Zu gewinnen ist eine bessere Welt, schreibt der BrandEins Autor und Redakteur Wolf Lotter in diesem seinem neuen Buch. Wenn die Kreativen den Industriekapitalismus und ihre Bosse ablösen. Das klingt verlockend und ambitioniert. Immerhin hat Lotter bekannte Zukunfts- und Kreativ-Vordenker dazu eingeladen, Argumente beizutragen, um seine These zu fördern.
Welchen Beitrag die Kreativwirtschaft für Gesellschaft im Allgemeinen und für Wirtschaft im Besonderen leistet, darüber wird derzeit landauf landab geforscht und geschrieben. In Österreich, in Deutschland gehört sie zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen. Sie schafft zahlreiche Arbeitsplätze und Werte. Allein, sie ist fragmentiert und differenziert und viele Kreative leben und arbeiten in prekären Verhältnissen. Wie soll mit diesen Voraussetzungen die Machtübernahme gelingen? Und was daran ist die bessere Welt?
Wolf Lotter zeichnet mit seinen Co-Autoren aus der Kreativwirtschaft nach, wie die Wege dahin verlaufen können. Sie machen klar, dass sie steinig sind. Denn die alten und herrschenden Wirtschaftsformen bieten den Kreativen nicht das, was diese brauchen. Das sind vor allem:
- Diversity,
- Toleranz,
- Vielfalt,
- Überfluss
- Freiräume und
- Selbstständigkeit.
Damit sind Kollisionen vorprogrammiert. Doch die Kreativen sind auch zu einer wichtigen Ressource für die Etablierten geworden. Unternehmen brauchen Ideen, Forschung und Impulse, aus denen sie in Zukunft ihre innovativen (Wissens-) Produkte und Prozesse schaffen können. Sie sind deshalb durchaus bestrebt, Bedingungen und Möglichkeiten zu schaffen, die den Kreativen entgegenkommen.
Wolf Lotter will mit seinem Buch zum Umdenken anregen, damit wir erkennen, dass diese neuen Formen des Denkens und Arbeitens keine Bedrohung sind, sondern dass sie uns nutzen. Im ersten Schritt stellt er uns das Wesen des Kreativseins und der Ideenwirtschaft vor. Hier kommt es vor allem darauf an, die Unterschiede zu erkennen und zu schätzen. Lotter will deutlich machen, dass das, was die Kreativwirtschaft leistet, nach herkömmlichen Maßstäben kaum zu bewerten ist. Zudem ist die Kreativwirtschaft sehr zersplittert und vielgestaltig. Verleger, Autoren, Musiker, Filmemacher, Künstler, Journalisten, Architekten, Designer und Werbetreibende – sowie alles um diese herum zählen dazu.
In den folgenden Kapiteln erläutert Lotter mit seinen Co-Autoren Bedingungen, Möglichkeiten und Funktionsweisen der Kreativen und der Ideenwirtschaft. Sie stellen heraus, was sie so besonders macht, was sie anders macht und inwiefern alle Umdenken müssen, um ihre Potenziale zu nutzen. Die Leistungen und Potenziale stehen dabei im Vordergrund; die Defizite wie Unsicherheit, prekäre Einkommenssituation, Stress und Bindungslosigkeit werden nicht thematisiert. Das ist das Defizit dieses Buches.
Aber Lotter und Kolleginnen und Kollegen wollen natürlich auch zuspitzen und Schwarz-Weiß-Malen. Das gelingt ihnen auf eine anregende und ansprechende Weise. Alle sind geschickte, erfahrene, aber eben auch etablierte Kreative, die vor allem auch das Handwerk des guten Schreibens beherrschen. Und manchmal entstehen dabei auch gute Ideen – etwa, wenn der Zukunftsforscher Matthias Horx die neue Klasse der Kreativen vor der Marxschen Theorie des Proletariats und der Klassenkämpfe beschreibt und dabei auf die Texte altbekannter Arbeiterlieder zurückgreift: Wacht auf, Verkannte dieser Erde!
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