Einsicht China ist ein großes Land der Gegensätze

30.11.2004 – Ein ganzes Jahr studiert, reist und arbeitet der Student Ulf Kramer in China und berichtet exklusiv für business-wissen von seinen Erkenntnissen. Er erzählt vom Studieren in der deutschen Koloniestadt Qingdao, von seiner Rucksacktour durch Südchina und schließlich dem Praktikum in der Wirtschaftsmetropole Shanghai.

Prolog: Express-Chinesisch

Alle Welt spricht von China. Alle Welt schwärmt von China. Alle Welt will nach China.

So kann man die augenblickliche Stimmung zu Hause zusammenfassen. Zu Hause heißt für mich in erster Linie Deutschland und der Unialltag. Seit sieben Semestern studiere ich, und es war Zeit raus zu kommen, die Welt zu sehen. Außerdem gibt es diese Vorschrift meiner Studienordnung: 3 Monate Auslandstudium, 6 Monate Praktikum.

Vor zwei Jahren hatte ich mich dazu entschlossen, China als Schwerpunkt in meinem betriebswirtschaftlichen Studium zu wählen. Damals eine recht pragmatische Entscheidung. Es forderte mich heraus, Chinesisch zu lernen, als Selbsttest meiner eigenen Fähigkeiten und wie sich herausstellte auch als Grenze derselben.

Ich kann schon vorweg nehmen: Chinesisch ist schwer, aber es ist nicht so schwer, wie immer behauptet wird. Mir haben die Chinesisch-Seminare Spaß gemacht auch wenn man sich Freitags früh aus dem Bett quälen musste. Ein eher unüblicher Vorgang für deutsche Studenten. Meinem Chinesisch hat es ganz gut getan und nach drei Semestern konnte ich die Grundlagen, neudeutsch Basics.

Vorbereitung: Bluttests, Röntgenbilder, Visa(card)

So gerüstet, habe ich mich vor einem Jahr beim DAAD für das so genannte Selbstzahlerprogramm beworben. Ein Programm, in welchem man alles selbst bezahlt, bis auf die Studiengebühr an der chinesischen Universität. Der Hauptvorteil der Bewerbung über den DAAD ist die Hilfestellung für Visa, Administratives und die allgemeinen Tipps zu Land und Leuten.

Bei den Vorbereitungen für das Visum gab es eigentlich nur ein Problem, die unzähligen ärztlichen Unterlagen wie Röntgenbild und Bluttests, obwohl ich, wie fast jeder in meinem Alter, lebhaft und gesund bin. In China wollte nie jemand ärztliche Unterlagen sehen. Die Röngtenbilder haben wir in die Fenster des Wohnheims gehängt - zu Dekorationszwecken.

Ansonsten liefen die Vorbereitungen wunderbar. Das Visum haben wir über einen Visadienst beantragt, was mit Versand der Reisepässe um die 20 Euro kostete.

Weitere Vorbereitungen habe ich nicht getroffen. Gut, man schließt eine Auslandskrankenversicherung ab, lässt sich impfen meldet eine Visacard an und kauft einen Reiseführer, aber mehr ist aus meiner Sicht eigentlich nicht notwendig. Viele meiner Freunde hier in China haben weder Impfungen, noch sprechen sie chinesisch. Vorbereitet hat sich eigentlich keiner. Ich persönlich glaube, dass eine umfassende Vorbereitung nicht existenziell ist. Die Webseiten das Auswärtigen Amts oder eine kurze Internetrecherche bieten sich an, doch eigentlich findet man sich sehr schnell zurecht, auch wenn man nichts lesen kann und niemanden versteht.

Startfreigabe: Aufbruch vom Flughafen Leipzig gen fernen Osten

Es ist ein eigenartiges Gefühl. Man sitzt in der Wartehalle und hat gerade die Familie verabschiedet, in der vollen Gewissheit, sie ein Jahr lang nicht zu sehen. Ein bisschen Wehmut kommt auf. Und nicht nur die Familie bleibt zurück, auch die Freunde und die Freundin. Man startet in ein großes Ungewisses und weiß ganz genau: „Wenn du zurück kommst, wird sich etwas verändert haben.“

Doch es ist auch ein Gefühl des Aufbruchs. Die Vorfreude auf einen neuen Lebensabschnitt, auf Abenteuer, auf Neues. In gewisser Weise ist es auch eine Flucht. Eine Flucht vor dem Alltag, vor den immer wiederkehrenden Tagesabläufen und vor sich selber. Man geht mit dem sicheren Gefühl, sich zu verändern und seinen eigenen Horizont zu erweitern.

Erste Eindrücke: Deutschland von Außen

In Qingdao, der alten deutschen Koloniestadt, angekommen, steige ich mit einer neuen Bekanntschaft, einer deutschen Studentin, aus dem Flieger und wir fahren in die Stadt. Zuerst gibt es nicht viel Besonderes. Ein Flughafen ist ein Flughafen, Autos gibt es auch und Werbeplakate drängen, wie bei uns von links und rechts auf mich ein. Das erste, was man in der Gepäckhalle des Pekinger Flughafen sieht, ist ein 5 mal 2 Meter großes Werbeplakat eines Audi A6. Hier relativiert sich die leidige Diskussion über mangelndes Wirtschaftswachstum in Deutschland. Sieht man Deutschland eine Zeit lang von außen, wird man sich schnell der Vorzüge und Stärken bewusst, und das sage ich ohne in nationale Sentiments zu verfallen.

Auf der Fahrt in die Stadt bemerke ich die ersten Unterschiede zu Deutschland. Wir fahren in einem VW Jetta, welcher seit Jahren nicht gesäubert wurde. Verkehrsregeln existieren nicht, trotz der Polizeipräsenz an jeder Kreuzung. Im Gegensatz dazu gibt es Autobahnen, wie gebaut für die Ewigkeit. Dreispurig, auf Stelzen, in riesige betonierte Formen gegossen. Das sind Straßen für ein neues China, die Vorbereitung auf eine Blechkolone deren Umweltschäden nicht abzuschätzen sind. Zurzeit dominieren noch alte Volkswagen und Kleinbusse das Bild, doch in den Innenstädten sieht das mittlerweile ganz anders aus. Diese sind, genau wie das ganze Land, von Gegensätzen geprägt.

Gegensätze: Wellnesstempel und Restaurants auf der Straße

Ich habe in China mehr Oberklasse BMWs oder Mercedes gesehen als in ganz Deutschland. Auf der anderen Seite sieht man tausende kleine Karren, die von Müllsammlern gezogen werden, die von früh bis spät durch die Strassen ziehen oder auch mal ein Nickerchen in dem Karren am Straßenrand einlegen. Man sieht reiche Geschäftsleute in feinen Anzügen und daneben alte Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm, die betteln. Ich war in Bars, wie man sie in New York, London oder Paris findet, und wir waren in Restaurants, deren Herd aus einem Backstein, glühender Kohle und einem rostigen Wok bestand. Ich habe Wellnesstempel besucht, in denen neben der Marmortherme eine Dame, im barocken Kostüm, den Flügel gespielt hat. Andererseits sieht man, wie Ladenbesitzer sich in einer Schüssel auf dem Gehweg waschen und sich die Zähne putzen. Ich habe ein Volk gesehen, das in der Lage ist, höchste Wolkenkratzer zu bauen, aber es nicht schafft, Gebäude mehr als zwei Jahre instand zu halten.


China, das heißt zu verstehen, dass es mehr Dollarmillionäre als in den USA gibt und gleichzeitig 300 Millionen Menschen, die unter der Armutsgrenze leben. China ist ein Land, in dem ein Student wie ich, sich fast alles leisten kann und die Fahrt mit dem Taxi oder das zweimalige tägliche Essen in einem Restaurant zu Gewohnheit wird.

Chinesische Mentalitäten: Nicht fragen, machen!

Ein Charakterzug vieler Chinesen ist, dass sie eine vorgefertigte Meinung haben. Oft werden Dinge einfach gemacht, weil sie immer so gemacht wurden oder es alle so machen. Ein ständiges Hinterfragen: Warum machen wir das so? Können wir das nicht anderes machen? - habe ich nie erlebt. Das soll nicht heißen, dass Chinesen nicht wissbegierig oder interessiert wären. Viele Fachbuchautoren schwärmen geradezu von der chinesischen Wissbegierigkeit und Lernbereitschaft. Zu Hause lernt man aus eigenem Antrieb. Zugegeben, so manche Vorlesung habe ich nicht aus eigenem Antrieb besucht, doch im Allgemeinen lerne ich, weil es mir Spaß macht. Weil mich ein Thema interessiert, weil es meine Passion, mein Steckenpferd ist.

In China ist das Lernen mehr pragmatischer Natur. Man steht im ständigen Wettbewerb mit Millionen anderen. Es gibt kein soziales Netz, das mich als Philosoph oder Romanistiker auffangen könnte. Außerdem gibt es einen erheblichen Erwartungsdruck der Familie. Ganze Generationen sparen oft, um einem Kind oder Enkelkind das Studium oder den Auslandsaufenthalt finanzieren zu können. Der Einsatz des Einzelnen ist dabei oft beeindruckend. So habe ich mich in Restaurants mit Kellnern unterhalten, die kostenlos zwei Monate arbeiten, nur um mit Ausländern ins Gespräch zu kommen und ihr Englisch zu verbessern.

Schwerfälliges Volk: kaum Innovationen

Ein Grundproblem der Chinesen ist eine mangelnde Innovationsfähigkeit - Flexibilität im Denken, wenn Sie so wollen. Das sage ich vollkommen wertungsfrei. Chinesen können wahnsinnig gut auswendig lernen, reproduzieren und wiedergeben. Eigene Ideen entwickeln, neue Wege gehen und auch ungewöhnliche Lösungsansätze finden, scheint dagegen schwer zu fallen. Dies beschäftigt mich seit langem. Wie kann ein Volk, das viele bahnbrechende Erfindungen hervorgebracht hat, nicht innovationsfreudig sein? Ich muss Ihnen die Antwort schuldig bleiben.

Sind Chinesen fleißig? Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Auf Baustellen sieht man dutzende Leute nur herum stehen und nichts tun. Ladenbesitzer liegen gähnend in ihren Läden und machen nichts. Meine Arbeitskollegen gehen pünktlich auf die Minute nach Hause und Verkäuferinnen schaffen trotz Scannerkassen nie mehr als zwei Kunden in fünf Minuten.

Auf der anderen Seite wird ständig überall gearbeitet: an Hochstraßen, an Staudämmen, an Fabriken. Die Fabriken laufen Tag und Nacht und Geschäfte haben oft bis tief in die Nacht geöffnet, obwohl es zum Beispiel sicher ist, dass in die Reinigung unseres Viertels nachts um halb zwei nicht ein Kunde mehr kommt.

Mein Chef meinte einmal: Die Chinesen arbeiten ohne Ziel. Ein Gärtner beeilt sich nicht, den Rasen fertig zu mähen; er braucht morgen noch Arbeit. Der Deutsche würde sagen: Ich mach den Rasen heute noch schnell fertig, dann habe ich morgen Ruhe.

Die Chinesen arbeiten weniger strukturiert. So kann es sein, dass unser Gärtner erst zwei Drittel des Rasens mäht, dann ein Drittel der Hecken scheidet und danach noch anfängt den Goldfischteich zu reinigen. Zwischen jedem Arbeitsgang wird er sich neues Werkzeug holen und eine kleine Pause machen. Dies erscheint für uns erst einmal befremdlich. Gerade für uns als Deutsche ist eine Tätigkeit ohne Plan oft unvorstellbar.

Eine chinesische Freundin hatte mich einmal gefragt, wieso ich mir aufschreibe, was ich einkaufen möchte? Ich sagte ihr: Damit ich nicht ewig im Supermarkt umherlaufe, sondern genau weiß, wie ich die Aufgaben hintereinander erledige. Für sie war das äußerst deutsch.

Das alte China: zwischen den Zeiten

Während der Zeit zwischen meinem Studium in Qingdao und dem Praktikum in Shanghai war ich drei Wochen mit dem Rucksack in Südchina unterwegs. Einem China, das so gar nicht in das Bild der reichen Chinesen passt. Hier in Yunan, einer Provinz im Südwesten, gibt es das ursprüngliche China. Das alte China, das es eigentlich überall gibt, sobald man die Zentren der Küstenstädte verlässt. Ein Land von bitterer Armut, mit Reisfeldern, Traktoren, mit rostigen, alten Bussen, in denen auch die Ernte zum Markt gefahren wird. Hier gibt es keine Spaßbäder, keine U-Bahnen, keine Scannerkassen. Ja oft gibt es nicht einmal fließend Wasser in den Häusern oder private Toiletten. Trotzdem gibt es in jedem noch so kleinen Dorf einen Laden der Handys verkauft. Auch die blau-weiße Werbung für chinesischen Mobilfunk habe ich noch in einsamsten Bergdörfern, auf 3000 Meter Höhe gesehen.

Beeindruckende Szene: zwischen Sichel und Aktentasche

Die Provinz Yunan ist bekannt für ihre Landschaften, ihre Ursprünglichkeit. Es gibt eine florierende Tourismusindustrie, welche die Gegensätze geradezu importiert. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sehen einen chinesischen Bauern. Er ist vielleicht 50 Jahre alt. Seine Haut ist von der Sonne gezeichnet, und tiefe Furchen durchziehen sein Gesicht. Er steht gekleidet mit einer schmutzigen Anzughose, welche von einem Strick gehalten wird, in mitten eines schlammigen Reisfeldes. Er bückt sich und schneidet mit einer rostigen Sichel Reispflanzen und legt sie in seinen Bambuskorb. Einige Fliegen umkreisen ihn, und er versinkt bis zu den Knien im schlammigen Morast. Er ist dünn und man kann durch das Hemd eine drahtige, knochige Figur erkennen. Die Sonne brennt auf seinen Rücken und trocknet die Schlammspritzer auf seinem Hemd.

Daneben eine neue Straße. Sie verbindet das Dorf mit der neuen Autobahn auf der täglich hunderte Reisebusse vorbeirollen. Ein Mann kommt geradelt. Er kommt aus dem kleinen Touristenstädtchen etwa 3 Kilometer von hier. Seine verspiegelte Sonnenbrille wirkt lässig und souverän. Er sitzt auf einem Giant-Mountainbike und trägt moderne Adidas-Turnschuhe. An seine kurze, weiße Sporthose schließt sich eine schwarze Bauchtasche an: mit Handy, Wasser und einer kleinen Box für Akkus oder Aspirin. Er wirkt sportlich, ist kräftig und man sieht einen kleinen Bauchansatz über der Bauchtasche. Um seinen Hals baumelt eine Spiegelreflexkamera mit einem riesigen Objektiv – aus Japan – Nikon. Er sieht den Bauern und steigt ab. Er wird ihn fotografieren und zu Hause Bilder eines Landes zeigen, das seine Freunde nicht mehr kennen wollen. Für mich war diese Begegnung sehr eindrucksvoll. Beide Chinesen, beide im gleichen Alter, beide in diesem Land aufgewachsen. Beide leben in einem quasi kommunistischen Arbeiter- und Bauernstaat und beide haben denselben Pass. Der eine ist dem anderen jedoch fremder als ich es bin.

Das Innere Chinas ist eine andere Welt. Zwar gibt es auch Metropolen wie Chengdu, Kunming oder Xian, aber meist konzentriert sich der Fortschritt einer Provinz in deren Hauptstadt. Kleinstädte und Dörfer mit verwahrlosten, gefliesten Häusern meist aus den 60er, 70er Jahren prägen das Bild. Tausende wilde Autowerkstätten ohne Ölabscheider und ohne Werkbänke findet man links und rechts der Landstraßen. Dazu ein endloses Meer von Plastikflaschen, alten Planen und sehr viel Staub.

In den Städten gibt es kaum Industrie. Wenn doch, dann sind es oft riesige Kombinate, denen man von außen ansieht, dass sie grundlegend marode sind. Man wundert sich in China, wie viele Menschen ständig überall herum sitzen. Sie spielen Karten, essen, dösen. Man hat oft das Gefühl, dass die Zeit still steht - nichts bewegt sich. Motorradfahrer warten an staubigen Kreuzungen auf Kunden für ihr Taxigeschäft. Man hat das Gefühl alles, aber wirklich alles, ist schmutzig.

Praktikum in Shanghai: 150 Bewerbungen, ganze 30 Rückmeldungen

Shanghai, eine Stadt der Superlative, die anders als Moskau, London oder Peking recht überschaubar bleibt. Hier in Shanghai hat der chinesische Wirtschaftsboom seinen Ursprung. Wolkenkratzer, Leuchtreklame und ständige Veränderungen prägen das Stadtbild. Es wird abgerissen und aufgebaut. Eine Stadt will der Welt zeigen: Seht her, wir sind wieder wer.

In dieser Stadt absolviere ich zurzeit ein viermonatiges Praktikum bei Shanghai Volkswagen, einem deutsch-chinesischen Joint Venture. Ein Praktikum in einem großen deutschen Unternehmen zu bekommen, ist für Studenten nie ganz leicht. Die globalen Bewerbungswebsites der Firmen sind umständlich, unpersönlich und äußerst unflexibel. Man bekommt kaum ein Feedback und irgendwie hat man das Gefühl sich in einer Art Niemandsland zu befinden, da man fast nie einen persönlichen Ansprechpartner hat.

Ich habe mich bei über 150 Unternehmen beworben – per E-Mail und eigener Bewerbungswebsite. Ein Feedback gab es bei gerade mal 30 Unternehmen, eine Absage fast immer. Aber ich möchte niemanden entmutigen, ein Praktikum in China ist nicht nur Lebenslaufkosmetik, sondern auch eine spannende persönliche Erfahrung. Fachlich sollte man sich nicht scheuen. Auch mit einem durchschnittlichen Vordiplom oder mangelnden Chinesischkenntnissen hat man durchaus Chancen. Erstaunlicherweise habe ich gehört, dass die Anfragen für Praktika nach China gar nicht so zahlreich sind.

Als ersten Kontakt schlage ich die Webseite der Außenhandelskammer vor und deren Mitgliederverzeichnis. Darüber hinaus, haben fast alle Bundesländer ein Kooperationsbüro. Das sind meist ein oder zwei Personen, die sich nur mit Kontakten nach oder aus China beschäftigen. Ich persönlich schlage Ihnen Messeverzeichnisse vor. Wir waren auf einigen Industriemessen, und es ist geradezu erstaunlich, wie stark deutsche Maschinenbauer und andere Mittelständler in China vertreten sind und in ihren Nischen den Markt dominieren. So haben wir uns auf der Industriemesse in Shanghai geradezu heimisch gefühlt und waren ein klein wenig stolz auf unsere deutsche Industrie.

Es lohnt: Ein Praktikum in China ist eine Herausforderung

Vieles ist anders, als erwartet, und es tun sich Probleme auf, die nicht nur sprachlicher Natur sind. Sie können fast alles vergessen, was Sie in Ihrem Vorbereitungskurs gehört haben. Ich hatte ungefähr vier Seminare über China, die Wirtschaftskultur und die Mentalität gehört. Dann in China, war alles ganz anders. Unterschiede, auf die man zu Hause hingewiesen wurde, gab es nicht und in scheinbar fremden Situationen verhält man sich ganz automatisch richtig.

Grundsätzlich kann man keine Fehler machen. Man hat als Ausländer eine gewisse Narrenfreiheit, das heißt, es wird nicht erwartet, dass man die Regeln des Landes beherrscht. Und wenn man sie beherrschen möchte, dann muss man sie alle beherrschen und das ist zumeist unmöglich. Das klassische Beispiel aus dem interkulturellen Seminar: Stecke nie deine Ess-Stäbchen in die Reisschale. In der Kantine hier macht das jeder zweite Chinese, da er sonst das Kompott nicht tragen kann.

Zweite Lehre aus dem interkulturellen Seminar: In der Öffentlichkeit möglichst kein Taschentuch verwenden und am Esstisch schnauben. Ich habe fast jeden Tag Chinesen gesehen die genau das gemacht haben. Auch der tiefsitzende Konfuzianismus in der Gesellschaft ist nicht so vorhanden, wie es in den Büchern propagiert wird. Sicher ehrt man seine Eltern, doch das macht man in Deutschland auch. Auch der tief greifende Respekt vor dem Alter, scheint mir nicht viel mehr ausgeprägt als in Deutschland.

Stur: Chinesischen Managern widerspricht man nicht

Wichtiger erscheint mir das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Angestellten. Ich habe oft erlebt, dass ich mit einem chinesischen Kollegen etwas erarbeitet habe und als wir es beim Chef vorgetragen haben, ist mein Kollege auf dessen Linie eingeschwenkt oder hat einfach gar nichts gesagt. Dem Chef widerspricht man nicht. Das ist ganz anders, wenn man in China mit seinen deutschen Vorgesetzten spricht. Man duzt sich und man ist offener. Vielleicht sogar offener als in Deutschland, da man als Ausländer in China zusammengehört.

Ein Punkt, der nicht nur in der Firma gilt. Auch im Studium ist man nicht mehr Deutscher, Engländer oder Pole, man ist „Westler“ und gehört irgendwie zusammen. Das isoliert zwar auf der einen Seite, auf der anderen Seite hat man aber einen Kulturkreis, in dem man sich jederzeit zurückziehen kann.

Das Hauptproblem: Man wird nicht so gern in das Tagesgeschäft integriert. Es wird einem zu wenig zugetraut und man hat sehr wenig zu tun. Es geht alles etwas langsamer in China. Und es bringt auch nichts zu drängen oder Kollegen unter Druck zu setzen. Damit erzeugt man nur Spannungen und erntet eine totale Blockade. Bei uns würde man es Mobbing nennen, hier ist es dann die höfliche Aussage, dass man „leider nicht helfen“ kann oder „nicht verantwortlich“ ist.

Verantwortlichkeiten: Einer oder Keiner

In China ist immer jemand für etwas verantwortlich. Aber nur dafür. Sobald sich Schnittmengen, Überlappungen oder undefinierte Grenzen ergeben, wird es schwierig. Dann hat man es schwer, Informationen zu bekommen oder jemanden zu finden, der einem hilft, seine Arbeit zu tun. Denn in China macht nur jeder seine Aufgaben; über den Rand wird nicht geschaut. Da Aufgaben wenig detailliert geplant werden und es keine klaren Zuteilungen gibt, erscheint das Tagesgeschäft konfus oder unorganisiert. Meist legt der Chef spontan fest, wer für welche Aufgabe verantwortlich ist. So wird am Morgen entschieden, wer am Mittag die Aufgabe übernimmt, die schon seit zwei Wochen bekannt ist. Es entsteht dann oft Hektik, aber die Aufgabe wird gelöst. Ob sie gut gelöst wird, entscheidet sich im Einzelfall. Manchmal ist es effizienter nicht zu planen, oft endet die Aufgabe aber auch mit der Erkenntnis, erst einmal planen zu müssen, was eine Terminverschiebung um zwei Wochen bedeutet.

All dies sind Erfahrungen, die man nicht lernen kann. Man kann sich in interkulturellen Seminaren und Vorträgen nicht so vorbereiten, dass man chinesisch denkt. Es ist wichtig, dass man sich und seine Kultur nicht verleugnet und versucht ein Chinese zu sein. Dabei macht man sich nur lächerlich. Jeder Chinese weiß, dass man Ausländer ist und verzeiht Fehler, wenn er sie überhaupt wahrnimmt.

Fazit: Man sollte Chinesen nicht unterschätzen

Auch wenn vieles idiotisch, lustig oder „drollig“ erscheint; Chinesen sind harte Verhandlungspartner und sehr viele, mit denen wir in der Geschäftswelt zu tun haben, sind gut ausgebildet und auf ihrem Gebiet Fachleute. Anders herum ist das Überschätzen der Chinesen und ihres derzeitigen Wirtschaftswachstums kritisch zu sehen. Manchmal wird einem richtig seltsam zu Mute, wenn man in China ist und die Wirtschaftswoche oder den Spiegel liest. Dort werden normale Beispiele als Superlative präsentiert. Es wird ein regelrechter Chinahype erzeugt. Meine Einschätzung nach einem Jahr China ist die folgende: China ist ein Entwicklungsland, und das sollte man nie vergessen.

Sicher gibt es den Drei-Schluchten-Staudamm als ingenieurtechnisches Meisterwerk, aber wussten sie, dass dafür drei Millionen Menschen zwangsenteignet wurden? Sicher kann man in China einen Porsche kaufen, allerdings kann sich ein Drittel der Bevölkerung kaum ein Moped leisten. Ein guter Ingenieur verdient in einem ausländischen Weltkonzern 700 Euro im Monat. Sie können sich ausrechnen, welche Kaufkraft von einem Angestellten in einer chinesischen Firma zu erwarten ist.

Die Qualität chinesischer Produkte ist mehr als unzureichend. Es wird gern mit Kompromissen gehandelt. Umweltschutz ist ein nahezu unbekannter Begriff. Nahezu sämtliche Innovationen sind importiert. Auch große Teile der Wirtschaft sind von ausländischen Krediten finanziert, wenn auch oft von Chinesen aus dem Ausland. Staatsbetriebe sind zum größten Teil marode und wirtschaftlich nicht haltbar.

China ist Chance und Risiko. Es ist ein Land voller Gegensätze, doch gerade das macht das Land so reizvoll. Ein Praktikum in China zu machen, war eine der besten Ideen meines Lebens und ich kann es jedem empfehlen, der nur einen Hauch Abenteuerlust verspürt. China wird die Welt nicht dominieren, aber China wird eine wichtige Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Das Hauptproblem und die größte Chance Chinas bleiben die Menschen, auf deren Rücken das Land wächst. Wenn die Massen ihren Anteil am Erfolg fordern, steht China am Scheideweg: in eine moderne Industrienation oder in eine zweite (Kultur)Revolution.

[Ulf Kramer, Shanghai den 28. November 2004]

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