesen werden. David Poeppel, Neurobiologe an der New York University sah das dennoch trocken: „Die Zellen sind da, aber wozu sie gut sind und was sie machen, das wissen wir überhaupt nicht.“**

Wir sind bis jetzt nicht entscheidend klüger. Das gilt für eine Vielzahl von neuronalen Phänomenen, da die Forschungsmethoden zwar präzise in der Abbildung, Messung und Ortung neuronaler Aktivität zu sein scheinen, die Zuordnung der Ergebnisse etwa zu speziellen Verhaltensweisen oder Emotionen im Vergleich dazu jedoch nur rudimentär gelingen kann. Dass sich zu den wenigen kundigen und tatsächlich in das Fachgebiet eingearbeiteten Persönlichkeiten inzwischen eine beraterische Fangemeinde gesellt, die in die Vorsilbe „neuro“  verliebt zu sein scheint, ändert das nicht, ist aber hudelförderlich.

Nun befassen sich die meisten Studien rund um Coaching eher weniger mit Makaken und es wird nicht beobachtet, gefilmt und gemessen, sondern gefragt. Gern online. Macht auch Sinn. Wegen des Aufmerksamkeitshudels – wissen Sie noch? – darf das aber nicht zu lange dauern. Die Antwortalternativen sind zum größten Teil vorgegeben und werden per Klick ausgewählt. Oder der Teilnehmer wird gebeten, einer Aussage zuzustimmen bzw. sie abzulehnen mit möglichen Abstufungen zwischen beiden Polen. Bewertungen oder Einschätzungen z.B. zur Beziehungsqualität im Coaching-Prozess oder zur Selbstwirksamkeit funktionieren nach ebendiesem Prinzip – die Antwort wird jeweils durch eine Ziffer auf einer Skala ausgedrückt. Offene Antworten sind optional möglich, nur wenige finden jedoch den Weg in die Öffentlichkeit. Öffentlich zeigt sich, was Sabine die Laune verdirbt. Besonders deshalb, weil wir es auch nicht besser können. Öffentlich zeigen sich Zahlen: Prozentwerte oder Durchschnittswerte im Mittelfeld der Skalen, manchmal Mediane. Da man Durchschnittswerte statistisch vernünftig nur auf einem Skalenniveau bilden kann, das die Abstände zwischen den Antwortmöglichkeiten klar definiert, möglichst natürlich gleich :-), sind die Werte zwar grafiktauglich, sagen aber wenig aus. Auch darüber, ob ein Item polarisiert oder die Scores hauptsächlich in der Mitte herumdümpeln. Der Durchschnitt ist in beiden Fällen ganz ähnlich.

Häufig macht nur ein Teil der oft ohnehin kleinen, also nicht repräsentativen, Stichprobe von Befragten zu einem Item eine verwertbare Angabe. Wer antwortet nicht und weshalb? Wie ehrlich wird geantwortet? Wer wird überhaupt gefragt? Oft sind das Mitglieder von Verbänden oder Arbeitskreisen. Und die unzähligen anderen? Sie scheinen nicht auf, agieren aber im Markt. Wie aussagekräftig sind die Antworten auf die ohnehin wenigen Fragebögen, die Coaches an - vermutlich eher zufriedene - Klienten oder Auftraggeber weitergeleitet haben? Über die fehlende Information wird drübergehudelt und die Ergebnisse schnell verallgemeinert, so sehr sich die Forschenden auch um solide Arbeit bemüht haben.

Ja – und Du siehst in der Statistik am Ende, was Du selbst hineingesteckt hast, wenn Du fragst, wie wir fragen. Was zunehmend wichtiger wird, was eine Rolle wofür spielt, wer sich wie in einer Auftragsbeziehung verhält, was auch immer das Thema ist, das wir vorgeben, was wir erfahren, geht kaum über unsere eigenen Hypothesen hinaus. Und wir fragen oft unpräzise. „Wie viel Ihrer Jahresarbeitszeit verbringen Sie mit Coaching?“ - Antwort in Prozent bitte. Was ist „Jahresarbeitszeit“ – auf welchen Gebieten? Mit oder ohne Akquise, Marketing, Konzeption, Verfassen von Fachbeiträgen und dem Nebenjob als ...? Was ist „Coaching“ – die Anzahl der Coachingstunden? Mit oder ohne Anreise, Auftragsgespräche, Zielklärung, Vorbereitung, Dokumentation, eigene Weiterbildung, Supervision...

Das wird jetzt ein Selbstgespräch....wer ist schon scharf auf lange Abhandlungen ;-).

 

*Giacomo Rizzolatti, Corrado Sinigaglia: Empathie und Spiegelneurone: Die biologische Basis des Mitgefühls. Frankfurt am Main.: Suhrkamp, 2008. (Originaltitel: So Quel che fai - Il cervello che agisce e i neuroni specchi. 2006

**David Poeppel, in: Werner Siefer: Die Zellen des Anstoßes: Seite 2/4: Zwischen Fantasie und experimentellen Beweisen klafft ein gewaltiger Abgrund. In: DIE ZEIT, 17. Dezember 2010

 

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erstellt am: 23.09.2015

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