Arbeitslos werden, Insolvenz anmelden, Studium abbrechen - alles schmerzhafte Erfahrungen, die den ein oder anderen zum Aufgeben bewegen und ihn an einem Tiefpunkt ankommen lassen. Der Druck, seine Ziele zu erreichen, ist hoch. Und damit steigt auch das Risiko, zu scheitern. Unsere Gesellschaft ist erfolgs- und leistungsorientiert: Qualifikation und Karriere, Ergebnisse und Umsätze müssen stimmen. Wer sein angestrebtes Ziele nicht erreicht, ist erfolglos. Er scheitert.
Am Scheitern haftet etwas Negatives. Wer anderen von seiner Niederlage erzählt, erntet betretene Gesichter. Niemand redet gerne über die schlechte Mitarbeiterbewertung oder die Zahl der abgelehnten Bewerbungen. Dabei ist Scheitern menschlich und unvermeidlich, also normal. Das sehen Menschen, Organisationen und Führungskräfte oft nicht so: Erfolg ist ein Zustand, an dem sich alle messen.
Das Phänomen Scheitern ist mit der letzten Wirtschaftskrise präsenter geworden. Trotzdem nehmen wir nur selten Misserfolge wahr. Dabei sind sie die Normalität. Forscher und Berater empfehlen deswegen Mitarbeitern, Führungskräften und Organisationen zu einem offenen und ehrlichen Umgang mit Misserfolgen.
Scheitern ist Persönlichkeitsentwicklung
Wenn Menschen scheitern, verdrängen sie es, sie verlieren ihr Selbstwertgefühl und finden schwer einen Ausweg oder sie machen denselben Fehler noch einmal. Manche steuern ihr Unternehmen geradewegs in die Pleite, weil sie an ihren bewährten Zielen festhalten. Andere denken ständig, etwas falsch zu machen und treffen deswegen keine wichtige Entscheidung. Wer so mit Misserfolgen umgeht, verspielt wertvolle Erfahrungen.
Hilfreich ist eher, Scheitern als Herausforderung zu akzeptieren und als einen bewussten Lernprozess zu verstehen. Die persönliche Erfahrung wird damit für weiteres Handeln wichtig und nützlich. Misserfolge sind dann eine Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung.
Wenn Menschen scheitern, kommen sie schnell an ihre Grenzen. Sie fühlen sich in ihrer Identität bedroht. Es laufen folgende innere Prozesse ab:
Schock: Gefühl von Orientierungslosigkeit, Fassungslosigkeit, Erregung oder Erstarrung.
Verleugnung: Hoffnung auf Rückgängigmachen.
Aggresion: Phase des Sichwehrens.
Depression: Reaktion auf ein Verlusterlebnis, die sich als Hemmung, Selbstanklage und Herabsetzung des Selbstwertgefühls äußert.
Trauerarbeit: Trauer um die alte Realität und Abschied von lieb gewordenen Idealvorstellungen, Personen und Objekten.
Bevor Menschen sich und ihre Ziele neu definieren, müssen sie ihr Scheitern akzeptieren und ursprüngliche Ziele loslassen. Der Psychologe und Business-Coach Markus Väth rät Gescheiterten zunächst zu einer Pause, um sich neu zu sortieren. Eine bestimmte Zeit der Trauer ist nötig, um sich Fehler einzugestehen und daraus zu lernen.
Gescheiter scheitern: Misserfolge analysieren
Der Prozess des Scheiterns wird von der individuellen Perspektive beeinflusst. Führungskräfte sollten sich mit diesen Prozessen auseinandersetzen, denn mit der Art und Weise, wie Menschen ihr eigenes Scheitern bewerten, bewerten sie auch gescheiterte Projekte oder Mitarbeiter. Wer alles als eine persönliche Niederlage erlebt, wird im Berufsalltag kaum zwischen Sach- und persönlicher Ebene unterscheiden können. Erst eine konstruktive Sicht auf das Scheitern macht einen Lernprozess daraus.
Um gescheiter zu scheitern, muss eine Analyse der Situation und des Kontextes folgen. Dafür ist hilfreich:
Zwischen Person und Situation differenzieren: Was hätte ich ändern können, was nicht? Für welchen Bereich des Scheiterns bin ich verantwortlich?
Fähigkeiten und Grenzen kennen: Wo liegen meine Potenziale, Kompetenzen, Grenzen und blinde Flecken?
Aufrechte Haltung gegenüber dem Scheitern haben: Kann ich Scheitern als Weiterentwicklung sehen und akzeptieren?
Erst danach kann ein Erneuerungsprozess beginnen. Erst dann ist ein Richtungswechsel möglich. Das sollten auch Führungskräfte beherzigen, wenn sie zum Beispiel schlechte Nachrichten überbringen. Gerade sie müssen Kündigungen aussprechen oder über schlechte Umsatzzahlen informieren. Wer verantwortungsvoll mit seinen Mitarbeitern umgeht, sollte folgende Regeln für das Überbringen schlechter Nachrichten einhalten:
Die Information direkt und unmissverständlich aussprechen. Es ist sinnvoll, eine schlechte Nachricht vorher anzukündigen. Zum Beispiel „Ich muss Ihnen etwas sehr Unangenehmes mitteilen.“
Falls nötig, die Information wiederholen und Zeit lassen. Es hilft nicht, im Zustand eines Schocks gut zuzureden, Ratschläge oder Hilfsangebote zu geben. Der Geschockte braucht Zeit, um sich zu erholen.
Die Phasen Aggression und Depression aushalten statt abwehren.
Bagatellisieren vermeiden. Wer von möglichen Vorteilen eines Ereignisses spricht, wird die Phasen unnötig verlängern.
Hilfe erst dann anbieten, wenn sie in der Phase Trauerarbeit gewünscht wird. Vorher hilft eher Einfühlungsvermögen und Verstehen.
Neue und intelligente Fehler wagen
Gescheiterte Projekte sind im Gegensatz zu erfolgreichen an der Tagesordnung. Unternehmen sollten sie einkalkulieren. Der Umgang mit Misserfolgen in Organisationen kann bei der Umsetzung von Projekten von vornherein eingeplant werden. Dazu hilft es, zu fragen:
Wie sähe dieses Projekt aus, wenn es aus unserer Sicht erfolgreich wäre?
Woran könnte es scheitern?
Falls ein Projekt scheitert, ist ein ehrlicher Aufklärungsprozess notwendig:
Was hat den Erfolg des Projekts womöglich verhindert?
Dabei ist es nicht zielführend, nach Schuldigen zu suchen.

