Gesundheit managen Eine Frage von Führung und Unternehmenskultur

Teil 2: Stressprävention: „Bewusste Trottelei“ erlaubt

Zum einen bedeutet das, dass jeder einzelne Mitarbeiter den Umgang mit Stresssituationen lernen kann. Denn stressige Situationen gibt es immer wieder im Beruf, vermeiden lassen sie sich kaum. Doch machtlos müssen Mitarbeiter diesen Situationen nicht gegenüberstehen. Gerade im zuweilen turbulenten Berufsalltag gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren. Folgende Strategien könnten dafür sorgen, mit hektischen Situationen gelassener umzugehen:

  1. Zeit in Ruhe einteilen: Nicht alles auf einmal erledigen wollen, stattdessen Aufgaben nach Priorität geordnet abarbeiten; wichtig sind auch regelmäßige Pausen, um durchzuatmen und neue Motivation zu schöpfen.
  2. Auf seinen Körper hören: Stress äußert sich immer auch in körperlichen Beschwerden. Magen-, Rücken- oder Kopfschmerzen können ein erstes Signal sein, dass die Bewältigung des beruflichen Alltags nicht so funktioniert wie sie es eigentlich sollte – entspannt und trotzdem effektiv. Die Einnahme von Medikamenten zur Stressbewältigung kann eher kontraproduktiv sein.   
  3. Gesunder Egoismus: Es gibt noch ein Leben neben dem Job. Auch wenn der Beruf die meiste Zeit des Tages beansprucht, sollten sich Mitarbeiter das bewusst machen. Dies heißt jedoch nicht zwingend, auch die arbeitsfreie Zeit des Tages, die „Freizeit“, krampfhaft nutzen zu müssen, nur damit sie irgendeinem Zweck dient. Muße kann, muss sich aber nicht in Freizeitaktivitäten zeigen. Es ist, frei nach dem Kulturhistoriker und Schriftsteller Oswald Spengler, auch „bewusste Trottelei“ erlaubt.
  4. Krisen annehmen: Berufliche Schwierigkeiten, auch wenn sie einmal länger andauern sollten, sind normal. Das klingt zwar relativ platt, ist aber so. Psychologisch kontraproduktiv wäre es, allein sich  selbst dafür verantwortlich zu machen beziehungsweise den Ursprung darin zu suchen. Wer Krisen annimmt und sich bewusst klarmacht, dass diese nicht von Dauer sind, ist auf einem guten Weg. Ist allerdings aufgrund äußerer Umstände, die nicht beeinflussbar sind, keine Besserung in Sicht, hilft auch ein krampfhaftes Durchhalten nicht weiter. Entscheidend ist, ob auf längere Sicht positive oder negative Emotionen überwiegen. Manchmal kann es dann doch sinnvoller sein, bei andauernder Jobkrise selbst einen Schnitt zu machen.

Führung und Gesundheit: ein untrennbarer Zusammenhang

Wer glaubt, Stress sei in der Hauptsache auf permanenten Zeitdruck oder ein hohes Arbeitstempo zurückzuführen, irrt. Vielmehr sind es auch Dinge wie fehlende beziehungsweise nicht ausreichende Information, eine unzureichende Art und Weise von Kommunikation oder Rückmeldungen in den Abteilungen oder Teams sowie mangelndes Führungsverhalten der Vorgesetzten.

Forschungsergebnisse, unter anderem solche des Bielefelder Gesundheitsexperten Bernhard Badura, weisen auf systematische Zusammenhänge zwischen dem Verhalten von Führungskräften und der Gesundheit von Beschäftigten hin. Der Grund: Führungskräfte sind maßgeblich dafür verantwortlich, welche Arbeitsbedingungen herrschen, denn sie vergeben die Aufgaben und verteilen sie zwischen den Mitarbeitern und sie organisieren Arbeitsabläufe.

Durch ihr Verhalten beeinflussen Führungskräfte bewusst oder unbewusst auch das Verhalten und die Emotionen ihrer Mitarbeiter. Es leuchtet ein, dass es beim Treffen von Entscheidungen, was Führungskräfte nun einmal täglich tun, auch auf die Art und Weise ankommt. Ein konstruktives Miteinander und ein Klima des Vertrauens oder ein Nebeneinanderarbeiten in Rivalität und Misstrauen – Führungskräfte selbst haben es in der Hand, das Arbeitsklima zu beeinflussen. Der Barmer-Gesundheitsreport 2007 nennt folgende Inhalte und Ziele guter Führungsarbeit:

  • Verbesserung des Wohlbefindens und der Gesundheit,
  • Information und Kommunikation von Zielen, Koordination von Prozessen und Gestaltung von Spielräumen,
  • Regelung von Konflikten,
  • Schaffen einer gesundheitsbezogenen Unternehmens- beziehungsweise Führungskultur.

Einen wesentlichen Einfluss haben Führungskräfte, wenn es um Arbeitsabläufe im Unternehmen geht. Entweder sie funktionieren reibungslos oder es treten häufig Arbeitsbehinderungen auf. Letzteres ist eher dann der Fall, wenn unklare und nicht eindeutige Arbeitsanweisungen vorliegen, wenn die Führung nicht ausreichend Rückmeldung über Arbeitsergebnisse gibt, unvorhersehbare Arbeitsunterbrechungen wie zum Beispiel Telefonate oder störende Umwelteinflüsse wie Lärm auftreten, weiß der Barmer-Gesundheitsreport 2007 zu berichten.

Der Führungsstil beziehungsweise die Unternehmenskultur steht im signifikanten Zusammenhang mit der Tatsache, wie häufig Arbeitsbehinderungen auftauchen. Je mehr Partizipationsmöglichkeiten, Anerkennung und Wertschätzung der Mitarbeiter es gibt, desto weniger Behinderungen treten auf. Das umgekehrte Ergebnis findet sich beim autoritären beziehungsweise direktiven Führungsstil. Die folgende Grafik, die sich auf eine Untersuchung auf 236 Arbeitsplätze in verschiedenen Unternehmen bezieht, verdeutlicht den Zusammenhang:

Welche Führungskultur die Arbeit behindert
[Quelle: Barmer Gesundheitsreport 2007]

Gesundheit als Messgröße für den Grad der Mitarbeiterorientierung

Und es gibt noch mehr Zusammenhänge zwischen der Art des Führungsstils und der Gesundheit der Mitarbeiter. Wie im Gesundheitsreport der Barmer weiter zu lesen ist, wirkt sich ein mitarbeiterorientierter Führungsstil zum einen auf das aktuelle Befinden während der Arbeit, zum anderen bei der Vermeidung von längerfristigen Krankheiten wie Burnout positiv aus.

Forschungsarbeiten aus diesem Bereich stammen zum Beispiel von den Experten für Arbeitsgestaltung der Bergischen Universität Wuppertal, Karin Scherrer und Rainer Wieland.  Ebenso verhält es sich mit körperlichen Beschwerden, die das Muskel-Skelett-, das Magen-Darm- sowie das Herz-Kreislauf-System, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder Kopfschmerzen betreffen. Auch hier ist eine niedrige mitarbeiterorientierte Führung eher kontraproduktiv.

Für Gesundheitsexperte Badura ist klar: Führung, die auf die Pflege einer mitarbeiterorientierten Unternehmenskultur verzichtet, riskiert Imageeinbußen und den Verlust von Gesundheit und innerer Bindung ihrer Mitarbeiter, schreibt er 2008 in einem Aufsatz für die Bertelsmann Stiftung. Die Folge: Solche Unternehmen setzen am Ende ihre Wettbewerbsfähigkeit und nicht zuletzt ihr Überleben aufs Spiel. Badura leitet seine Thesen vom Wandel hin zu einer Dienstleistungswirtschaft ab, in der immaterielle Organisationsfaktoren für den Unternehmenserfolg immer wichtiger würden. Stichwort: Humankapital. Auch die Gesundheit sei Teil des Humanvermögens, spiele aber in der praktischen Betriebswirtschaft noch keine nennenswerte Rolle.

Menschen seien keine rationalen Problemlöser, so Badura weiter, sondern müssten auch an ihren Emotionen, unbewussten Entscheidungen und biologischen Anlagen für ihr Verhalten gemessen werden. Positive Emotionen wie Stolz, Freude und ein Wir-Gefühl würden der Gesundheit und der Arbeit gleichermaßen förderlich sein.

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