Lebensraum Der Mensch lebt im Büro nicht von Funktionalität allein

16.12.2004 – Der durchschnittliche Angestellte verbringt etwa 80.000 Stunden im Büro. Es lohnt sich, diesen Lebensraum durchdacht zu gestalten. Es braucht die richtigen Möbel, Farben, Stoffe, Böden, Pflanzen und Accessoires. Dadurch fühlt sich der Mitarbeiter wohler und sein Unternehmen wird erfolgreicher.

Klaus betritt früh morgens sein Büro: Bücherregale, Schreibtisch, Sessel, Kakteen und der flimmernde Monitor mit dem Terminkalender sind ihm vertraut; auch die Kolleginnen die er nebenan arbeiten hört.

Gegen 11 Uhr ist eine Besprechung mit dem Projektteam angesetzt - im hallenden Besprechungsraum. Schwere, schon abgearbeitete Tische stehen dort im Kreis. Nach dem Mittagessen eine Zigarette in der verrauchten Kaffee-Ecke, Plaudern mit Kollegen. Dann wieder Schreibtisch-Routine bis fünf; vielleicht hängt er heute eine Überstunde an. Die Augen rot und müde, den Rücken gebeugt, wird Klaus am Abend nach Hause fahren – bis zum nächsten Morgen.

Das Büro ist für viele Menschen zu einem zentralen Lebensraum geworden – zumindest seit der Trennung von Arbeitsplatz und Wohnung; und seit in der Dienstleistungsgesellschaft immer mehr Menschen am Bildschirm und geistig statt körperlich arbeiten.

Büro: Ergonomie und Sicherheit oft Fehlanzeige

Schon im Jahr 2001 stellte die BBE-Unternehmensberatung aus Köln für das Deutsche Büromöbel Forum (DBF) fest, dass jeder dritte Büroarbeitsplatz in Deutschland nicht den gesundheitlich notwendigen, ergonomischen und sicherheitstechnischen Kriterien entspricht. Ebenfalls nur knapp ein Drittel führen die gesetzlich vorgeschriebenen Arbeitsplatzanalysen durch. In den Jahren zuvor waren es noch weniger.

„Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern ergonomisch und sicherheitstechnisch schlecht ausgestattete Arbeitsplätze zumuten, sollten eigentlich wissen, dass dies mannigfache Gesundheitsschäden nach sich ziehen kann,“ stellt dazu der Vorsitzende des Büromöbel Forums, Willi Schneider, fest.

Er lässt auch das Argument nicht gelten, die Einrichtung vorbildlicher Arbeitsplätze verursache zu hohe Kosten: Denn gesunde Arbeitsplätze sind um ein Vielfaches billiger als die Aufwendungen, die durch krankheitsbedingte Fehlzeiten entstehen. Die Einrichtung des Arbeitsplatzes hat einen entscheidenden Einfluss auf

  • Kreativität,
  • Motivation,
  • Leistung und
  • Gesundheit.

Und diese Faktoren sind nicht nur für das Wohlbefinden der Mitarbeiter wichtig, sondern auch für den Erfolg des Unternehmens. Umso mehr sollte den Arbeitgebern an der richtigen Gestaltung des Arbeitsplatzes gelegen sein. Das einzelne Büro ist nur ein Teil des Unternehmens. Das heißt: auch das ganze Gebäude, seine Architektur und Gestaltung wirken sich auf die Kreativität, Zusammenarbeit, das Betriebsklima, die Kultur und damit auf die Leistungsfähigkeit des Unternehmens aus.

Gesundheit: Sitzen kann krank machen

Etwa 85 Prozent seiner Arbeitszeit verbringt der Angestellte heutzutage im Sitzen. Die Folgen:

  • Eine falsche Körperhaltung am Bildschirmarbeitsplatz verursacht Verspannungen im Schulter, Nacken und Rückenbereich, was zu Rücken- und Gliederschmerzen führt.
  • Die fehlende Bewegung beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit durch den schwachen Kreislauf und flaches Atmen, was sogar Schlaf- oder Herzrhythmus-Störungen hervorrufen kann.
  • Schlechte Monitore oder unzureichende Beleuchtung führen häufig zu Kopfschmerzen und bedeuten eine starke Beanspruchung für die Augen. Langfristig können auch Kurzsicht und andere chronische Erkrankungen entstehen.

Deshalb hat der Gesetzgeber die Anforderungen an einen Bildschirmarbeitsplatz in der Bildschirmarbeitsverordnung geregelt.

Das optimale Büro

Der Arbeitsplatz wirkt auf die Gesundheit und Leistungsfähigkeit des Mitarbeiters; insbesondere für das Bürozimmer gelten einige Regeln:

  • Die Raumtemperatur sollte bei 22 Grad Celsius liegen;
  • die Luftfeuchtigkeit bei 40 bis 50 Prozent;
  • mehrmals täglich lüften, um den Kohlendioxidgehalt und somit die Müdigkeitserscheinungen niedrig zu halten;
  • ruhige Arbeitsplatzumgebung (Schalldruckpegel von <30 Dezibel ideal; dauerhafter Lärm kann physische und psychische Schäden verursachen);
  • schadstoffarmes Inventar;
  • die Farben hell und freundlich auswählen (maximal 6 Farben außer schwarz und weiß), Vorhänge einfarbig;
  • der Arbeitsplatz sollte Sichtverbindung nach außen haben;
  • im Großraumbüro sollten je Arbeitsplatz 12 bis 15 qm zur Verfügung stehen;
  • jeder Bildschirmarbeitsplatz sollte mindesten 8 bis 10 qm Fläche aufweisen;
  • setzen Sie Düfte ein, die Sie persönlich als angenehm empfinden;
  • bei konzentrierter Denkarbeit sollten die meisten Menschen keine Musik hören.
    [Quelle: Das Gesundheitsnetzwerk]

Je nach Wahrnehmungstyp – sehender, riechend-schmeckender oder hörender Typ – können einzelne Merkmale auch anders gestaltet sein. Beim hörenden Typ kann beispielweise die Musik die Konzentrationsfähigkeit steigern. Beim häufigen sehenden und dem seltenen riechend-schmeckendem Typen können ein paar schöne, duftende Büropflanzen die Stimmung steigern.

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Form follows Function?

Die Aufgaben der Mitarbeiter und die Funktion des Raums spielen ebenfalls eine große Rolle. Sicherlich wird der Chef sein Büro anders einrichten, als die Mitarbeiter im Call Center. Denn er hat nicht nur andere Anforderungen, sondern auch andere Aufgaben und Pflichten.

Funktionalität ist eine wesentliche Herausforderung, der sich die Büromöbelhersteller heutzutage stellen müssen. Dabei orientieren sie sich an der veränderten Arbeitsform, bei der direkte und indirekte Kommunikation zunimmt, während Aktenordner und Archive seltener werden. Die Technisierung, beispielsweise durch den Bürocomputer und die archivierenden Server, spielt eine immer wichtigere Rolle. Das Büro wird zum zentralen Bestandteil der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft von morgen.

Das Büro als „Kreativitätslandschaft“

Aus diesem Grunde gehen auch Forscher der Fraunhofer-Gesellschaft der Frage nach, wie das Büro des 21. Jahrhunderts aussehen kann.

Mit den Erkenntnissen der Kreativitätsforschung haben die Forscher ein Büro gestaltet, das vor allem kreative Arbeit unterstützen soll: Die „OFFICE 21 Interactive Creativity Landscape“. Und so beschreiben die Forscher ihre Büro-Vision:

Durch einen schnellen Wechsel der Büroumgebung sollen die mentalen Aktivitäten während der unterschiedlichen Phasen des kreativen Prozesses optimal unterstützt werden. Dazu ist der Raum in drei Zonen unterteilt:

  1. Im Eingangsbereich die Aktionszone, die in unmittelbarer Nähe zur Multifunktionszone ideale Strukturen für die informelle Kommunikation in der Präparationsphase bietet.
  2. Von dort gelangt man in die Interaktionszone: Intelligentes Mobiliar als eine Synthese aus herkömmlichem Schreibtisch und Computerarbeitsplatz; plug and work-Arbeitsplätze und ein versenkbarer Konferenztisch bieten für jede Arbeitssituation das gewünschte Umfeld. Die Sitz-Liegelandschaft lädt zur informellen Kreativmeetings in geistig stimulierender Atmosphäre ein.
  3. Für die Reifungsphase der Ideen ist die visuell und akustisch abgeschirmte Rückzugszone konzipiert: ein vielfältig individualisierbarer, kokonartiger Raum, der durch visuelle und akustische Reize sowie durch Düfte das verknüpfende Denken stimulieren soll. Durch individuell steuerbare Farb- und Lichtverhältnisse, digitale Projektionen, Sauerstoffdusche und spezielle Klimatechnik unterstützt die Rückzugszone auf vielfältige Art die unbewusste Lösungssuche.

[Quelle: Office 21]

Das ist größtenteils noch Zukunftsmusik. Heutzutage streitet man sich noch immer über die Vor- und Nachteile der Zellen- oder Großraumbüros. Bewertet werden:

  • Flexibilität
  • Möglichkeiten der Kommunikation
  • Möglichkeit für konzentriertes Arbeiten
  • Unterstützung der Teamarbeit
  • Möglichkeit für individuelle Arbeitsplatzgestaltung
  • Transparenz
  • Geräuschpegel
  • Klima
  • Anteil der Flurflächen
  • Länge der Wege
  • Flächenbedarf im Verhältnis zur Arbeitsplatzanzahl
  • Aufwand bei Umbauten

In der Praxis sucht man nach Lösungen, die möglichst viele Vorteile kombinieren. Das Stichwort dafür sind Kombibüros. Einige Unternehmen gehen dazu über, ihre Mitarbeiter in die Gestaltung der Büroräume einzubeziehen.

Großraumbüro bei Oracle in Düsseldorf

[Quelle: DYCKERS & Friends, Büroeinrichtungssysteme GmbH]

Das „Pfalz-Modell“: Wanderarbeiter

Wie die Kaiser und Könige im Mittelalter keinen festen Herschersitze hatten und von Pfalz zu Pfalz zogen, so haben auch viele Unternehmensberater keinen festen Arbeitsplatz mehr. Denn neben den klassischen Büroraumarten (Einzelbüro, Gruppenbüro, Kombi-Büro, Großraumbüro) erlangt das „Desk Sharing“, das Teilen eines Schreibtisches oder eines Arbeitsplatzes, eine immer größere Bedeutung.

Das hat zweierlei Gründe: Zum einen haben sich in einigen Branchen die Arbeits- und Organisationsformen gewandelt; die Mitarbeiter sind viel unterwegs oder arbeiten zuhause. Zum anderen wollen Unternehmen Bau- und Bewirtschaftungskosten einsparen.

Die Beschäftigten ziehen mit den notwendigen Arbeitsmitteln jeweils an einen freien Arbeitsplatz, der ihnen morgens am Empfang zugewiesen wird. So kann jeder Beschäftigte immer genau dort arbeiten, wo er gebraucht wird (zum Beispiel bei seinem Projektteam) und wo er am effizientesten arbeiten kann. Die Merkmale des Desk Sharing sind:

  • Weniger Arbeitsplätze erforderlich als Mitarbeiter beschäftigt werden.
  • Die Beschäftigten besitzen keinen dauerhaft zugewiesenen Arbeitsplatz.
  • Hochwertige Möbel und Möbelsysteme sind erforderlich.
  • Raum- und Arbeitsplatzangebote für unterschiedliche Anforderungen (abgeschirmte Einzelarbeitsplätze, Teamarbeitsbereiche, Denker-Bereiche, Begegnungsbereiche) müssen bereitgestellt werden.
  • Bereitstellung einer hochentwickelten IT-Infrastruktur mit Client-Server-Technologie und mobilen Endgeräten.
  • Offene, transparente Raumstrukturen sind zu empfehlen, da sie die Kommunikation fördern.
  • Hoher Entwicklungsstand im elektronischen Dokumentenmanagement.
  • Größeres Angebot an Besprechungsflächen und Orten der informellen Kommunikation.

[Quelle: Reosteam]

„Doch Desk Sharing kann auch Probleme mit sich bringen, die man vor der Einführung dieses Konzeptes mit ins Kalkül einbeziehen sollte. So müssen die Beschäftigten Abschied nehmen vom Büro mit persönlichem Schreibtisch und persönlichen Accessoires, was erhebliche Widerstände bei den Beschäftigten hervorrufen kann“, weiß der Desk Sharing Experte Ralf Neuhaus vom Institut für angewandte Arbeitswissenschaft in Köln.

Studie: das attraktive Büro

Bei Ihrer Forschung zum Büro der Zukunft haben die Fraunhofer-Mitarbeiter eine empirische Studie durchgeführt zu der Frage: Wie sehen attraktive Büros aus?

Aus Sicht der Mitarbeiter, ist es wichtig ein Ambiente zu schaffen, das eine bewusste Gestaltung erkennen lässt. Sie soll einen hochwertigen, repräsentativen und gepflegten Eindruck vermitteln. Hierzu tragen vor allem der durchdachte Einsatz von Materialien und Oberflächen bei:

  • Mut zu Farbeinsatz und Vielfarbigkeit,
  • Verwendung eher warmer Farbtöne und Materialien,
  • Einsatz von Glas, Holz und Textilien (nicht nur als Bodenbelag, sondern auch an vertikalen Flächen),
  • attraktive, funktionale und ergonomisch hochwertige Möblierung,
  • Verzicht auf (billig wirkende) Kunststoffe.

[Quelle: Fraunhofer IAO]

Stichwort

Feng Shui spielt inzwischen nicht nur in Asien eine große Rolle, wenn es um die Gestaltung von Gebäuden und Geschäftsräumen geht. Es hat seinen Ursprung in China, und ist eine über 3500 Jahre alte Wissenschaft die sich mit den Einflüssen von Natur und Umwelt auf den Menschen und sein Verhalten beschäftigt. Auch hierzulande achten Unternehmen auf die „vitalenergetische Farbgebung für erhöhte Kreativität und Intuition, sowie dynamische Anordnung der Arbeitsplätze gemäß dem Energiefluss.“

Der europäische Büromöbelverband „femb“ (fédération européenne du mobilier) vergibt jedes Jahr den Preis „Office of the Year“ für besonders gelungene Büro- und Gebäude-Gestaltung. 2003 haben die Hamburger Architekten Jens Bothe, Klaus Richter und Hadi Teherani für das Objekt Bürohaus Deichtor gewonnen. Sie erhielten den 1. Preis vor allem für die hohe Qualität des nutzerorientierten Gestaltungs- und Planungskonzeptes. Die Jury stellt unter anderem fest:

„Das Bürohaus Deichtor beeindruckt durch eine großzügige, höchst ästhetische und zugleich bauphysikalisch wie energetisch äußerst innovative Auffassung und Gestaltung eines Bürogebäudes.“

Der gläserne Baukörper ist als Haus im Haus konzipiert. Er schafft durch die Einbeziehung mehrerer Wintergärten, großräumiger Atrienlufträume und ausgedehnter Eingangshallen eine neue Qualität für das Arbeits-Klima aus Kommunikation und Entspannung. Hier wird das Büro zum Lebensraum, weil mobile Arbeitsplätze ohne trennende Wände sowie helle Wintergärten, in denen Strandkörbe zu kreativem Gedankenaustausch oder zum Relaxen einladen. Sie sorgen für ein harmonisches Gleichgewicht zwischen Bürobereich und humaner Umgebung.

Schließlich lobt die Jury auch die Einrichtung. Mobile ergonomische Arbeitsplätze in Form von „All-in-one-Büromobilen“ ermöglichen optimales Desk Sharing. Der Verlust von Privatheit beim „normalen“ Desk Sharing wird abgemildert, durch ein aus verschiedenen Modulen bestehendes Stuhlsystem. Es trägt zum individualisierbaren Arbeitsplatz bei.

[Quelle: Büro-Forum]

Kein Zweifel: Wer die modernen Büro-Konzepte sieht spürt, dass Arbeiten und Leben kein Wiederspruch sein muss. Nun kommt es vor allem auf Überzeugungsarbeit der Personaler und Bürogestalter an. In den Zeiten des Kostensparens müssen sie nachweisen, dass sich die höheren Investitionen in ein förderliches Arbeitsumfeld für das Unternehmen lohnen.

Checkliste

Anforderungen der Bildschirmarbeitsverordnung zu Bildschirm, Tastatur, Tisch, Stuhl, Umgebung etc.

Links zum Thema

Portale und Webguides

Büro Forum

http://www.office-work.net

http://www.femb.org

Büro-Raumtypen und Gestaltungsrichtlinien

http://changex.de/d_a00724.html

Informationsseite zur ergonomisch richtigen Beleuchtung am Arbeitsplatz

http://www.lightingdeluxe.de/arbeitsplatz-beleuchtung-ergonomie.html

Zum Desk Sharing

http://www.ifaa-koeln.de/site/...

Die Fachmesse für Planung, Einrichtung und Management von „Business-Welten“

http://www.orgatec.de

[JF | TL | Bilder: PhotoCase.de & Quellen]

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