Ob die Führungskraft sich jedoch in schwierigen Situationen, wie zum Beispiel bei Personalthemen oder extremen Mobbing-Situationen, bewusst in die Rolle eines Coachs begeben sollte, ist fraglich. Denn es stellt sich die Frage, worum es der Führungskraft in erster Linie geht:
Will sie die gefährdete Zielerreichung sicherstellen, oder muss sie die zwischenmenschlichen Bedürfnisse der Geführten klären, die hier im Ungleichgewicht sind?
Im zweiten Fall würde die Führungskraft als Coach eine Rolle übernehmen, die zwangsläufig zu Missverständnissen unter den Mitarbeitern führen muss. Fragliche ist zudem, ob dieses Vorgehen im Sinne der Führung dann noch zielkonform wäre. Gibt sich nämlich die Führungskraft als Coach aus und vermittelt so dem Mitarbeiter, sie könne ihm in seiner ganz persönlichen Situation und Befindlichkeit helfen, so provoziert sie damit einen Konflikt. Unter dieser Täuschung wird sich der Mitarbeiter eventuell öffnen und Dinge zu seinem Befinden und Gefühlen Preis geben, die keineswegs für die Ohren der Führungskraft gedacht sind. Der emotionale Schutzraum wäre nicht wirklich gegeben, wie das in einem Coaching der Fall wäre.
Ein fiktives Beispiel aus dem betrieblichen Alltag verdeutlicht die Situation: Erledigt ein Mitarbeiter die ihm übertragene Aufgabe nicht immer zufriedenstellend, wird die Führungskraft mit ihm ein Gespräch führen, um diesen Zustand zu verbessern. Der Mitarbeiter ist sich seiner Situation bewusst und wird sich gegenüber seinem Vorgesetzten nicht wirklich öffnen und die tatsächlichen Ursachen seines Leistungsabfalls thematisieren. Denn diese könnten ja auch mit der Art der Führung in Zusammenhang stehen. Spricht der Mitarbeiter jedoch freiwillig und vertrauensvoll mit einem Coach, werden diese Themen und eventuell darunter liegende Probleme zu Tage treten, die für den Leistungsabfall mit verantwortlich sind.
Der Coach kann an dieser Stelle wesentlich mehr zum Wohl des Mitarbeiters beitragen als dies der Führungskraft unter dem Druck der optimalen Zielerreichung, und, konfrontiert mit den Problemen des Mitarbeiters, möglich wäre. Mit der Unterstützung des Coachs jedoch kann der Mitarbeiter seine Probleme überwinden, indem der Coach beispielsweise darauf hinwirkt, ohne Gesichtverslust für den Betroffenen eine andere Aufgabe zu finden. Auch das Führungsverhalten kann durch einen Coach grundsätzlich thematisiert werden, um es gegebenenfalls langfristig zu verändern.