Einleitung:
Es sind meist Geschichten wie die einer Friseurin in der Dortmunder Nordstadt, geschieden, Mutter von 2 Kindern, verschuldet und am Rand der Insolvenz. Oder wie die einer Hausfrau in Thüringen, verheiratet, aus Chile immigriert, mit Kenntnissen in der Kosmetikberatung und dem Wunsch, ein Nagelstudio zu eröffnen. Diese Frauen haben gemein, dass sie trotz realisierbar erscheinender Geschäftsideen von einer nahezu aussichtslosen Suche nach einem geeigneten Kredit für ihr Gründungsvorhaben berichten und diesen erst durch ein deutsches Mikrofinanzinstitut erhielten.
Individuelle Erfahrungen wie diese dienen daher in der aktuellen wirtschaftsjournalistischen Berichterstattung und wirtschaftspolitischen Argumentation als gehaltvolles Beispiel für die Notwendigkeit und die positive Wirkung von Mikrokrediten in Deutschland. Dabei wird zumeist der Begriff 'Mikrokredit' über seine reine Funktion der Finanzdienstleistung hinaus mit einer Vielzahl gesellschaftlich vielversprechender Attribute verbunden. Denn Mikrofinanzkonzepte profitieren im Allgemeinen von dem Ruf, dass sie in der Lage seien, wirtschaftlich orientiertes Denken und altruistisches Engagement im Kampf gegen Armut für alle involvierten Parteien als eine 'Win-win Situation' zu deren Vorteil zu verbinden.
Der Grund dafür dürfte nicht nur in der bemerkenswert erfolgreichen Etablierung als Instrument der Entwicklungshilfe liegen. Darüber hinaus sorgte vor Allem die Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahr 2006 an Muhammad Yunus, einen der Pioniere der Mikrofinanzdienstleistungen und Gründer der Grameen Bank in Bangladesch, für eine weltweit verstärkte mediale Aufmerksamkeit dieses Kreditmarktproduktes. Das Nobelpreiskomitee begründet die Verleihung des Preises u.a. damit, dass durch Mikrokredite die Demokratie und Menschenrechte gestärkt und diese daher eine Hauptrolle im Kampf gegen Armut einnehmen werden.
In Folge dessen vollzog auch der Markt für Mikrokredite in Deutschland innerhalb der letzten Jahre eine beachtliche Entwicklung. Denn sowohl die Forderungen vieler Unternehmensgründer sowie kleinst, klein- und mittelständischer Unternehmen (KKMU) nach flexibleren Kreditformen, als auch das wachsende Bedürfnis der Politik und privater Investoren nach sozialverträglichen Anlageformen erscheinen im Mikrokreditkonzept vereinbar.
Diese Entwicklung und die hohen Erwartungen, die allgemein an die Effekte von Mikrokrediten in Deutschland gestellt werden, begründen die Motivation, die Hintergründe dieser Bewegung aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive zu betrachten und hinsichtlich ihrer Wirkungen als Instrument der Gründungsfinanzierung kritisch zu hinterfragen.
Zielsetzung und Struktur der Arbeit:
Im Rahmen der Literaturrecherche zur Thematik von Mikrokrediten wurde deutlich, dass trotz der zunehmenden Relevanz und Bekanntheit dieses Instruments die überwiegende Mehrheit der wissenschaftlichen Arbeiten die Wirkungen und Potenziale von Mikrokreditprogrammen aus verschiedensten doch teilweise sehr eingeschränkten und isolierten Perspektiven betrachten.
Um die Dimensionen der Mikrokredite als Finanzierungsinstrument ganzheitlich und möglichst lückenlos erfassen zu können, ist daher das Ziel dieser Arbeit, die Summe derjenigen Faktoren darzustellen, welche sich unmittelbar auf den Mikrokreditmarkt in Deutschland auswirken. Denn erst in Folge dessen kann eine fundierte Bewertung der derzeitigen Entwicklungen des Mikrokreditprogramms erfolgen.
Dazu gehört einleitend neben den historischen Entwicklungen und dem gegenwärtigen Ist-Zustand (Kapitel 2) auch die Einbettung der Mikrokreditbewegung in die relevanten wirtschaftswissenschaftlichen Theorien (Kapitel 3). Die wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen sowie die wirtschaftspolitischen Motive einer Förderung und Subventionierung der Mikrokreditprogramme sind ebenso maßgebend für die sukzessive Verbreitung in Deutschland (Kapitel 4). Darüber hinaus soll die Systematik des Kreditangebots und der Vergabe dargestellt werden, um die Rollen und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Marktakteuren begreifbar machen zu können (Kapitel 5). Daraufhin wird der Fokus auf die Seite der Nachfrage gelenkt, also auf die potentiellen unternehmerischen Fähigkeiten der Kreditnehmer, deren Gründungsvorhaben und möglichen Erfolg (Kapitel 6).
Erst nach der individuellen Betrachtung dieser Faktoren werden die einzelnen Perspektiven zusammengefasst, um Stärken, Schwächen, Erfolgspotenziale und Risiken der Mikrokreditbewegung in Deutschland zu identifizieren und summarisch beurteilen zu können (Kapitel 7).
Dass dabei die Grenzen einer rein betriebswirtschaftlichen Betrachtungsweise der Thematik überschritten werden, ist ein bewusster Weg. Denn der politisch erhoffte und angestrebte Erfolg der Unternehmensgründungen aus Mikrokreditfinanzierungen ist ebenfalls von weitaus mehr als ausschließlich betriebswirtschaftlichen Einflüssen abhängig.