Wer die Wirtschaftspresse in den letzten Monaten aufmerksam verfolgte, musste sich kopfschüttelnd fragen, wie es in einigen Unternehmen wohl zugehen mag. Da sterben in Japan jährlich rund 150 Arbeitnehmer an Überarbeitung, die in den meisten Fällen dann zum Herzinfarkt führt. Über 80 Arbeitsstunden pro Woche und unzählige Überstunden sind im Land des Lächelns keine Seltenheit.
Da nehmen sich 25 Mitarbeiter des französischen Telekommunikationsanbieters France Télécom das Leben, weil sie unter dem Druck von Restrukturierungen im Unternehmen zerbrachen. Und dann dopen sich nach Angaben der Krankenkasse DAK zwei Millionen deutsche Arbeitnehmer mit rezeptpflichtigen Aufputschmitteln, nur um im Job leistungsfähig zu bleiben oder ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.
Was von Ärzten sonst für die Behandlung von Alzheimer oder Depressionen verschrieben wird, sogenannte „Neuro Enhancer“, scheinen gerade gut genug zu sein, um die Denk- und Konzentrationsfähigkeit zu fördern. Da gehen Mitarbeiter sogar das Risiko von Herzrhythmusstörungen oder Abhängigkeit ein, nur um zu zeigen: Ich bin permanent leistungsfähig.
Fehlzeiten kosten die Wirtschaft mehrere Milliarden Euro
Die Fakten sind eindeutig: Stress zählt zu den häufigsten Ursachen, wenn Menschen zu solchen Mitteln greifen. Angst vor Arbeitsplatzverlust oder hoher Konkurrenzdruck unter der Belegschaft etwa. Der „Barmer-Gesundheitsreport 2009“ kommt zu dem Ergebnis: Psychische Störungen beziehungsweise Verhaltensstörungen stehen mit 16,8 Prozent auf Platz Zwei auf der Liste der Krankheiten, die zu Arbeitsunfähigkeit führen. Geschlagen nur von Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems. Bei der Erkrankungsdauer allerdings liegen psychische Krankheiten mit 39,1 Prozent weit vorne.
Was läuft da falsch? Bernd Siegemund, Vorsitzender der Geschäftsführung der BAD Gesundheitsvorsorge und Sicherheitstechnik GmbH, sagt im Interview mit dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat:
„Es ist vor allem die Form der Belastungen, mit der wir uns heute oft schwer tun: Das Ineinanderübergehen von Arbeit und Freizeit, die oft wechselnden und sich immer schneller ändernden Anforderungen mit der dafür notwendigen Flexibilität seitens der Beschäftigten. Außerdem steigende Erwartungen an die Mobilität und sicherlich auch eine – zumindest in Deutschland – falsch entwickelte Sicherheitserwartung, für die es in einem globalen Wettbewerb keinen Platz mehr gibt.“
Die Folgen dieser Entwicklung: Negativer Stress, das heißt solcher, der häufig auftritt und bei dem Situationen als unangenehm und überfordernd empfunden werden bei gleichzeitigem Mangel an körperlichem Ausgleich. Auch die Fälle von Workaholics, Mobbing und Burn-Out-Syndromen nehmen stetig zu. Siegemund spricht von rund 70 Milliarden Euro, die der deutschen Wirtschaft pro Jahr durch Fehlzeiten aufgrund solcher Stressfolgen entstünden.
Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK und Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports 2009 des Versicherungsunternehmens, bekräftigt:
„Vor dem Hintergrund auch dieser neuen Ergebnisse ist es wichtig, nicht nur die Belastungen im beruflichen Umfeld zu reduzieren, sondern auch die Ressourcen und den Umgang mit Stress bei jedem Einzelnen zu stärken.“
Best Practice: Gesundheitsmanagement gut organisiert
Die schockierenden Beispiele in Sachen Jobstress haben jüngst das „Handelsblatt“ auf den Plan gerufen. Die Wirtschaftszeitung hob zusammen mit EuPD Research, einem internationalen und auf B2B-Marktforschung spezialisierten Dienstleister sowie dem TÜV Süd den „Corporate Health Award“ aus der Taufe. Mit diesem Preis zeichneten die Auslober in diesem Jahr erstmals Unternehmen aus, die Vorbildliches beim betrieblichen Gesundheitsmanagement leisten. Unter den Preisträgern: Unternehmen wie Daimler, ABB, Boehringer Ingelheim Pharma oder SAP.
Dass Manager einen stressigen Job haben, hat zum Beispiel Boehringer Ingelheim Pharma erkannt. Deshalb erhalten seine Manager, die über 40 Jahre alt sind, alle drei Jahre einen Gesundheits-Checkup, Manager über 50 Jahre sogar alle zwei Jahre. Bei diesem Instrument der Gesundheitsförderung wird auch der jeweilige Hausarzt mit einbezogen. Mitarbeiter wurden mit einem Schrittzähler und einem Online-Laufbuch ausgestattet. Hintergrund: Ein Anreizmodell für alle Abteilungen, als erste einmal um die Welt zu laufen.
Wer nichts tut, den kommt das am Ende vielleicht noch viel teurer zu stehen: Wie die France Télécom jüngst bei der Präsentation ihrer Geschäftszahlen mitteilte, könnte die Selbstmordserie seiner Mitarbeiter das Unternehmen viel Geld kosten. Die Franzosen rechnen mit rund einer Milliarde Euro, die durch „Entspannungsmaßnahmen“ wie etwa eine Umfrage unter allen zirka 100.000 Mitarbeitern zum Arbeitsklima anfallen. Laut Bericht des Handelsblatts sollen die Mitarbeiter insgesamt 177 Fragen beantworten. Wenn das am Ende nur nicht in Stress ausartet.
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