Gastbeitrag von Chris Welker, Supervisor - Organisationsberater - Systemesteller, Eitorf.
Vielerorts, insbesondere in Personal- und Entwicklungsabteilungen größerer Unternehmen, wird ein Verfahren angewendet, über das öffentlich weniger gern gesprochen wird. Ob als unterstützendes Instrument bei der Personalauswahl oder zur Simulation von Konzepten und Strategien. Im Einzelcoaching von Führungskräften zeigt es sich effektiv bei Entscheidungsfragen, Zielannäherungsprozessen und der Problembearbeitung.
Ursprünglich wurde das Verfahren im familientherapeutischen Kontext von dem Psychologen Bert Hellinger erkannt. Hellinger steht mit seiner Wissenschaft ablehnenden Haltung und der eigenen Arbeitsweise immer wieder in der öffentlichen Kritik. Dies zu recht! Trotz allem ist es sein Verdienst, aus der alltäglichen Beobachtung von Menschen, Familien und Gruppen Grundprinzipien formuliert (Ordnungen der Systeme) zu haben, die in ihrer Einfachheit und Plausibilität kaum zu übertreffen sind.
Die Realität anerkennen
Obgleich sich die Formulierungen vieler Grundprinzipien eines altmodisch anmutenden Vokabulars zu bedienen scheinen, so zeigt die Praxis, das Unternehmen, Abteilungen, Teams und Einzelpersonen (Systeme), nicht bewusst diesen universellen Regeln folgen. So lautet die Einstiegsregel (frei formuliert): Wenn das, was vorhanden ist und wie es vorhanden ist, als Realität anerkannt wird, gewinnt es an Kraft. Eigentlich sind viele dieser Wirkprinzipien nichts neues. Denn Experten, die beispielsweise im Bereich der Konfliktberatung oder Krisenintervention tätig sind, wissen um diese goldene Grundregel. Eine andere Regel heißt: Der, der früher da war (z.B. Mitarbeiter) hat Vorrang vor dem, der später hinzu gekommen ist. Auch dieses Prinzip ist jedem aus der täglichen Erfahrung bekannt, z.B. aus der Warteschlange am Post- oder Sparkassenschalter.
Altes und Neues im Unternehmen
Etwas vielschichtiger wird die Anwendung und Beachtung in komplexeren Zusammenhängen, wie beispielweise in Unternehmen und Institutionen. Diese Systeme sind immer bezogen auf Aufgaben und dem Unternehmenszweck. In Bezug auf Gegenwart und Zukunft wirkt das Grundprinzip: Das Spätere hat Vorrang vor dem Früheren! Damit wird instinktiv die Selbsterhaltung und das Fortbestehen der Unternehmung gesichert. Wo diese Regel verletzt wird, schwächt sich die Firma und deren Mitarbeiter. Das kann man überall in der Praxis beobachten.
Beispielsweise sehen wir das bei neuen Leitungskräften: Der neue Geschäftsführer hat Vorrang vor dem ausgeschiedenen. Er ist nun der Chef. Mit Ihm geht es nun in die Zukunft. Oft hört man: Neue Besen kehren gut!. Das sollte mit Vorsicht gesagt sein. Wenn der Neue zu überheblich und abwertend mit den vorhandenen Strukturen und Personen umgeht, verliert er schnell an Kraft. Die Belegschaft, das Team spaltet sich. Einige halten zum Neuen, die anderen schlagen sich auf die Seite des Alten, der ausgeschiedenen Chefin. Das führt zu hohen Energieverlusten und macht sich in der Jahresbilanz negativ bemerkbar. Nicht selten gerät durch solche und andere Dynamiken der Kunde, die Kundin (Kundensystem) aus dem Blick.
Informationen wahrnehmen
Selbstverständlich spielen eine ganze Reihe anderer Prinzipien dabei eine Rolle, die untereinander wechselseitig wirksam sind. In den Seminaren und Einzelberatungen, wo mit dem Verfahren gearbeitet wird, kann dies hautnah erlebt werden. Die Anwendung der Systemaufstellungen kann sehr unterschiedlich sein, je nach Fragestellung des Unternehmens, der Mitarbeiter und Personen. Das Aufstellen selbst ähnelt äußerlich einer Bühneninszenierung, hat aber verfahrenstechnisch nichts damit zu tun. Es geht um die Wahrnehmung und Übersetzung von Informationen, die wir in tieferliegenden Schichten unseres Bewusstseins gespeichert haben. In einer ernsthaften und gesammelten Arbeitshaltung können wir wesentliche Teile davon nach außen bringen und für gute Lösungen nutzbar machen. Ich halte es hierbei für viel wichtiger, über diese menschliche Fähigkeit zu staunen, die grundsätzlich jedem gegeben ist, als diese Wahrnehmungsphänomene vorschnell abzuwerten oder zu erheben. Wahrnehmung spielt eine große Rolle in der Aufstellungsarbeit. Und Wahrnehmen heißt, wach sein, Ohren und Augen geöffnet haben. Das hat nichts mit Verklärung oder Romantik zu tun. Insofern ist die Aufstellungsarbeit auch gleichzeitig ein Wahrnehmungstraining, wo man lernt, der inneren Klugheit zu trauen.
Entscheidungen treffen
Insbesondere Mitarbeiter in den Bereichen Verkauf und Service wissen, wie entscheidend die ersten Sekunden im Kundenkontakt sind. Und jeder kennt diese Erfahrung des ersten Augenblickes. Der größte Teil unserer Wahrnehmung geschieht unbewusst. Damit ist dieses Wissen aber nicht verloren, sondern es wirkt fort und agiert sich in der weiteren Arbeits- und Kundenbeziehung aus. In der Aufstellungsarbeit kann dieses verdeckte Wissen nutzbar gemacht werden, z.B. in Personalauswahlverfahren. Die Erfahrung zeigt auch hier, dass wir uns häufig für den besten Bewerber, aber nicht immer für die beste Mitarbeiterin entscheiden.
Systemaufstellungen sind aber nicht eine Exklusivität für Unternehmen und Führungskräfte.
Im Gegenteil! Menschen, die Entscheidungen schon lange mit sich herumtragen, ohne etwas entschieden zu haben, finden in der Aufstellungsarbeit oft eine hilfreiche Lösung. Ebenso in Zielannährungsprozessen, wo sich die Ressourcen nur allzu oft als Hindernisse und die Hürden sich hintergründig meist als Kraftquellen herausstellen. Gerade in unternehmerischen, beruflichen und Persönlichen Veränderungsprozessen stehen wir immer zwischen dem Alten, von dem wir nicht lassen wollen und dem Neuen, das wir noch nicht greifen können. Das sind oftmals sehr vielschichtige Prozesse, die den persönlichen Bewältigungshaushalt stark herausfordern. So gesehen, findet ist die Aufstellungsarbeit nicht nur ein effektives Verfahren, sondern auch eine Sprache, in der Komplexität reduziert wird auf das, was für die gesuchte Lösung wesentlich ist.
Systemaufstellungen gezielt einsetzen
Aber ich möchte auch warnen, Systemaufstellungen sind nicht für jeden geeignet und nicht jeder ist für die Aufstellungsarbeit geeignet. Dass in den letzten Jahren damit begonnen wurde, die Wirksamkeit von verschiedenen Seiten her, wissenschaftlich zu untermauern, zeugt von der Werthaltigkeit des Verfahrens. Es ist immer im Einzelfall abzuwägen und zu prüfen, wann sich die Aufstellung eines Anliegens, Themas oder Fragestellung lohnt. In der Regel wissen das aber die Personen, die zu einem Seminar, zu einer Einzelberatung oder zu einem Coaching kommen, selbst.
Kontakt
Christian Welker : Supervisor - Organisationsberater - Systemesteller
Arbeitspraxis: Siegburg, Schillerstrasse 1
Seminare und Vorträge zu Familien-, Organisations- und Systemaufstellungen
Supervision und Coaching für Einzelpersonen, Arbeits- und Projektteams
Büroadresse: Büsch bei Merten 2 - D-53783 Eitorf
Telefon (02243) 911 507 - Fax (02243) 911 505
Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V.
Mitglied der Int. Arbeitsgem. Systemaufstellungen Reg.-Gr.-West
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