Fernbeziehung Liebe aus dem Koffer

Teil 2: Überfrachtete Erwartungen bei Fernbeziehungen

Eigentlich lebt der Medizin-Student als Single und managt seinen Alltag komplett selbst. Manchmal würde er sich wünschen, näher bei seiner Freundin zu sein – besonders, wenn etwas schief gelaufen ist. „Aber am Freitag überlege ich mir zur Feier des Tages, was ich anziehe und was wir am Wochenende schönes zusammen machen können“, erklärt Alexander.

Häufig wird das Wiedersehen mit großen Erwartungen überfrachtet, die im Prinzip nicht erfüllbar sind. „Die Enttäuschung ist schon am Bahnsteig vorprogrammiert, wenn der Partner nicht mit strahlendem Sonntagslächeln empfangen wird“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Angelika Bandlitz aus Wachenheim. Sie arbeitet in Rheinland-Pfalz als Paartherapeutin. Gleiches gelte für den Abschied, wenn es am Wochenende gekracht hat: Bei vielen Paaren bleibe ein mulmiges Gefühl zurück: „So werden Konflikte nicht angesprochen, um die sonntägliche Eintracht nicht kaputt zu machen.“

Ein Patentrezept für Partnerschaft gibt es jedoch nicht. „So verschieden Menschen sind, so unterschiedlich gestalten sie auch ihre Partnerschaften“, erklärt Bandlitz. Mit Rezepten für das Gelingen einer Fernbeziehung tut sie sich schwer. Frei nach dem Motto: „Man nehme eine gute Prise Vertrauen, mische sie mit zwei Esslöffel Selbständigkeit und je einem halben Liter Toleranz, schiebe diese gute Basis in den Backofen, auf dass eine Perspektive herauskommt die allen Beteiligten schmeckt.“

Wenn man dann zusammenzieht

Pfarrerin Heiderose Gärtner begegnen in Gesprächen bei der Ludwigshafener Eheberatungsstelle der Diakonie auch Paare, in denen ein Partner für den anderen seinen Job gekündigt hat und in die Stadt des Partners zieht. Häufig bedeute das Einsamkeit für den Partner, der sich im neuen Lebensumfeld erst einmal zurechtfinden müsse. „Das ist vor allem dann problematisch, wenn noch Kinder mit im Spiel sind“, sagt Gärtner. Die „Fernbeziehung“ scheitere, wenn das Paar seine beiden Welten zusammenziehe und sich dabei ein Teil für das gemeinsame Glück opfere. Schon mancher Partner sei dabei enttäuscht worden, wenn der Gegenüber dieses erbrachte Opfer nicht ausreichend würdige.

Daher ist Kommunikation für Therapeuten wie Angelika Bandlitz das Zauberwort – wie in jeder anderen Beziehung auch. Es sei wichtig, dass sich Paare so viel wie möglich über ihre Erwartungen des Zusammenlebens austauschen. Die größte Herausforderung an eine Fernbeziehung ist für Bandlitz ein gesunder Umgang mit Vertrauen, Selbständigkeit und Erwartungsdruck. Für Alexander und Sarah stehen die Chancen für eine gemeinsame Zukunft gar nicht so schlecht: Nach Ergebnissen der Mainzer Studie von Norbert Schneider hält jede vierte Fernbeziehung länger als sechs Jahre. Demgegenüber wurde nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2005 jede dritte Ehe geschieden. „Für uns ist diese Wochendendbeziehung nur ein Übergangsphänomen. Die Liebe bleibt nicht auf Dauer im Koffer“, erklärt Sarah.

Fernbeziehungen und Beruf

Pflegen Sie eine Fernbeziehung? Darauf sollten Sie achten:

  • Nehmen Sie keine Arbeit mit ins Wochenende, wenn Sie die Zeit mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin verbringen wollen.
  • Erzählen Sie aber durchaus von Ihrer Arbeit und Ihren Erlebnissen, wenn es angebracht ist. Der Partner und die Partnerin wollen an Ihrem Alltagsleben teilhaben.
  • Sprechen Sie "organisatorische Probleme", die beruflich bedingt sind, direkt und offen an.
  • Fragen Sie Ihren Arbeitgeber oder Ihre Vorgesetzten und Kollegen, wie Sie Ihre Arbeitszeit einteilen können, damit auch für Ihren Partner und Ihre Partnerin ausreichend Zeit bleibt. Fragen Sie, ob Sie bestimmte Arbeiten auf der Reise erledigen können. Oft sind die Arbeitgeber verständnisvoller als man denkt.
  • Prüfen Sie, ob es Versetzungsmöglichkeiten gibt in die Nähe des Partners oder der Partnerin. Vielleicht ist auch ein Jobwechsel möglich.

Für Arbeitgeber: Schaffen Sie die Rahmenbedingungen, damit Ihre Mitarbeiter solche Beziehungsformen auch bewältigen; diese nehmen diese als wertvolle Leistung gerne an und bedanken sich mit Engagement und Loyalität:

  • Gibt es die Möglichkeit, Arbeit von zuhause aus oder auf Reisen zu erledigen?
  • Stellen Sie dafür auch einen Laptop zur Verfügung?
  • Können Mitarbeiter Ihre Urlaubszeiten selbstständig planen?
  • Können Sie kurzfristig für ein paar Tage frei nehmen?

Jan Thomas Otte forscht über Wirtschaftsethik (Princeton University) und berichtet über Karriereweisen in seinem Magazin karriere-einsichten.de

[Bild: vsurkov - Fotolia.com]

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