Von Penuts bis Mannesmann

Von Frank Wilmes

Schon wieder Irritationen? „Die Deutsche Bank tut alles, um ihre Privatkunden zu vergraulen“, stöhnt ein Mitarbeiter, der an diesem Morgen die volle Wut der Kunden abbekommt. Der Vorstandsvorsitzende Josef „Joe“ Ackermann ficht das nicht an – noch nicht. Aber in wenigen Stunden ist er weich gekocht, dann muss er wieder einmal alles gerade rücken. Die Suchmaschine Google zählt zu diesem Zeitpunkt bereits 291 Artikel, die sich kritisch mit der Bank auseinander setzen.

Was ist passiert: Die Immobilientochter der Deutschen Bank, die DB Real Estate,musste einen offenen Fonds schließen, nachdem Anleger Geld in Höhe von rund 450 Millionen Euro abgezogen haben. „Wir hatten keinerlei Informationen darüber, wie es tatsächlich um den Fonds stand“, sagt ein Bankangestellter, der Verwandten und Bekannten geraten hat, in das Produkt zu investieren. Viel zu spät informiert die Bank die Mitarbeiter über die Krise des einstigen Flagschiff-Fonds. Noch eine Woche vor dem Desaster bietet das Geldhaus das Krisenprodukt als langfristig sicheres Investment an. Obwohl die Bankenaufsicht BaFin und der Bundesverband Deutscher Banken Ackermann nun eindringlich dazu raten, die geschockten Anleger zu unterstützen, verweigert der Deutschbankier jede Unterstützung. Trotzig lässt er mitteilen, dass die Aktionäre nicht die Risiken der Fondsanleger tragen könnten.

Aber schon kurz nach dieser Feststellung setzt bei ihm ein kurzes und heftiges Umdenken ein. Offenbar befürchtet Ackermann nunmehr Schadensersatzprozesse wegen fehlerhafter Beratung, denn deutsche und amerikanische Anwälte suchen schon nach Mandanten, um dem Geldhaus den Prozess zu machen.

Wie verwandelt sichert Ackermann den Neuanlegern nun schnelle und unbürokratische Hilfe zu. Doch Vertrauen gegenüber seinen Mitarbeitern und Kunden schafft er damit nicht mehr. Dafür kommt das taktische Zugeständnis zu spät. Mit bitterer Schärfe schreibt der Wirtschaftsjournalist Thomas Wels in der Rheinischen Post: „Es ist bemerkenswert, mit welcher Beharrlichkeit sich die Deutsche Bank bei Bürgern, Anlegern und Mitabeitern unbeliebt macht.“

Die Deutsche Bank beherrscht wie kaum ein anderes Unternehmen die Kunst, sich permanent mit schlechten Nachrichten ins Gespräch zu bringen. Verantwortlich dafür sind ausgerechnet die Spitzenmanager selbst. Neben Ackermann der Aufsichtsratsvorsitzende Rolf Breuer und Hilmar Kopper, Ex-Vorstandschef und Ex-Aufsichtsratsvorsitzender. Diese drei Männer haben dafür gesorgt, dass Deutschlands größte Bank unter neurotischem Imageverlust leidet. Neurosen äußern sich in auffallenden Verhaltensweisen, die einen Menschen oder seine Umgebung beunruhigen können. Seit mehr als einem Jahrzehnt unterhalten sie das Publikum mit Mannesmann-Prozess, Kirchpleite, Peanutsaffäre und vielen weiteren Schlagzeiten.

Manager müssen Fakten verständlich kommunizieren und die Wahrnehmung dieser Fakten beeinflussen.

Die Öffentlichkeitsarbeiter haben alle Mühe, aus der Imagekrise herauszukommen. Sobald ein wenig Ruhe einkehrt, überrascht das Spitzenpersonal wieder mit einer Kommunikationspanne. So verkündet Ackermann steigende Gewinne und ehrgeizige Renditeziele – und verbindet diese Erfolgsmeldung mit der Ankündigung, 6400 Arbeitsplätze abzubauen. Und das nur einen Tag nachdem die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland die Grenze von fünf Millionen Menschen überschritten hatte. Politiker und selbst Wirtschaftsvertreter fallen über die Bank her, werfen ihr „Schweinerei“ vor und bezeichnen das Management als „tumbe Geldmenschen“. Weil Ackermann nicht auf die Wirkung seiner Worte achtet, bringt er sich selbst um seine Wirkung. Er versteht nicht, dass nicht die Fakten allein, sondern die Wahrnehmung von Fakten eine eigene Wirklichkeit schafft. Deshalb ist er auch nicht in der Lage, diese Wahrnehmungen zu seinem Vorteil zu beeinflussen.

Der Vorstandsvorsitzende prägt mit seinem Verhalten wesentlich das Image der Bank. Sein Fehltritt schadet somit auch der Bank. Es gibt nicht den privaten Ackermann und den geschäftlichen Ackermann. Wer ein wichtiges und bedeutendes Unternehmen leitet, der ist ein „Privatgeschäftsmann“. Nun hat Ackermann immer wieder Probleme damit, sich angemessen in der Öffentlichkeit zu verkaufen, obwohl er einen sympathischen Eindruck macht.

Auf der Anklagebank im Düsseldorfer Mannesmann-Prozess sucht Ackermann am ersten Verhandlungstag nach einem Ventil, um aus der Ungehörigkeit seiner Situation für einen Augenblick herauszukommen. Er macht gegenüber dem mitangeklagten Klaus Esser das V-Zeichen – und beide kichern wie kleine Kinder. Das Siegeszeichen als Machtgeste in einem deutschen Prozess. Die Wirkung entlädt sich erst am anderen Tag, als dieses Foto um die Welt geht, Zeitungen aller Couleur darüber berichten und Kommentare dazu schreiben. Das Echo ist durchweg negativ. Seit dem 21. Januar 2004 sind Ackermanns Finger ein Zeichen für Respektlosigkeit und Überheblichkeit. „V wie Verlierer“ titelt die WELT am SONNTAG wenige Tage danach. Für die Süddeutsche Zeitung ist Ackermanns Geste „obszön und ein Abgrund der Arroganz“. Der Spiegel titelt: „Ackermanns Blackout“. Hans-Ulrich Jörges schreibt im Stern: „Ackermann

hat verloren, selbst wenn er den Prozess gewinnt.“ Mehr noch: Das Bild macht ihn – und nicht Klaus Esser – zum Mittelpunkt des Prozesses. Eine fatale Wirkung: Denn nicht Ackermann, sondern Esser hat die Millionen bekommen, über deren Rechtmäßigkeit vor Gericht verhandelt wird.

Außerdem tritt Ackermann vor Gericht auf wie ein Sunnyboy. Er lächelt ständig und gibt sich betont locker. Das Gesicht eines Strahlemanns passt aber nicht vor Gericht, selbst wenn man glaubt, dass man unschuldig ist. Denn ein Gericht ist keine lustige Veranstaltung. Ackermanns Landsmann, der Schweizer Kabarettist Emil, demonstriert in einem Stück, wie lächerlich eine paradoxe Kommunikation sein kann. Er spielt einen Parteivorsitzenden, der trotz Wahlschlappe von Stärke und Zuversicht spricht, gleichzeitig aber dem Weinen nahe ist.

Ackermann verteidigt sein Verhalten unter anderem damit, dass ein Verteidiger ihm dazu geraten habe, von nervösen Gesten abzusehen, weil dies auf ein schlechtes Gewissen hätte hindeuten können. Deshalb habe er versucht, so locker wie möglich zu wirken. Genau das ist gründlich in die Hose gegangen. Angemessen wären ein solides und verbindliches Verhalten, ein konzentrierter Blick und ruhige Gesten.

Die restliche Geschichte ist bekannt: Ackermann wird freigesprochen, der Bundesgerichtshof hebt das Urteil des Landgerichts Düsseldorf Ende 2005 aber wieder auf. Die Schutzvereinigung der Kapitalanleger und die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz fordern Ackermann zum Rücktritt auf.

Bescheidenheit, Sensibilität und Rechtschaffenheit vermitteln Vertrauen.

Für etwas Ablenkung sorgt Ackermanns Vorgänger Rolf Breuer. Der plaudert am 3. Februar 2002 in einem Fernsehinterview mit Bloomberg TV über den Kunden Leo Kirch und entzündet damit eine mehrjährige juristische und peinliche Auseinandersetzung.

Der Redakteur fragt: „Ein großes Thema derzeit in Deutschland ist der Kirch-Konzern und die Probleme mit der Verschuldung. Es gibt einen Zeitungsbericht in der Financial Times, dass Sie mit dem Bundeskanzler gesprochen hätten über Kirch. Stimmt das?“ Breuer antwortet kurz und knapp: „Das kann ich nicht kommentieren, der Bundeskanzler muss sagen, ob er mit mir gesprochen hat oder nicht.“ Der Redakteur hakt nach: „Fragen wir mal anders: Kirch hat sehr, sehr viele Schulden, sehr hohe Schulden. Wie exponiert ist die Deutsche Bank?“ Die Antwort: „Relativ komfortabel würde ich mal sagen, denn – das ist bekannt und da begehe ich keine Indiskretion, wenn ich das erzähle – der Kredit, den wir haben, ist erstens zahlenmäßig nicht einer der größten, sondern relativ im mittleren Bereich, und zweitens voll abgesichert durch ein Pfand

recht auf Kirchs Aktien am Springer-Verlag. Uns kann also eigentlich nichts passieren, wir fühlen uns gut abgesichert. Es ist nie schön, wenn ein Schuldner in Schwierigkeiten kommt und ich hoffe, das ist nicht der Fall. Aber wenn das so ist, bräuchten wir uns keine Sorgen zu machen.“ Nach diesem Vorgeplänkel lockt der Redakteur den damaligen Deutschen Bank-Chef in die Falle. „Die Frage ist ja, ob man ihm mehr hilft, weiter zu machen?“

Breuers Antwort stürzt die Deutsche Bank in eine Vertrauenskrise und beschäftigt im Januar 2006 sogar den Bundesgerichtshof. Breuer antwortet: „Das halte ich für relativ fraglich. Was man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere Fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen. Es können also nur Dritte sein, die sich gegebenenfalls für eine – wie Sie gesagt haben – Stützung interessieren.“

Zwei Monate später meldet Kirch Media Konkurs an, Leo Kirch macht Breuers Interview dafür mitverantwortlich und verklagt ihn auf Schadensersatz. Das Oberlandesgericht München verurteilt die Deutsche Bank im Dezember 2003, sämtliche Schäden zu ersetzen, die Breuer mit seinem Fernsehinterview angerichtet hat. Prompt geht die Bank in die Revision, um sich rein zu waschen vom Vorwurf, das Bankgeheimnis verletzt zu haben. Doch was der Bundesgerichtshof dazu sagt, ist ein Debakel für die Deutsche Bank. Sie habe „Loyalitätspflichten“ und das „Bankgeheimnis“ verletzt. Das ist das Schlimmste, was man einer Bank vorwerfen kann. Denn Vertrauen ist das wichtigste Kapital einer Bank.

Bescheidenheit, Sensibilität und Rechtschaffenheit vermitteln Vertrauen. Die Deutsche Bank aber wirkt nur überheblich – und dazu hat gewiss auch Hilmar Kopper beigetragen. Die Peanuts, die er 1994 in die Welt setzt, wird er nicht mehr los.

Anfang 2006 steht Kopper schon wieder im entsetzlich grellen Licht der Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart verdächtigt ihn des Insiderhandels. Nach dem Wertpapierhandelsgesetz ist nicht nur der Handel mit so genannten Insider-Papieren, sondern auch die unbefugte Weitergabe von Insider-Informationen verboten. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Daimler-Chrysler soll er die Deutsche Bank über den geplanten Rücktritt von Daimler-Chef Jürgen Schrempp noch vor der offiziellen Bekanntgabe informiert haben. Dadurch habe er der Bank einen Informationsvorsprung ermöglicht, um sich mit guten Gewinnen von einem Teil ihrer Daimler-Chrysler-Aktien zu trennen.

Alles nur Peanuts?

Die Deutsche Bank wirkt maßlos und arrogant. Sie gibt sich ersichtlich auch keine große Mühe, sympathisch zu wirken. Erschrocken fragt man sich, warum diese Bank aus Krisen nicht lernt? Warum schlittert sie immer wieder in den Schlamassel?

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