Stress Medikamente sind keine Lösung

06.04.2009 – Oft sehen Manager keinen anderen Ausweg: Sie nehmen Aufputschmittel, um dauerhaft Leistungen zu erbringen und den hohen Anforderungen gerecht zu werden. Mit schlimmen Folgen: Abhängigkeit, Nebenwirkungen und gesundheitliche Risiken. Doch Unternehmen können ihr Gesundheitsmanagement gezielt auf die Bekämpfung von Stress ausrichten.

Eine DAK-Studie ergab: Die Hälfte aller Arbeitnehmer leidet unter großem Stress. Ursachen sind unter anderem:

  • Angst um den Arbeitsplatz,
  • starker Konkurrenzdruck unter den Kollegen,
  • Überforderung und
  • mangelnde Anerkennung.

Der Stress wirkt sich so aus, dass jeder Siebte an Herzrasen, rund ein Drittel an Konzentrationsstörungen, Unruhe und depressiven Verstimmungen leidet. Mehr als die Hälfte kann selbst nachts nicht abschalten und wälzt sich schlaflos im Bett. Der Übergang zu psychischen Erkrankungen wie Burnout und Depression ist fließend. Der Anteil psychischer Erkrankungen am gesamten Krankenstand stieg zwischen 1998 und 2008 um gut 60 Prozent von 6,6 auf 10,6 Prozent.

Hier finden Mitarbeiter eine zu bearbeitende Checkliste, mit Anregungen, Vorschlägen und Ideen, wie sie Stress besser bewältigen können.

Gefährlicher Trend: Doping im Job

Da ist es nicht verwunderlich, dass so mancher Arbeitnehmer zu Medikamenten greift, um Müdigkeit zu unterdrücken und die Konzentration zu steigern. Martin Kordt, Gesundheitsökonom bei der DAK, sagt:

„Unsere Hochrechnung auf Basis einer repräsentativen DAK-Befragung zeigt: Mehr als zwei Millionen Deutsche helfen bereits mit Medikamenten im Job nach.“

Sogenannte „Neuro Enhancer“ sollen helfen, mit dem Belastungen am Arbeitsplatz fertig zu werden.

Stichwort

Neuro Enhancer sind Arzneimittel, die ursprünglich für die Bekämpfung von Krankheiten wie Alzheimer oder Depression zugelassen worden sind. Bei Gesunden soll das Medikament die Denk- und Konzentrationsfähigkeit steigern. Die Forschung zu den Neuro Enhancer steckt aber noch in den Kinderschuhen. Momentan beginnen Wissenschaftler damit, die Wirkung der Medikamente jenseits der Krankheiten, für die sie ursprünglich entwickelt wurden, zu ergründen – den sogenannten „Off-Label-Use“. So wird an der Universität Münster der Effekt eines Parkinsonmittels auf die Gedächtnisleistung gesunder Menschen untersucht.

Bedenklich dabei ist, dass zwei von zehn Befragten meinen, die Risiken dieser Arzneimittel seien im Vergleich zum Nutzen vertretbar. In den USA hat das Phänomen „Doping fürs Gehirn“ schon ganz andere Dimensionen erreicht: Rund jeder zehnte Studierende erhofft sich dadurch bessere Leistungen und bedient sich regelmäßig aus der Pillendose. Eine Umfrage des Fachjournals „Nature“ belegt sogar, dass jeder fünfte US-Forscher auf die chemische Hilfe zurückgreift.

Medikamente im Job scheinen für viele eine bessere Alternative darzustellen, weil Begleiterscheinungen anderer Aufputschmittel wie motorische Störungen, Lallen oder die verräterische Alkoholfahne ausbleiben. Das Problem: Neuro Enhancer haben starke Nebenwirkungen bis hin zu Herzrhythmusstörungen. Die gesundheitlichen Langzeitfolgen sind längst nicht ausreichend erforscht. Auch das Suchtpotenzial ist nicht zu unterschätzen: Mittel gegen die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) zum Beispiel können bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch psychisch abhängig machen.

Für jedes Problem eine Tablette

Neben den Leistungsanforderungen der Arbeitswelt sehen Experten in der Medikalisierung der Gesellschaft einen weiteren Auslöser für Doping im Job. Immer mehr Menschen würden sich im Alltag auf die Wirkung von Arzneimitteln verlassen. Nach dem Motto „für jedes Problem gibt es eine Pille“ nehmen sie Abnehmkapseln für die Traumfigur, Viagra für die Potenz und Psychopharmaka fürs Gehirn. Dabei besteht die Gefahr, dass die Betroffenen die Warnsignale ihres Körpers nicht mehr wahrnehmen und sich immer weiter verausgaben, bis sie krank und im schlimmsten Fall auch noch abhängig werden.

Medikamentensüchtige fallen zunächst gar nicht auf, denn wer Medikamente braucht, um seinen Anforderungen perfekt gewachsen zu sein, leidet meist im Verborgenen. Kollegen oder Vorgesetzte werden häufig erst dann aufmerksam, wenn schon ein ernsthaftes Abhängigkeitsproblem besteht.

Hinweis

Wenn Sie mehr über Sucht am Arbeitsplatz erfahren möchten, lesen Sie dazu

Suchthilfe: Der richtige Umgang mit Sucht am Arbeitsplatz

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