Die Enterprise 2.0-Experten der Esslinger centrestage GmbH haben in ihrer Studie „Enterprise 2.0 – Zehn Einblicke in den Stand der Einführung“ die Nutzung von Enterprise- 2.0-Werkzeugen wie Wikis, Blogs, sozialen Netzwerken und Microblogs in 72 Unternehmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz systematisch analysiert und ausgewertet. Das wesentliche Ergebnis: Enterprise 2.0 ist nicht nur ein Thema für Großunternehmen, 40 Prozent der untersuchten Unternehmen sind kleine und mittlere Unternehmen bis 500 Mitarbeiter. Joachim Niemeier, einer der Autoren der Studie, sagt:
„Enterprise 2.0 ist nicht mehr nur ein Thema für Technik-Fans und Visionäre, sondern zunehmend eines für Entscheider, die eine Lösung erst dann umsetzen, wenn ein sehr konkreter Nutzen erkennbar ist.“
Bislang habe beim IT-Einsatz in den Unternehmen vor allem die Automation von Transaktionen und die Optimierung von Geschäftsprozessen im Mittelpunkt gestanden. Bei Enterprise 2.0 hingegen gehe es vor allem um Kollaboration und Partizipation. Enterprise 2.0 setze auf die Talente und das Wissen von Menschen und unterstütze deren Vernetzung, so die Autoren der Studie weiter. Die weiteren Erkenntnisse:
- 90 Prozent der Unternehmen verfolgen mit der Einführung von Enterprise 2.0 die Strategie, ein flexibles Unternehmen zu schaffen.
- 73 Prozent der Unternehmen erwarten von Enterprise-2.0-Initiativen Kosteneinsparungen.
- 70 Prozent der Unternehmen nutzen Wikis als wichtigstes Enterprise 2.0-Werkzeug.
- 40 Prozent der Unternehmen setzen Enterprise-2.0-Werkzeuge in bereits gut etablierten und institutionell gestalteten Arbeitsteams ein.
- 57 Prozent der Unternehmen nutzen Enterprise-2.0-Werkzeuge vor allem zum Informationsmanagement.
- In 76 Prozent der Unternehmen ist die Unternehmensführung Treiber der Einführung von Enterprise 2.0.
„Menschen haben eine altruistische Ader“, sagt Andrew McAfee. Wenn sie etwas nützlich fänden, teilten sie das auch gerne anderen mit. Ein großer Vorteil von Web-2.0-Werkzeugen liegt für Unternehmen somit in der Weiterverbreitung von Wissen. Dieses Wissen ist offen zugänglich, dauernd sichtbar und kommentierbar. Ein Vorteil vor allem für große, weltweit agierende und vernetzte Unternehmen beziehungsweise Unternehmenseinheiten.
So startete beispielsweise die Deutsche Telekom vor rund zwei Jahren interne Blogs und Wikis. Mit – zumindest was die nackten Zahlen anbelangt – Erfolg: Bis heute entstanden mehr als 750 Projekt-Wikis und über 200 interne Blogs, in denen sowohl Mitarbeiter und Auszubildende als auch Führungskräfte schreiben. Nach Angaben des Unternehmens könnten so in den kommenden fünf Jahren bis zu 40 Prozent des gesamten E-Mail-Verkehrs eingespart werden.
Dass schon heute viele Firmen die Vorteile solcher Technologien erkannt haben, zeigt eine Untersuchung von Forrester Research. Danach wollen bis 2013 zahlreiche Konzerne weltweit ihre Investitionen in Enterprise-2.0-Werkzeuge auf insgesamt 4,6 Milliarden Dollar verzehnfachen. Vor allem Produktivitätsvorteile und damit einhergehende Wettbewerbsvorteile erhoffen sich die Unternehmen durch den Rückgriff auf Wikis, Blogs und Co.
So könnten sich beispielsweise Projektteams jederzeit verändern, wenn entsprechende Hinweise von Mitlesern auftauchen und auf Probleme aufmerksam gemacht wird. Gleichzeitig würde sich der Auswahlprozess in Bezug auf die besten Fachkräfte beschleunigen. Dazu Andrew McAfee gegenüber „Computerworld“:
„Es wird mit diesen Technologien in Zukunft leichter sein herauszufinden, wer im Unternehmen für bestimmte Aufgaben infrage kommt. Bisher ist das viel schwieriger.“
Weitere mögliche Vorteile: Projekt-Doubletten, also das Arbeiten mehrerer Teams an unterschiedlichen Standorten an ein und dem gleichen Projekt werden in einem Wiki sichtbar und dadurch vermieden. Zudem setzen Unternehmen durch die Möglichkeit der Vernetzung und damit der schnelleren Aktivierung von Wissen auf eine langfristige Verbesserung der Produktqualität.
Andrew McAfees Akronym „SLATES“ fasst die wichtigsten Aspekte des Enterprise 2.0 zusammen:
- Suche: Das Finden von Informationen fördert ihre Wiederverwendung und ihren Einfluss
- Links: Die Verwendung von URLs schafft Tausende Verbindungen zwischen Enterprise Content
- Autorschaft: Einfacher Zugang für jeden Mitarbeiter zu Enterprise-2.0-Werkzeugen
- Tags: Metainformationen erlauben eine schnelle und natürliche Organisation von Daten unter verschiedensten Gesichtspunkten
- Erweiterungen: Ausbau des Wissens durch Analyse des Benutzerverhaltens
- Signale: Das Publizieren (Push) von Änderungen vereinfacht die Aufnahme von Informationen
Neues Führungsverständnis: Selbstorganisation statt Hierarchie
Mit der Nutzung von Web-2.0-Technologien stellt sich auch die Frage nach tradierten und eingespielten Unternehmenskulturen. Viele Chefs zucken zusammen, wenn sie nur das Wort „Chaos“ hören und befürchten, die Kontrolle über ihr Unternehmen und vor allem über ihre Mitarbeiter zu verlieren. Doch um Chaos im Sinne von Anarchie geht es gar nicht. Es geht vielmehr darum, dass Wissen, etwa in Form von Unternehmens-Wikis, von jedem Mitarbeiter genutzt und hinzugefügt werden kann. So entstehen zu bestimmten Themen unstrukturierte und ungeplante Beiträge – ohne dass im Vorfeld von Führungsseite ein bestimmtes Ergebnis oder eine bestimmte Richtung festgelegt wurde.
Damit ist das Stichwort gefallen: In Zeiten von Web 2.0 bekommt Führung eine neue Bedeutung, alte Rollenmuster greifen nicht mehr. Führungskräfte werden zu Moderatoren, die nicht mehr nur den Fortschritt eines Projekts kontrollieren oder die Mitarbeiter antreiben. Web-2.0-Führungskräfte machen vielmehr den Status quo transparent und sorgen dafür, Vorurteile und Misstrauen gegenüber den neuen Werkzeugen abzubauen.
Denn nicht allen Mitarbeitern fällt ein Umdenken hin zu Blogs, Wikis oder sozialen Netzwerken leicht. Gerade bei ruhigeren, eher zurückhaltend agierenden Menschen dürfte eine Kultur des offenen Diskurses die Sorgenfalten auf die Stirn treiben aus Angst davor, etwas Falsches von sich zu geben, das von allen anderen Mitarbeitern und insbesondere von Vorgesetzten gelesen und kommentiert werden kann. Mit der Einführung von Social-Media-Plattformen wächst der Druck, kommunikativ zu sein – für viele Mitarbeiter könnte dies zweifelsohne zu einer echten Herausforderung werden. Umso wichtiger ist, dass Führungskräfte das Twittern und Bloggen auch vorleben. Laut Centrestage-Studie ist in 76 Prozent der Fälle das Management die treibende Kraft bei der Umstellung auf Enterprise 2.0. Transformationszeit: Rund zwei bis drei Jahre.
Ein Unternehmenslenker kann ein Unternehmen nicht in ein Enterprise 2.0 überführen, solange er diesen Wandel nicht selbst durchlebt. Denn bei diesem Wandel geht es nicht nur um den Einsatz von technischen Anwendungen, sondern vor allem um neue Denkansätze, die mit Veränderungen der Unternehmenskultur, meint der BITKOM. Das Management müsse selbstbewusst genug sein, um sich verbessern zu lassen, ohne jedoch einen Verlust an Autorität zu befürchten. Aus dem CEO heutiger Prägung wird dann ein „CEO 2.0“.
Eine gewollte Wirkung von Enterprise 2.0 ist laut BITKOM eine neue Form der Zusammenarbeit, bei der Selbstorganisation eine zentrale und Hierarchie keine tragende Rolle mehr spielt. Macht und Kontrollmechanismen, Hierarchie und Organisationsformen wie sie heute noch weitestgehend existieren, verabschieden sich. Das vorherrschende Industrieparadigma, das Frederick Winslow Taylor und Henry Ford entwickelt haben, wird abgelöst durch Netzwerkstrukturen und eine dezentrale Form von Kontrolle. Andrew McAfee bringt es in der „Computerworld“ auf den Punkt:
„Wir fordern die Leute auf, über ihre Haltung zu Technik und Zusammenarbeit nachzudenken. Dafür braucht man ein Perspektivwechsel. Unternehmen werden sich ändern müssen. Es wird letztendlich stille, unterschwellige Transformationen geben.“
Solche Botschaften hört und liest der aufmerksame Change Manager, Organisationsentwicklung und Pfleger der Unternehmenskultur immer wieder. Vielleicht gewinnen sie dieses Mal durch den Verbündeten "Technik" eine größere Durchschlagskraft.
- Teil 1: Enterprise 2.0: Mit Social Media mehr wissen, weniger kontrollieren
- Teil 2: Vorteile von Web 2.0-Werkzeugen
- Teil 3: Experten-Interview mit Antje Stobbe, Leiterin des Teams Technologie und Innovation bei Deutsche Bank Research
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