Perspektiven 2010 Zeit sich auf sich selbst zu verlassen

Teil 2: Wir werden alle Wissensarbeiter

Eine weitere Chance, unser Leben selbst in die Hand zu nehmen besteht darin, zu lernen, unsere Chefs zu führen. Die „nächste Gesellschaft“ ist eine Gesellschaft, die von Wissensarbeitern geprägt wird. Peter Drucker hat diesen Paradigmenwechsel bereits vor fünfzig Jahren vorausgesehen und ihn in seinem letzten Buch „Managing in the next Society“ (2002) nochmals zusammengefasst.

Peter Druckers Vorschläge für Organisationen und Management zielen im Kern darauf, die Produktivität von Wissensarbeitern zu erhöhen, wobei er hinzufügt, dass es zwar auf den Einzelnen ankomme, aber Wissensarbeiter nur gemeinsam in Organisationen das Wissen zur Anwendung bringen können:

„Wissen wird qua Definition spezialisierter. Angewandtes Wissen wird effektiver, wenn es spezialisiert ist. Und je spezialisierter es ist, um so effektiver wird es.“

Für jeden von uns, ob Wissensarbeiter oder Führungskraft, wachsen daraus Chancen, aber auch ganz neue Fragen und Probleme. Jeder von uns wird es lernen müssen, anderen, die nicht dieselbe Wissensbasis haben, erklären zu können, worin die Bedeutung dieses spezialisierten Wissens besteht. Wir werden verantwortlich dafür, dass unser Wissen einen Beitrag für die Organisation, ja sogar für die Gesellschaft liefert. In Zukunft wird es einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil geben: Wer kann Wissen systematisch anwenden.

Jede Organisation und jeder Portfolio-Worker wird sich über diesen Schlüsselfaktor behaupten und legitimieren müssen. Darüber hinaus impliziert das Management von Wissensarbeitern, dass jeder einzelne dieser Wissensarbeiter dafür verantwortlich wird, den Kollegen zu erläutern, worin sein Beitrag für die Organisation bestehe. Die Organisation wird dann leistungsfähig, wenn jeder laufend seine neu hinzu gewonnenen Erkenntnisse, Erfahrungen und Wissenssprünge mit den Kollegen teilt.

Die Ressourcen der Wissensorganisation hängen immer stärker von Partnerorganisationen, Kooperationen und Individuen ab, die das Management nicht kontrollieren kann und denen es keine Anweisungen geben kann. Noch ein Zitat von Peter Drucker:

„In der traditionellen Organisation der Massenproduktion hat der Mitarbeiter dem System zu dienen. In der wissensbasierten Organisation ist das System dazu da, dem Mitarbeiter zu dienen.“

Wissensarbeiter handeln weitgehend autonom und müssen sich selbst führen können. Das Management hat dann den Job, für Ziele zu sorgen und die Organisation auszurichten.

Komplexität wird zum Alltag

Müssen wir unser Berufsleben wirklich so kompliziert machen? Alle Erfahrung spricht dagegen. Von Diogenes über Thoreau bis zum Theologen Werner Tikki Küstenmacher, jeder dieser Ratgeber empfiehlt die Vereinfachung. Entrümple! Reduziere! Das ist die klassische Antwort, wenn wir fragen: Was ist zu tun, wenn alles komplexer wird?

Die Basis eines neuen beruflichen Selbstverständnisses wird nicht mehr durch Kausalität und Rationalität bestimmt, sondern durch Offenheit im Denken. In einer postklassischen Welt der Unbestimmtheit und Unentscheidbarkeit, in der viele Faktoren rationales und optimales Entscheiden unmöglich machen, wird der nicht domestizierte Wissensarbeiter zur entscheidenden Figur - durch seine Freiheit und seinen Mut, bisweilen durch seine Wut auf das Bestehende und seine Suche nach der Lücke. Wer heute in Unternehmen, Schulen, Theatern oder Verwaltungen arbeitet, sie mit gestaltet oder sie leitet, muss Gegensätze und Paradoxien ausloten und sich mit beunruhigenden Ungewissheiten anfreunden.

Um Ihnen eine Ahnung zu geben, wie man im Komplexitätszeitalter anders beobachten und handeln kann, stellen Sie sich einen belebten Strand vor, ein einfaches Beispiel für eine komplexe soziale Welt. Am Strand gibt es keine Regeln, keine Zäune, keine festgeschriebenen Verhaltensanweisungen. Jeder neue Besucher beobachtet zunächst. Der eine versucht, sich eine Privatsphäre zu schaffen, ein anderer versucht Privatsphären zu zerstören. Alles ist offen. Am Strand entsteht laufend, spontan und unerklärlicherweise etwas Neues. Strände scheinen denken und handeln zu können. Strände steuern sich selbst.

Ähnlich funktionieren heute Wirtschaft, Medien oder Kunst. Wenn wir genau hinsehen, finden wir heute überall selbstgesteuerte soziale Prozesse mit unklaren Regeln, an die sich sowieso kaum noch jemand hält. Und es entstehen laufend neue Regeln, die kaum mehr jemand überblickt. Im Vorteil ist, wer sich von Komplexität nicht irritieren lässt, sie gar nicht mehr zu ergründen versucht, sondern einfach handelt und aus der Rückkopplung auf das Handeln auf die neuen Mechanismen schließt. Im Komplexitätszeitalter sind Lückensucher gefragt, in Unternehmen, im Sozialen, in Karriereverläufen, ja in jeder sozialen, also komplexen Welt.

Wenn wir uns im Berufsleben uns also auf uns selbst verlassen, gehen wir mit Komplexität nicht strategisch um. Wir müssen gar nicht alles wissen, um richtig entscheiden zu können. Je komplexer das Umfeld, umso sinnloser sind langfristige Planungen, denn mit Optimierungen verliert man Zeit (denn man kann nur die heutigen Probleme lösen), und mit Orientierungen auf Ursachen und Wirkungen verrennt man sich leicht in Sackgassen. Komplexitätskünstler beobachten und entscheiden trotz des mangelnden Überblicks in diesem Labyrinth der Relationen. Das fasziniert den Wissensarbeiter der „nächsten Gesellschaft“ und das fordert ihn heraus.

Hinweis

Von Winfried W. Weber stammt auch das Buch „Complicate your life – Verkomplizieren Sie sich“.

[Bild: drizzd - Fotolia.com]

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Über den Autor

Prof. Dr. rer. pol. Winfried W. Weber
Prof. Dr. rer. pol. Winfried W. Weber

Winfried W. Weber ist Professor für Management an der Hochschule Mannheim. Er ist Experte für Management-Vordenker und Management-Konzepte und hat dazu mehrere Bücher veröffentlicht.

AnschriftProf. Dr. rer. pol. Winfried W. Weber
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