„Distanz – das spielt doch keine Rolle mehr in der Zusammenarbeit.“ Dies sagte mir gestern ein Kunde, wobei ein leicht zynischer Unterton nicht zu überhören war. In der Tat e-mailen, twittern, webcasten, facebooken und videokonferenzen wir uns inzwischen quer durch die Welt. Egal ob wir uns im Büro, im Zug oder im Basislager bei der Besteigung der Eigernordwand befinden – wir sind erreichbar und wir erreichen alle anderen. Moderne Medien machen es möglich, dass wir mit Kollegen und Partnern in den entlegensten Winkeln der Welt zusammenarbeiten, mit ihnen auf verschiedenen Ebenen kommunizieren und sie in virtuellen Besprechungsräumen treffen. Die Welt und damit die Distanz reduziert sich auf unsere Smartphone und unser Laptop.
Doch gemach, es ist viel zu früh, um der Distanz das Totenglöckchen zu läuten. Es gibt nämlich einen Faktor, welcher der Technik einen Strich durch die Rechnung macht – der Mensch.
Rufen wir doch das Corpus Delicti selbst in den Zeugenstand, nämlich die Distanz. Objektiv ist sie ein sehr einfaches Maß. Die Entfernung zwischen Eppingen und München ist ca. 300 km, die zwischen Eppingen und Shanghai ist Luftlinie etwa 9000 km. Basta. Doch nun kommt der Angeklagte ins Spiel, eben der Mensch mit seiner ganz und gar nicht objektiven Betrachtungsweise. Sehen wir uns hierzu die Ergebnisse einer interessanten Studie an.
Probanden mussten mit Hilfe von Medien mit entfernten Personen zusammenarbeiten, die in zwei Gruppen aufgeteilt waren. Gruppe 1 war nur wenige Kilometer entfernt und saß im gleichen Ort, Gruppe 2 war 5000 km entfernt. So wurde es denn Probanden gesagt. Objektiv hätte es egal sein müssen, wo die Gruppen sitzen, waren doch die Aufgabenstellung und die Kommunikationsmedien die gleichen. Doch die Ergebnisse sprachen eine andere Sprache. Die Bereitschaft, mit der zweiten Gruppe zusammenzuarbeiten, war deutlich geringer. Es wurde deutliche mehr in Eigenregie gearbeitet. Versuche, die entferntere Gruppe in die Arbeit zu integrieren, waren weniger ausgeprägt. Dafür war die Bereitschaft zum Schwindeln und zum Verheimlichen größer.
Lassen wir die Katze aus dem Sack: Beide Gruppen saßen fröhlich zusammen in einem Nebenraum und waren zunehmend erstaunt über die ungleiche Behandlung durch die Probanden.
Was war passiert? Nicht mehr und nicht weniger als dass der Faktor Mensch zugeschlagen hat. Gleiche Aufgaben, gleiche Technik, aber unterschiedliche Bereitschaft der Zusammenarbeit, weil das Gefühl der größeren Distanz zur zweiten Gruppe da war. Das menschliche Gehirn signalisiert sofort: „Weit weg, persönliche Treffen und damit entdecken von Fehlverhalten, Eigenbrötelei, Starrsinn, etc. geringer, also reiten wir mit lockeren Zügeln.“ Es geht dabei, wie die Studie zeigt, nicht um die tatsächliche Distanz, die ist ja nur wenige Meter war, sondern um die gefühlte, wahrgenommene Distanz.
Das beobachtete Verhalten der Probanden war nicht bösartig gemeint, denn sie kannten die beiden Gruppen gar nicht und hatten so kaum persönliche Präferenzen. Es ist einfach ein normales, menschliches Verhalten gerade zwischen Personen, die sich nicht oder nicht gut genug kennen. Führungskräfte haben nun ein Problem. Sie interpretieren dieses Verhalten nicht selten als mangelnde Leistung, Unorganisiertheit, fehlende Kommunikationsfertigkeit, etc., womit sie den Mitarbeitern Unrecht tun. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Denn dass es anders geht zeigt folgendes einfache Gedankenexperiment.
Stellen Sie sich vor, Sie haben einen lieben Menschen, zu dem Sie eine sehr gute Beziehung und viel Vertrauen hatten, lange Zeit nicht gesehen. Wenn Sie diesen Menschen persönlich oder virtuell treffen, wird sofort der bestehende Beziehungsdraht aktiviert – es ist, als ob man diesen Menschen gestern das letzte Mal gesehen hat.
Die Beziehungsebene beim Führen von Mitarbeitern ist immer wichtig. Sie ist besonders wichtig, wenn wir Mitarbeiter aus der Distanz führen. Es ist oft keine böse Absicht, wenn sich entfernte Mitarbeiter regelwidrig verhalten, also z.B. Vereinbarungen nicht einhalten, Qualitätsnormen und Leistungsnormen nicht erfüllen, etc. Es ist das einfache Gefühl, dass dieses Verhalten durch die Distanz nicht aufgedeckt wird, verborgen bleibt. Für Führungskräfte ist es daher von großer Bedeutung, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen und zu bewahren sowie „virtuelle Präsenz“ zu zeigen.
Diese Führungsaufgabe erfordert gerade beim Führen aus der Distanz Geduld und vor allem Zeit. Es ist eine permanente Aufgabe, um die sich Führungskräfte dauernd kümmern müssen. Führungskräfte, denen dieses gelingt, werden ihre Mitarbeiter zu großen Leistungen führen – und damit selbst erfolgreich sein
erstellt am: 22.01.2012
