Problemstellung:
In den letzten Jahren ist die Frage, wann und wie sich Individuen mit einer bestimmten sozialen Gruppe identifizieren, zunehmend in das Interesse der Organisations- und Managementforschung gerückt. So existieren im Organisationskontext eine Vielzahl an potenziellen Identifikationszielen, wie etwa die eigene Berufsgruppe, die Projekt- oder Arbeitsgruppe, die Abteilung sowie die Organisation als Ganzes, die dem Mitarbeiter zeitgleich zur Verfügung stehen. Bisher kam diesbezüglich insbesondere der organisationalen Identifikation eine große Aufmerksamkeit zu. Dies beruht im Wesentlichen auf der Feststellung, dass Menschen zum Teil beachtliche Anstrengungen auf sich nehmen, um etwas für eine Organisation zu leisten, mit welcher sie sich in hohem Maße identifizieren. So konnten zahlreiche Studien belegen, dass organisationale Identifikation einen positiven Effekt auf verschiedene erwünschte Verhaltensweisen und Einstellungen hat. Eine hohe Identifikation kann sich bspw. positiv auf die Kooperationsbereitschaft sowie auf die Arbeitsleistung der Mitarbeiter auswirken.
Demgegenüber findet ein aktueller Tatbestand bisher nur wenig Beachtung, wenn es um die Identifikation der Mitarbeiter geht. Der Einsatz der Mitarbeiter wird vielfach nicht mehr lediglich in Bezug auf die eigene Organisation erwartet, sondern oftmals in Bezug auf eine 'übergeordnete Einheit'. Gemeint ist damit ein Kooperationsverbund bzw. ein Netzwerk, in das die betreffende Organisation eingebettet ist. Diesbezüglich finden sich nur wenige Arbeiten, die sich zudem meist auf die Betrachtung von Franchise-Netzwerken beschränken. Diese Arbeit legt ihren Fokus auf Kooperationen im Allgemeinen und Unternehmensnetzwerke im Besonderen. Sie bezieht damit auch Kooperationsverbünde in die Betrachtung mit ein, die nicht zentral gesteuert im Sinne einer Gesamtorganisation auf dem Markt agieren.
Kooperative Beziehungen sind mittlerweile keine singuläre Erscheinung mehr, sondern vielmehr aufgrund der veränderten, wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Regel geworden. So hat sich die Wettbewerbssituation in vielen Branchen und Märkten angesichts der fortschreitenden Globalisierung der Märkte, der Beschleunigung von Innovationsprozessen sowie aufgrund der weltweiten Informations- und kommunikationstechnologischen Vernetzung zunehmend verschärft. Durch eine unternehmensübergreifende Zusammenarbeit bietet sich gerade für mittelständische Unternehmen die Möglichkeit, größenbedingte Ressourcendefizite auszugleichen und am Markt erfolgreich zu bestehen. Dennoch wird die Misserfolgsquote bei Unternehmenskooperationen in der Literatur mit 60 bis 70 Prozent beziffert. Oftmals veranlasst ein hoher Steuerungs- und Ressourcenaufwand die Teilnehmer zum Umdenken oder sogar zum vorzeitigen Aufgeben. Forschung und Praxis bedienen sich dahingehend vieler Erklärungen, wie solche Probleme zu Tage treten können und thematisieren dabei zum Beispiel Einflussfaktoren, wie eine unzureichende Kommunikation, einen inadäquaten Wissensaustausch, mangelnde Lernfortschritte und mangelndes Vertrauen zwischen den Teilnehmern.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob dies nicht auch auf eine mangelnde Identifikations- und Kooperationsbereitschaft der Mitglieder zurückgeführt werden kann. Kommt es zu einer unternehmensübergreifenden Zusammenarbeit, so sind es doch letztendlich die beteiligten Mitarbeiter, die diese im Wesentlichen tragen. Ist daher nicht deren Identifikation mit dem Netzwerk von hoher Bedeutung für dessen Erfolg? Und welche Faktoren sind ausschlaggebend für eine hohe Identifikation und Kooperationsbereitschaft? Dies sind die grundlegenden Fragen, die diese Arbeit leiten. Bisher gibt es nur wenige Arbeiten, die sich mit der Thematik der Identifikation in Netzwerken auseinandersetzten. Zudem existiert noch keine etablierte und eigenständige Konzeption der Netzwerkidentifikation, weshalb diese Arbeit zunächst auf die Erkenntnisse des Social Identity Approaches sowie auf die der Forschung zur organisationalen Identifikation zurückgreift.
Für den Organisationskontext konnte bereits mehrfach gezeigt werden, dass insbesondere das Prestige einer Organisation einen wesentlichen Einfluss auf die Identifikation der Mitglieder hat und sich darüber zudem kooperatives Verhalten erklären lässt. Diese Erkenntnis soll auf den Netzwerkkontext übertragen werden, worin ein wesentlicher Beitrag dieser Arbeit besteht. Dabei greift diese Arbeit zusätzlich auf ein noch bisher wenig untersuchtes Konstrukt, das perceived external prestige (PEP), zurück, welches hierdurch eine Erweiterung erfährt. Dieses bezieht sich insbesondere auf die Wahrnehmung der Mitarbeiter darüber, wie externe Anspruchsgruppen die eigene Organisation bzw. in diesem Fall das Netzwerk bewerten. Demnach stellt sich also die Frage, ob das durch die Mitarbeiter wahrgenommene externe Prestige eines Netzwerkes ausschlaggebend für deren Identifikation mit dem Netzwerk ist und welche Implikationen sich daraus für das Management ergeben. Ein weiterer Beitrag den die Arbeit leisten möchte, besteht somit darin, dem (Netzwerk-) Management wichtige Ansatzpunkte zur effektiveren Zusammenarbeit im Netzwerkverbund aufzuzeigen.
Zielsetzung:
Das generelle Ziel dieser Arbeit besteht in der theoretischen Herleitung und empirischen Überprüfung eines Modells der Netzwerkidentifikation. Im Wesentlichen soll der Frage nachgegangen werden, ob das durch die Mitarbeiter wahrgenommene externe Prestige eines Netzwerkes sich auf die Netzwerkidentifikation und damit auf die Kooperationsbereitschaft der Mitglieder auswirkt.
Methodisches Vorgehen:
Da zuvor aus der Theorie abgeleitete Hypothesen anhand einer möglichst großen Anzahl von Daten empirischen überprüft werden sollen, wurde für diese Arbeit ein quantitatives Untersuchungsdesign in Form einer Querschnittsstudie gewählt. Zur Erhebung der Daten wurde ein standardisierter Fragebogen eingesetzt, da durch dieses Vorgehen eine große Datenbasis generiert werden kann. Zur Überprüfung der Messinstrumente und zur Auswertung der Datenbasis wurden schließlich statistische Analyseverfahren eingesetzt.
Aufbau der Arbeit:
Im ersten Kapitel wird zunächst das generelle Thema der Arbeit skizziert und die theoretische und praktische Relevanz einer Auseinandersetzung mit Themen der Identifikation in Organisationen und Netzwerken aufgezeigt. Zudem werden die Zielsetzung und die Forschungsmethodik erläutert.
Im zweiten Kapitel folgt die Beschreibung und Eingrenzung des Untersuchungsgegenstands. Es wird ein erstes Verständnis darüber vermittelt, was unter Kooperationen im Allgemeinen und Netzwerken im Besonderen zu verstehen ist, anhand welcher Merkmale sich diese klassifizieren und unterscheiden lassen und welche Formen der Zusammenarbeit im Fokus dieser Arbeit stehen.
Im dritten Kapitel wird der aktuelle Forschungsstand zur Identifikation in Organisationen sowie in Netzwerken genauer skizziert. Damit wird die theoretische Basis zur Ableitung der Untersuchungshypothesen geschaffen. Das Kapitel gliedert sich dabei in vier wesentliche Teile. Im ersten Teil werden die theoretischen Grundlagen zur Identifikation im Organisations- und Netzwerkkontext erläutert, wobei insbesondere der Social Identity Approach näher vorgestellt wird. Im zweiten Teil werden verschiedene Definitionen und Konzeptionalisierungen von organisationaler Identifikation präsentiert, die auf den Erkenntnissen des Social Identity Approaches basieren. Zudem werden mögliche Dimensionen und Foki der Identifikation thematisiert. Zuletzt wird das Verhältnis zwischen wahrgenommenem externem Prestige, organisationaler Identifikation und kooperativem Mitarbeiterverhalten beleuchtet. Hierfür werden die Konstrukte - wahrgenommenes externes Prestige und organizationale Citizenship behaviour - in Kürze beschrieben und ihre Beziehung zur organisationalen Identifikation anhand empirischer Studien aufgezeigt. Der dritte Teil präsentiert aktuelle Forschungsarbeiten zur Identifikation und Identität in Netzwerken und dient darüber hinaus der Klärung, was unter Netzwerkidentifikation in dieser Arbeit verstanden wird. Im vierten Teil werden die Erkenntnisse zur Identifikation im Organisations- und Netzwerkkontext zusammengeführt und die Untersuchungshypothesen der Arbeit abgeleitet.
Im vierten Kapitel werden die zuvor entwickelten Hypothesen empirisch überprüft. Dazu werden zunächst das Vorgehen bei der Datenerhebung, die Stichprobenauswahl, die Merkmale der Stichprobe sowie die eingesetzten Befragungsinstrumente beschrieben. Daran anschließend wird in Kürze erläutert, anhand welcher Kriterien die Messqualität überprüft wurde und welche Verfahren zur Auswertung und Analyse der Daten angewandt wurden. Zuletzt werden die Ergebnisse der Konstruktvalidierung sowie der Hypothesen- und Modellüberprüfung präsentiert.
Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse der quantitativen Datenanalyse diskutiert und anschließend mögliche Implikationen für die Praxis aufgezeigt. Des Weiteren werden die Limitationen der Arbeit dargestellt, bevor abschließend die wesentlichen Erkenntnisse der Arbeit zusammengefasst und weitere Ansatzpunkte für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Themen der Identifikation in Netzwerken aufgezeigt werden.