Lernprozess Scheitern Aus Misserfolgen wertvolle Erfahrungen machen

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05.01.2012 – Für Menschen, Teams und Organisationen gilt: Scheitern gehört zum Arbeitsalltag. Deswegen ist ein offener und ehrlicher Umgang damit wichtig. Scheitern ist ein Lernprozess, der uns voranbringt.

Arbeitslos werden, Insolvenz anmelden, Studium abbrechen - alles schmerzhafte Erfahrungen, die den ein oder anderen zum Aufgeben bewegen und ihn an einem Tiefpunkt ankommen lassen. Der Druck, seine Ziele zu erreichen, ist hoch. Und damit steigt auch das Risiko, zu scheitern. Unsere Gesellschaft ist erfolgs- und leistungsorientiert: Qualifikation und Karriere, Ergebnisse und Umsätze müssen stimmen. Wer sein angestrebtes Ziele nicht erreicht, ist erfolglos. Er scheitert.

Am Scheitern haftet etwas Negatives. Wer anderen von seiner Niederlage erzählt, erntet betretene Gesichter. Niemand redet gerne über die schlechte Mitarbeiterbewertung oder die Zahl der abgelehnten Bewerbungen. Dabei ist Scheitern menschlich und unvermeidlich, also normal. Das sehen Menschen, Organisationen und Führungskräfte oft nicht so: Erfolg ist ein Zustand, an dem sich alle messen.

Das Phänomen Scheitern ist mit der letzten Wirtschaftskrise präsenter geworden. Trotzdem nehmen wir nur selten Misserfolge wahr. Dabei sind sie die Normalität. Forscher und Berater empfehlen deswegen Mitarbeitern, Führungskräften und Organisationen zu einem offenen und ehrlichen Umgang mit Misserfolgen.

Scheitern ist Persönlichkeitsentwicklung

Wenn Menschen scheitern, verdrängen sie es, sie verlieren ihr Selbstwertgefühl und finden schwer einen Ausweg oder sie machen denselben Fehler noch einmal. Manche steuern ihr Unternehmen geradewegs in die Pleite, weil sie an ihren bewährten Zielen festhalten. Andere denken ständig, etwas falsch zu machen und treffen deswegen keine wichtige Entscheidung. Wer so mit Misserfolgen umgeht, verspielt wertvolle Erfahrungen.

Hilfreich ist eher, Scheitern als Herausforderung zu akzeptieren und als einen bewussten Lernprozess zu verstehen. Die persönliche Erfahrung wird damit für weiteres Handeln wichtig und nützlich. Misserfolge sind dann eine Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung.

Wenn Menschen scheitern, kommen sie schnell an ihre Grenzen. Sie fühlen sich in ihrer Identität bedroht. Es laufen folgende innere Prozesse ab:

  1. Schock: Gefühl von Orientierungslosigkeit, Fassungslosigkeit, Erregung oder Erstarrung.

  2. Verleugnung: Hoffnung auf Rückgängigmachen.

  3. Aggresion: Phase des Sichwehrens.

  4. Depression: Reaktion auf ein Verlusterlebnis, die sich als Hemmung, Selbstanklage und Herabsetzung des Selbstwertgefühls äußert.

  5. Trauerarbeit: Trauer um die alte Realität und Abschied von lieb gewordenen Idealvorstellungen, Personen und Objekten.

Bevor Menschen sich und ihre Ziele neu definieren, müssen sie ihr Scheitern akzeptieren und ursprüngliche Ziele loslassen. Der Psychologe und Business-Coach Markus Väth rät Gescheiterten zunächst zu einer Pause, um sich neu zu sortieren. Eine bestimmte Zeit der Trauer ist nötig, um sich Fehler einzugestehen und daraus zu lernen.

Gescheiter scheitern: Misserfolge analysieren

Der Prozess des Scheiterns wird von der individuellen Perspektive beeinflusst. Führungskräfte sollten sich mit diesen Prozessen auseinandersetzen, denn mit der Art und Weise, wie Menschen ihr eigenes Scheitern bewerten, bewerten sie auch gescheiterte Projekte oder Mitarbeiter. Wer alles als eine persönliche Niederlage erlebt, wird im Berufsalltag kaum zwischen Sach- und persönlicher Ebene unterscheiden können. Erst eine konstruktive Sicht auf das Scheitern macht einen Lernprozess daraus.

Um gescheiter zu scheitern, muss eine Analyse der Situation und des Kontextes folgen. Dafür ist hilfreich:

  • Zwischen Person und Situation differenzieren: Was hätte ich ändern können, was nicht? Für welchen Bereich des Scheiterns bin ich verantwortlich?

  • Fähigkeiten und Grenzen kennen: Wo liegen meine Potenziale, Kompetenzen, Grenzen und blinde Flecken?

  • Aufrechte Haltung gegenüber dem Scheitern haben: Kann ich Scheitern als Weiterentwicklung sehen und akzeptieren?

Erst danach kann ein Erneuerungsprozess beginnen. Erst dann ist ein Richtungswechsel möglich. Das sollten auch Führungskräfte beherzigen, wenn sie zum Beispiel schlechte Nachrichten überbringen. Gerade sie müssen Kündigungen aussprechen oder über schlechte Umsatzzahlen informieren. Wer verantwortungsvoll mit seinen Mitarbeitern umgeht, sollte folgende Regeln für das Überbringen schlechter Nachrichten einhalten:

  • Die Information direkt und unmissverständlich aussprechen. Es ist sinnvoll, eine schlechte Nachricht vorher anzukündigen. Zum Beispiel „Ich muss Ihnen etwas sehr Unangenehmes mitteilen.“

  • Falls nötig, die Information wiederholen und Zeit lassen. Es hilft nicht, im Zustand eines Schocks gut zuzureden, Ratschläge oder Hilfsangebote zu geben. Der Geschockte braucht Zeit, um sich zu erholen.

  • Die Phasen Aggression und Depression aushalten statt abwehren.

  • Bagatellisieren vermeiden. Wer von möglichen Vorteilen eines Ereignisses spricht, wird die Phasen unnötig verlängern.

  • Hilfe erst dann anbieten, wenn sie in der Phase Trauerarbeit gewünscht wird. Vorher hilft eher Einfühlungsvermögen und Verstehen.

Neue und intelligente Fehler wagen

Gescheiterte Projekte sind im Gegensatz zu erfolgreichen an der Tagesordnung. Unternehmen sollten sie einkalkulieren. Der Umgang mit Misserfolgen in Organisationen kann bei der Umsetzung von Projekten von vornherein eingeplant werden. Dazu hilft es, zu fragen:

  • Wie sähe dieses Projekt aus, wenn es aus unserer Sicht erfolgreich wäre?

  • Woran könnte es scheitern?

    Falls ein Projekt scheitert, ist ein ehrlicher Aufklärungsprozess notwendig:

  • Was hat den Erfolg des Projekts womöglich verhindert?

Dabei ist es nicht zielführend, nach Schuldigen zu suchen.

Hinweis

Wenn Ihre Kollegen oder Mitarbeiter Fehler mit negativen Folgen für Ihre eigene Arbeit machen, ist es wichtig, dass solche Fehler direkt angesprochen werden, um deren Ursachen zu erkennen. Dann lassen sich gemeinsame Lösungen – kurzfristig und langfristig – finden.

Lesen Sie hierzu in unserer Lösungshilfe: Bei Fehlern von Kollegen Ursachen finden und Zusammenarbeit pflegen

Bei Innovationen verhält es sich ähnlich: 85 bis 95 Prozent aller technischen Entwicklungen werden nie marktreif, sind aber für weitere Entwicklungen wichtig.

Scheitern kann demnach eine Chance für Erfolg sein oder wie der Gründer von IBM, Thomas Watson, meint:

„Wenn du Erfolg haben willst, dann verdopple deine Fehlerrate.“

Beispiel Toyota

Der Automobilhersteller fordert seine Mitarbeiter auf, Misserfolge zu thematisieren und Hindernisse als Herausforderung anzunehmen. So könnten scheinbar unerreichbare Ziele realisiert werden. Eine interne Regel lautet: Mitarbeiter dürfen keine Fehler vertuschen, weil sonst nichts daraus gelernt werden kann. Im Gegenzug müssen Mitarbeiter bei Fehlern keine Sanktionen fürchten. Sanktionen erwarten sie aber, wenn Fehler vertuscht werden. Denn je später ein Fehler erkannt wird, desto höher sind die Kosten zur Fehlerbehebung.

Ein oft genanntes und zunächst gescheitertes Projekt ist der Toyota Prius. Das Auto mit Hybridantrieb sprang nicht an, ist heute aber weltweit sehr erfolgreich.

Die Forschergruppe um die Berater Lars Baumeister und Leila Steinhilper plädieren in diesem Zusammenhang für eine Unternehmenskultur, die ein angstfreies Arbeiten zulässt und von Schuldzuweisungen und Bestrafungen ablässt.

Mitarbeiter und Führungskräfte sollten Fehler erkennen können und gemeinsam aufarbeiten und weiterentwickeln. Das Motto sollte lauten: trial and error (deutsch Versuch und Irrtum).

Stichwort

Versuch und Irrtum (englisch trial and error) ist eine heuristische Methode des Problemlösens. Mögliche Lösungswege werden ausprobiert, bis die gewünschte Lösung gefunden ist. Dabei wird bewusst die Möglichkeit von Fehlschlägen in Kauf genommen. Es heißt aber nicht, bewusst und absichtlich Fehler machen zu wollen.

Wenn die Firmenleitung eine Fehlertoleranz in Bezug auf Forschung und Entwicklung fördern will, muss sie sich fragen:

  • Was dürfen meine Mitarbeiter ausprobieren? Welche Befugnisse haben sie?

  • Gebe ich Anreize, Ideen einzubringen oder blockiere ich sie womöglich?

  • Höre ich Vorschläge und Ideen der Mitarbeiter an und fördere sie dabei, diese für eine Umsetzung zu Ende zu denken?

  • Welche Mittel stelle ich meinen Mitarbeitern zur Verfügung, damit sie ausreichend aber nicht verschwenderisch experimentieren können?

  • Sollen alle möglichst viele Ideen entwickeln und prüfen oder konzentriere ich von vorneherein alle Ressourcen auf ein Projekt?

  • Werden die Mitarbeiter bei Fehlschlägen verwarnt oder zu weiteren Versuchen ermutigt?

  • Wie prämiere ich erfolgreich umgesetzte Ideen?

    [Quelle: Fehler fördern: Mit Fehlertoleranz zum Durchbruch]


Für Menschen, Teams und Organisationen gilt: Scheitern gehört wie Erfolg zum Alltag. Denn: Irren ist menschlich. Ein konstuktiver Umgang mit dem Phänomen Scheitern hilft nicht nur in der Berufswelt sondern ist auch im Privatleben nützlich. 

Tipps für den Umgang mit Misserfolgen:

  • Verinnerlichen Sie, dass Scheitern und Erfolg zusammen gehören.
  • Falls Ihr Projekt nicht so gut läuft, ist es manchmal besser, loszulassen und sich den Misserfolg einzugestehen. Halten Sie nicht um jeden Preis an Ihrem Ziel fest.
  • Differenzieren Sie zwischen der gescheiterten Sache, zum Beispiel einem Projekt, und Ihrer Person. Misserfolge haben viele Gründe, die nicht immer erfasst werden können.
  • Verzeihen Sie sich, wenn sie gescheitert sind und stellen Sie nicht die Schuldfrage. Fragen Sie sich statt dessen: Welche Schlüsse ziehe ich daraus, um es beim nächsten Mal besser zu machen.
  • Nehmen Sie sich nicht zu viel vor oder korrigieren Sie Ihre Ziele. Das birgt die Chance, sich neu zu definieren oder Neues auszuprobieren.
  • Wenden Sie die Technik „grenzenlose Übertreibung“ aus der Verhaltenstherapie an: Stellen Sie sich vor, was alles an Ihrem Projekt oder Ziel scheitern kann und übertreiben Sie maßlos. Auf diese Weise kommen Sie zu neuen Erkenntnissen und sehen die Dinge realistischer.
  • Bauen Sie Ihr Selbstwertgefühl auf und pflegen Sie soziale Kontakte zu Menschen, die Sie unterstützen.

Lessons Learned

Scheitern ist (noch) ein Tabuthema. Die Gesellschaft orientiert sich am Erfolg. Vor allem Organisationen befassen sich kaum mit dem Thema.

Scheitern hat etwas mit Status- und Gesichtsverlust zu tun. Es kann zum Abstieg oder Ausschluss kommen. Deswegen ist ein offener und ehrlicher Umgang mit Scheitern wichtig.

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Über die Autorin

Anette Rößler
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