Frau Neumann, Sie sagen, monetäre Anreize für Mitarbeiter sind eher unwichtig. Warum sind Sie dieser Ansicht?
Monetäre Anreize können Mitarbeiter kurzfristig locken oder auch zufrieden stellen, jedoch können die Bedürfnisse eines jeden Mitarbeiters mittel- und langfristig ganz anders gelagert sein. Natürlich ist mehr Geld immer wünschenswert, doch mittlerweile sind andere Maßnahmen zur Motivation nötig. Wie auch im HR-Report 2011 von Hays dargestellt, ist zum Beispiel für ältere Mitarbeiter Beschäftigungssicherheit einer der größten Motivationsfaktoren, während bei jüngeren Mitarbeitern Karriereperspektiven ausschlaggebend sind.
Worin besteht die Gefahr, wenn Unternehmen zu einseitig auf eine Incentivierung über Geld setzen?
Wenn Unternehmen einseitig auf eine Incentivierung über Geld setzen, verlieren sie sämtliche andere Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter aus den Augen. Eine Incentivierung über Geld ist nicht nachhaltig und eine Gehaltserhöhung im üblichen Rahmen wird schnell nicht mehr wahrgenommen. Ein Bonus erfreut für einen kurzen Zeitraum, schützt aber weder das Unternehmen noch den Mitarbeiter davor, durch andere Umstände demotiviert zu werden.
Dies kann zum Beispiel dann der Fall sein, wenn eine ständige Überforderung der Mitarbeiter vorherrscht, Ziele nicht erreichbar sind, die Work-Life-Balance durch ausufernde Arbeitszeiten aus den Fugen gerät und der Mitarbeiter sich dadurch aufreibt. Ganz abgesehen davon muss sich ein Unternehmen fragen, wie lange es wirtschaftlich eine ausschließliche Incentivierung durch Geld schultern kann.
Auf der anderen Seite gibt es aber auch Arbeitsbereiche, in denen monetäre Incentives per se besser funktionieren als in anderen, zum Beispiel im Vertrieb oder bei rein mechanischen Arbeiten.
Hier stellt sich die Frage nach dem wirklichen Incentive, zum Beispiel eine bestimmte Verkaufsaktion, bei der im Vertrieb für einen beschränkten Zeitraum eine zusätzliche Prämie für ein bestimmtes Produkt gewährt wird. Oder nach einem variablen Gehaltsbestandteil, der zum Beispiel im Vertrieb oder bei rein mechanischen Arbeiten Teil der regulären Vergütung ist. Ein variabler Gehaltsbestandteil ist nicht unbedingt als Motivationsfaktor zu sehen, er ist eben Teil des Gehalts. Er wird schnell zum Demotivationsfaktor, wenn folgende Situation eintritt: Die Ziele, die für diesen Anteil erreicht werden müssen, sind so gesteckt, dass sie nicht erreicht werden können. Auch Mitarbeiter mit variablen Gehältern lassen sich durch verschiedene Faktoren motivieren und demotivieren.
Sollten Personaler beziehungsweise Führungskräfte also nach den jeweiligen Aufgaben ihrer Mitarbeiter – kreative oder ausführende – unterscheiden, welche Anreizsysteme sie verwenden?
Der Schlüssel zum Erfolg liegt auch hier in der Wahrnehmung des Individuums, auch wenn mit Sicherheit innerhalb verschiedener Gruppen von Mitarbeitern Übereinstimmungen in Motivationsfaktoren bestehen.

