Facebook hat maßgeblich zur Entwicklung und zum Erfolg der Kommunikationsdisziplin „Social Media Marketing“ beigetragen. Privat und geschäftlich im Auftrag meiner Kunden nutze ich Facebook schon seit vielen Jahren. Doch als Verfechter eines Dialogs auf Augenhöhe betrachte ich die gegenwärtige Entwicklung äußerst kritisch.
Durch die zunehmende Kommerzialisierung ist Facebook gezwungen, möglichst viele Anzeigenkunden zu generieren. Diese Anzeigenkunden haben oftmals noch Berührungsängste mit sozialen Netzwerken, da sie, wie oben beschrieben, die Hoheit der Kommunikation an den Nutzer beziehungsweise Fan abgeben. Im Social Media Marketing geht es aber zunächst darum, dem Fan, also auch dem Kunden, zuzuhören:
- Was denkt er über das Unternehmen?
- Welchen Eindruck hat er davon?
- Wie nimmt er die Produkte beziehungsweise Leistungen des Unternehmens wahr?
Davor scheuen sich derzeit noch viele Unternehmen; auch, weil es nicht genug kompetente Social Media Manager auf dem Arbeitsmarkt gibt. Zudem haben bislang nur die wenigsten erkannt, dass gerade diese Kundenmeinungen sehr wertvoll sein können und oftmals valider sind als Marktforschungsergebnisse. Da Facebook von diesen Unternehmen und damit von potenziellen Werbekunden profitieren möchte und muss, wurden die Moderationsmöglichkeiten entsprechend „optimiert“. Nun wird den Unternehmen suggeriert, sie bräuchten keine Angst vor negativen Kundenmeinungen mehr zu haben.
Dabei wurde nicht bedacht, dass negative Äußerungen über ein Produkt oder ein Unternehmen nicht zwangsläufig auf der Fanpage stehen müssen. Gibt es Anlass zu Kritik, wird sie geäußert, egal wo im Netz. Social Media ist Meinungsaustausch! Die Möglichkeiten, Kommunikation beziehungsweise Kommentare auf der Fanpage zu unterbinden, führt zwangsläufig dazu, dass das Unternehmen nun auch nicht mehr adäquat darauf reagieren kann. Eine verpasste Chance, Kunden zu binden und sie als Markenbotschafter zu gewinnen. Der gleiche Effekt gilt natürlich auch für positive Kundenmeinungen. Macht sich ein Kunde die Mühe, positiv über ein Unternehmen zu schreiben und ist dieser Beitrag nicht wirklich sichtbar, wird seine Motivation, dies in Zukunft wieder zu tun, stark nachlassen.
Im Übrigen bezweifle ich, dass Werbeschaltungen auf Facebook ähnlich erfolgversprechend sind wie in Suchmaschinen. Warum? Weil sich ein Nutzer beziehungsweise Kunde innerhalb eines sozialen Netzwerkes mit „Freunden“ beziehungsweise anderen Kunden kommunizieren möchte. Er sucht die Unterhaltung, nicht die Information. Dieses Bedürfnis befriedigen die Suchmaschinen.
Ich bin der Ansicht, dass Facebook vergessen hat, wer der Kunde und was das Produkt ist. Mit der jetzt eingeschlagenen strategischen Ausrichtung wird der Nutzer zum Produkt und Unternehmen zu Kunden. Ein fataler Fehler, denn ohne Nutzer werden auch Unternehmen keine Anzeigen mehr schalten.
Facebook beginnt sich meiner Meinung nach zu einer PR-Plattform für Unternehmen zu entwickeln. PR lebt aber nun Mal von der Wahrnehmung, und die Vergangenheit hat gezeigt, dass sehr erfolgreiche soziale Netzwerke innerhalb kürzester Zeit auch wieder in Vergessenheit geraten können. Ein ähnliches Schicksal prognostiziere ich Facebook.