Frau Happich, was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Herausforderungen für Führungskräfte im Top-Management?
Der erste mögliche Stolperstein ist der Start auf dieser Hierarchieebene, denn der Wechsel aus der mittleren Führungsebene in die Top-Etage gelingt fast nie ohne Probleme. Bei dieser Metamorphose der Führungskraft, wie ich das nenne, ist den Führungskräften meist nicht bewusst, dass dort oben ganz andere Spielregeln herrschen. Aufsteiger ins Top-Management sollten diese Regeln nicht nur kennen, sondern auch auf deren Klaviatur spielen können. Ab jetzt stehen Strategien, Beziehungen und Verhandlungen, vor allem auch politisches und taktisches Kalkül im Vordergrund.
Können Sie ein Beispiel für einen typischen Fehler nennen, der passiert, wenn diese Spielregeln missachtet werden?
Zum Beispiel ist es taktisch eher unklug, den Vorstandskollegen mit einem neuen Vorschlag in der Vorstandssitzung zu überraschen oder vor versammelter Mannschaft sein Lieblingsprojekt zu kritisieren. Viel klüger ist es, ihn bei einem gediegenen Mittagessen in die eigenen Überlegungen einzuweihen und ihn so zum Verbündeten zu machen. Oft hilft es auch, sich das Beziehungsgeflecht, in dem sich die Vorstandskollegen und der Vorgesetzte bewegen, bewusst zu machen. Hier lässt sich schnell erkennen, wer mit wem besonders gut kann und was es mit den jeweiligen Interessenlagen auf sich hat.
Also geht es darum, sich taktisch klug zu verhalten...
Ja, denn eines ist klar: Auf dieser Ebene kommt es nicht nur auf Leistung im Sinne von Inhalten und Problemlösungen an, sondern viel stärker auf Leistung im Sinne von Einfluss und diplomatischer Souveränität. Als Top-Manager ist es eine gute Idee, sich Gedanken über die Motive und Bedürfnisse anderer Beteiligter zu machen und entsprechend zu argumentieren. Wenn man sich seinen Vorstand zum Verbündeten machen kann, erweitert das den eigenen Spielraum ungemein. Deshalb ist es höchst unklug, den Vorstand als Feind oder Gegner zu sehen. Man kann mit ihm zusammen wesentlich mehr erreichen.


