Einleitung:
Zunehmende Komplexität von Investitionsprojekten, hohe Investitionsvolumina und großer Koordinationsbedarf machten die Entwicklung individueller Finanzierungskonzepte mit angepassten Organisationsstrukturen notwendig. Projektfinanzierung ist in diesem Zusammenhang zu einer weltweit etablierten Finanzierungsmethode geworden, bei der die Investitionskosten einer Wirtschaftseinheit, ihre Betriebskosten und der Schuldendienst für aufgenommene Fremdmittel von dieser selbst erwirtschaftet werden. Definiert man Projekte mit Investitionsvolumen von 500 Mio. Dollar und mehr als Großvorhaben, so liegt ihr historischer Volumenanteil bei etwa 75% aller Projektfinanzierungen.
Der Grundgedanke der Projektfinanzierung ist die Fokussierung auf die zukünftigen Cash Flows des Projekts als primäre Rückzahlungsquelle für externe Kapitalgeber. Die sog. "production payment"-Finanzierung, die in den 1930-er Jahren zur Erdölfelderschließung in den USA eingesetzt wurde, wird in der Literatur häufig als Vorreiter der modernen Projektfinanzierung bezeichnet.
Einige Autoren argumentieren sogar, dass ähnliche Finanzierungsansätze schon vor Jahrhunderten zur Finanzierung von Seehandelsreisen eingesetzt wurden. Der Grundgedanke der Ertragsorientierung mag bei Seedarlehen von damals zwar vorhanden sein, ihre Relevanz im Kontext moderner Projektfinanzierung kann allerdings bezweifelt werden. Was heutige Projektfinanzierungen besonders auszeichnet ist die Nutzung moderner Datenverarbeitungssysteme, die hochkomplexe Projektanalysen und innovative Finanzierungsmodelle erst ermöglicht haben.
Mit der Internationalisierung der Projektfinanzierung seit den 1970er Jahren, als europäische Banken bei der Finanzierung von Erdölerschließungen in der Nordsee Projektfinanzierungsstrukturen erstmals systematisch einsetzten, ist sie zu einem weltweiten Trend geworden. Seit dem Ende der 1980-er Jahre hat sich das weltweite Projektfinanzierungsvolumen mehr als verzwanzigfacht. Neben traditionellen Anwendungsgebieten im Infrastruktur- und Industriebereich kommen Projektfinanzierungen mittlerweile auch in neueren Wirtschaftszweigen wie Medien, E-Business oder Touristik immer häufiger zum Einsatz.
Konventionelle Kraftwerksfinanzierungen, die traditionell im Rahmen von den sog. Betreibermodellen durchgeführt werden, sind seit der Liberalisierung von Energiemärkten in den USA in den 1980er Jahren und später in Europa zu einer standardisierten Form der Projektfinanzierung geworden.
Bei einem Betreibermodell übernimmt nicht der (staatliche) Energieversorger selbst sondern eine unabhängige Projektgesellschaft (Betreiber) den Bau, die Finanzierung und den Betrieb einer neuen Kraftwerksanlage. Dadurch ist die Partizipation des privaten Finanzsektors an erforderlichen Investitionen im Energieversorgungsbereich möglich geworden. Die mit den konventionellen Projekten verbundenen Projektrisiken sind aufgrund früherer Erfahrungswerte der Financiers wohl bekannt, so dass die Projektanalyse keine große Herausforderung darstellt. Es handelt sich um bewährte Technologien und Projektstrukturen.
Intensivierte Anwendung moderner Projektfinanzierung wird mit dem Anfang der achtziger Jahre notiert, als der Bau mehrerer Kraftwerke zur Elektrizitätserzeugung aus alternativen Energiequellen in den USA begann. Projektfinanzierter Kraftwerksbau im regenerativen Bereich muss sich an die gleichen Standards orientieren, wie es bei konventionellen Projekten der Fall ist. Bedingt durch ihren Innovationscharakter, spezifische Risiken und längere Amortisationsdauer stellen diese Vorhaben sowohl technisch als auch finanziell eine besondere Herausforderung dar. Die Voraussetzungen und die Besonderheiten der Projektfinanzierung im Bereich erneuerbarer Energieerzeugung stellen den Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit dar.
Gang der Untersuchung:
Die Arbeit gliedert sich wie folgt: Erforderliche theoretische Basis für die weitere Analyse wird im Kapitel 2 geschaffen. Die Grundlagen und die spezifischen Merkmale der Projektfinanzierung, kapital- und organisationsstrukturtheoretische Aspekte sowie Vor- und Nachteile gegenüber der klassischen Unternehmensfinanzierung werden in diesem Teil diskutiert.
Nachdem die erneuerbaren Energien definiert und von den sonstigen Energiequellen abgegrenzt sind, wird im Kapitel 3 der europäische Markt für regenerative Energieerzeugung, seine Wachstumsaussichten, europaweite Instrumente der EE-Förderung und sonstige Markttreiber analysiert. Hierbei beschränkt sich die Analyse weitgehend auf die netzgebundene Stromerzeugung aus der Windkraft, die im Laufe der letzten 25 Jahre die größten Fortschritte im Hinblick auf die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber der konventionellen Energiequellen - u.a. im Projektfinanzierungskontext - vorweisen kann.
Im Kapitel 4 stehen die verfügbaren Finanzierungsinstrumente im Mittelpunkt der Betrachtung. Ausgehend von der traditionellen Kraftwerksfinanzierung werden die finanzierungsrelevanten Besonderheiten der EE-Kraftwerke am Beispiel eines Windparks aufgezeigt und die branchenspezifischen Projektfinanzierungsinstrumente aufgelistet. Die Ergebnisse und mögliche Finanzierungsalternativen werden schließlich diskutiert.
Die Spezifika der Windparkfinanzierung in Deutschland werden im fünften Kapitel vorgestellt. Zunächst wird der deutsche Windkraftmarkt kurz beschrieben. Dann geht es um die Förderinstrumente, die im deutschen Windkraftsektor eingesetzt werden. Schließlich werden Finanzierungen von Windparks an Land (Onshore) und auf dem Meer (Offshore) untersucht und die Einflussfaktoren der Finanzierungsstrukturen analysiert.
Kapitel 6 fasst die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf mögliche Ansatzpunkte für weiterführende Untersuchungen.
Inhaltsverzeichnis: