Wirtschaftskrise, Finanzkrise, Eurokrise – das Ganze Jahr über bombadieren uns Katastrophenmeldungen. Und jetzt soll ich auch noch das langersehnte weihnachtliche Sit-In mit Kollegen fürchten? Das kann doch nicht sein! Alle Jahre wieder erreichen mich Beiträge, die mir zeigen wollen, wie ich mich auf der nächsten Weihnachtsfeier verhalten soll. Schließlich ist es ja, bitteschön, eine Weihnachtsfeier, kein Kindergeburtstag, eine ernste Sache, kein lockeres Mittagessen in der Kantine.
Nein, bei mir wird dieses Jahr alles anders. Denn nachdem ich in den letzten Jahren die zahlreichen „Was-Sie-besser-lassen-sollten“- beziehungsweise „So-treten-Sie-nicht-ins-Fettnäpfchen“-Tipps immer brav befolgt hatte, möchte ich dieses Jahr endlich eines: Spaß haben! Deshalb, liebe Ratgeber-Autoren, seht es mir nach, wenn ich dieses Jahr meine eigenen Wege gehe.
Gespräche über die Arbeit
Dass man nicht auch noch auf Weihnachtsfeiern übers Business sprechen soll, ist eigentlich gar kein schlechter Tipp. Wenn wir das ganze Jahr Texte schreiben, Artikel redigieren, unser Portal am Laufen halten, Newsletter erstellen und versenden und mit Kunden und Autoren mailen, muss das nicht unbedingt auch noch an der Weihnachtstafel Gesprächsthema sein. Wäre da nur nicht der folgende Hinweis, der mich schon wieder irritiert …
Business-Small-Talk mit dem Chef
Jetzt also doch?! Mit meinen Kollegen darf ich nicht übers Business reden, mit meinem Chef aber schon? Klar, wer Karriere machen will, muss das eben auch auf Teufel komm' raus auf der Weihnachtsfeier zeigen: „Hallo Chef, übrigens: coole Location für die Weihnachtsfeier. Ach ja, was ich noch sagen wollte: Ich habe heute zwei neue Kunden an Land gezogen.“
Eigentlich liegt mir Small Talk, doch seltsamerweise hatte mein Chef ausgerechnet auf Weihnachtsfeiern kein Gehör für Geschäftliches. Stattdessen vertröstete er mich mit einem Besprechungstermin in seinem Büro. Dabei wollte ich doch nur höflich sein und ihm zeigen, was er an mir hat. Keine Chance: Nach dem zweiten Glas Wein hatte er partout keine Lust mehr auf Small Talk. Irgendwie konnte ich es ihm auch gar nicht verdenken, bei der ganzen Organisation, die er das Jahr über leisten muss. Fazit: Meine Small-Talk-Energie ist dieses Jahr bei der neuen Kollegin vom Empfang besser investiert.
Anbandeln mit Kollegen
Apropos: Wie habe ich mit mir gerungen, hin- und hergerissen zwischen den mahnenden Worten einiger Ratgeber-Autoren, die davor warnen, auf einer Weihnachtsfeier jemanden anzusprechen. Peinlich sei so etwas, sogar mit Beschwerden müsste ich rechnen und – das Schlimmste überhaupt – mein Job könne in Gefahr geraten. Wenn die von der neuen Kollegin am Empfang wüssten … Doch „schöne Augen macht man keinem!“ Das sitzt.
Dieses Jahr aber will ich es wissen. Warum sollte ich ausgerechnet auf einer Weihnachtsfeier zurückstecken? Schließlich kann ich sehr gut selbst einschätzen, wann ein Rückzug strategisch sinnvoll ist und wann nicht. Außerdem: Was kümmern mich die Blicke der Kollegen. Es fällt mir schwer zu glauben, dass die „jeden Annäherungsversuch exakt protokollieren“.
Thema Alkohol
Nein, auf Weihnachtsfeiern trinkt man kaum Alkohol. Maximal ein oder zwei Gläser Wein, habe ich mal gelesen. Mit Alkohol ist nämlich wirklich nicht zu spaßen, und außerdem kann man ja auch ohne Prozentiges fröhlich sein. Aber was hat es mir bislang gebracht? Jedes Jahr saß ich todunglücklich da und nippte an Wasser und Apfelschorle, nur um dem Rat zu folgen, der wie ein Damoklesschwert über mir schwebte: Zuviel Alkohol macht die Zunge locker. „Sie wissen dann womöglich nicht mehr, was Sie sagen – und beleidigen womöglich noch Kollegen oder sogar Ihren Chef.“ Am anderen Ende des Tischs aber probierten sich die Kollegen munter durch die Weinkarte.
Es hatte, man höre und staune, keinerlei negative Konsequenzen. Auch nicht von Seiten des Chefs. Klar, mit fortgeschrittener Zeit und ein paar Gläsern zuviel intus erinnerte ihre Konversation eher an Steinzeitmenschen, aber niemand störte sich daran. Von absichtlichen Bösartigkeiten, die der Alkoholkonsum anscheinend automatisch mit sich bringt, war auch nichts zu spüren. Im Gegenteil: Alle freuten sich über die ausgelassene Stimmung und prosteten sich zu. Nein, auf Weihnachtsfeiern trinkt man Alkohol, nämlich einen Aperitif, ein paar Gläser Wein und zum Abschluss noch einen Cocktail an der Bar!
Passendes Outfit
Bei einer Weihnachtsfeier, es ist schon etwas her, wagte ich den Aufruhr. Ich widersetzte mich dem Rat eines Autors, meine Kleidung dem Ort der Weihnachtsfeier entsprechend anzupassen. Stattdessen orientierte ich mich an einem anderen Ratgeber, der mir den Eindruck vermittelte, Weihnachtsfeiern seien keine Spaßveranstaltungen. Entsprechend seriös putzte ich mich heraus: Anzug, Krawatte, Business-Schuhe. Das ging solange gut, bis wir eines Tages statt in einem Lokal in einem Bowling-Center feierten. Ratsch! Schon nach dem ersten Versuch, alle Neune zu versenken, riss meine Anzughose. War wohl doch nicht die passende Kleidung für den Abend. Eine ruhige Kugel schob ich danach jedenfalls nicht mehr. Hätte ich den Tipp mit dem Dresscode besser befolgt: Ein Anzug mit Krawatte hat auf einer Kegelbahn nichts verloren. Was für ein spaßiger Abend hätte es doch werden können …
Ende der Weihnachtsfeier
Zum guten Schluss: Wann ich unsere Weihnachtsfeier in diesem Jahr verlassen werde, kann ich heute noch nicht sagen. Meine Erfahrung der letzten Jahre zeigt aber, dass es mit Sicherheit wieder spaßig – und damit spät – werden wird. Also bleibe ich sitzen. Ich bleibe sogar dann noch sitzen, wenn mein Chef früher gehen sollte. Das ist schon des Öfteren passiert und ich war nicht der Einzige. Am Ende fand sich immer eine Gruppe, mit der ich noch um die Häuser ziehen konnte. Schief angesehen wurde ich deshalb noch nie, obwohl einige Ratgeber sagen, man müsse dann aufbrechen, wenn der Chef es tut. Mein Chef wäre der letzte, der mich zwingen würde, krampfhaft sitzen zu bleiben, nur weil er noch da ist. Oder zu gehen, wenn er sich verabschiedet. Und ich kann und will mir auch nicht ernsthaft vorstellen, dass so etwas auf irgendeiner Weihnachtsfeier Usus ist.
In diesem Sinne wünsche ich frohe Weihnachten – und natürlich eine entspannte und selbstbestimmte Weihnachtsfeier. Bleiben Sie so, wie Sie sind!
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