Chefs auf Zeit Interim Manager für den Notfall

13.10.2009 – Umsatzrückgänge, Kundenabwanderung, Restrukturierung. Wenn akute Probleme oder schwierige Aufgaben in Unternehmen gelöst werden müssen, fehlt oft das entsprechende Know-how, um schnell und vor allem ohne enormen Aufwand zu einer Lösung zu gelangen. Doch für knifflige Fälle gibt es Spezialisten auf dem freien Markt. Interim Manager sorgen dafür, dass Missstände relativ zügig und effizient beseitigt werden. Gerade in Krisenzeiten hat diese Branche Hochkonjunktur.

Fast liest es sich wie eine Aufgabenstellung in einer wissenschaftlichen Klausur, doch es werden weder konstruierte, vielleicht in der Realität so nie vorkommende Fallbeispiele abgearbeitet, noch werden Noten oder Punkte vergeben. Im Gegenteil: Es geht ums knallharte Business, und am Ende muss die Aufgabenstellung so umgesetzt werden, dass alle Beteiligten zufrieden sind.

Interim Manager geben Vollgas, stehen ständig unter Strom. Der Grund: Sie arbeiten konkrete Aufgabenstellungen in Unternehmen ab, fungieren also als Projektmanager, dann, wenn das Unternehmen selbst nicht mehr weiter weiß, wenn Personal oder schlichtweg Know-how fehlt. Im Durchschnitt bleiben Interim Manager 7,3 Monate im Unternehmen, dann ziehen sie weiter, um neue Probleme zu lösen: den Aufbau einer neuen Abteilung etwa, die Einleitung und Umsetzung von Restrukturierungsmaßnahmen oder, salopp formuliert, Firmen vor der Pleite zu retten.

Interim Manager lösen unterschiedlichste Probleme

Der Arbeitskreis Interim Manager Provider (AIMP) führt auf seiner Webseite mehrere Fallbeispiele auf, um aufzuzeigen, welche vielfältigen Aufgaben auf Interim Manager zukommen können. Da gab es einen, der für einen international agierenden Markenartikelhersteller aus dem Bereich „Consumer Imaging/Photo“ eine neue Europa-Organisation aufbauen sollte. Insgesamt 1,3 Jahre dauerte sein Einsatz – die einjährige Anschlusszeit als Moderator und Coach noch nicht mit eingerechnet – dann war es geschafft. Der Interim Manager baute ein europäisches Kernteam mit Mitarbeitern aus 19 Landesgesellschaften auf, etablierte ein europäisches Key Account Management, führte den Pitch für eine europäische Werbe-Leadagentur durch und brachte sämtliche nationalen Kommunikationsmaßnahmen ins Gleichgewicht. Die Ergebnisse: Steigerung der Effizienz in allen kundenorientierten Geschäftsprozessen, Umsatzerhöhung bei den Schlüsselkunden und eine Reduzierung der Kosten in Millionenhöhe.

Wieder ein anderer nahm sich ein High-Tech-Start-up-Unternehmen vor, das kurz vor der Insolvenz stand. Das von Investoren finanzierte Unternehmen schlug eine falsche strategische Positionierung ein und setzte somit auf eine falsche Produktentwicklung beziehungsweise Produktion. Umsätze wurden schön gerechnet, die Erträge blieben aus. Die Folge: Die Investoren sagten „Auf Wiedersehen“ und die Insolvenz stand unmittelbar bevor. Bis der Interim Manager an die Arbeit ging und einen neuen Vice President Marketing & Sales akquirierte, der später als CEO die komplette Neuausrichtung des Start-ups durchführte und das Unternehmen am Marktbedarf ausrichtete.

Daneben forderte er mehr Eigenverantwortung der Belegschaft ein und verbesserte die Management- und Führungskompetenz der Ressort- und Projektleiter mittels Coaching und Supervision. Zu guter Letzt positionierte er das Personalwesen als Erfolgsfaktor der Unternehmensentwicklung, wirkte bei der Insolvenz, dem Aufspüren neuer und marktaffiner Investoren sowie der Neugründung des Unternehmens mit. Seine Einsatzzeit: Zwei Jahre und drei Monate bei einer durchschnittlichen wöchentlichen Arbeitszeit von zweieinhalb Tagen. Wie auch im Beispiel oben waren die Bemühungen des Interim Managers von Erfolg gekrönt: Die Insolvenz wurde überwunden, ein Neustart ohne eine Abwanderung von Know-how realisiert sowie das Unternehmen internationale wettbewerbsfähig gemacht. Am Ende stand der Kauf des Start-ups durch eine US-amerikanische Firma für 65 Millionen Euro.

Interim Manager sind keine Unternehmensberater

Die Geschichte des Interim Managements reicht bis zum Anfang der 70er Jahre zurück, als sich die ersten Gesellschaften für Interim Management in Europa, genauer gesagt in Skandinavien, gründeten. In Deutschland führte diese Form des Managements auf Zeit noch rund 20 Jahre ein Schatten- und Nischendasein, bis es im Zuge der Deutschen Wiedervereinigung einen sprunghaften Anstieg des Bedarfs an Management-Kapazitäten gab. Vor allem die Treuhandgesellschaft griff damals verstärkt auf Interim Manager zurück.

Das Auftauchen der ersten Interim Manager in Europa deckte sich mit einer sich damals durchsetzenden Management-Philosophie, dem Lean-Management. Schlanke und nur auf ein oder wenige Geschäftsfelder konzentrierte Unternehmen, die sich auf ihre Kernkompetenzen beschränken und wenn möglich sämtliche anderen Prozesse auslagern. Nach Ansicht von Ludger Grevenkamp, Geschäftsführender Gesellschafter der Elgreco Professional Services GmbH aus dem schleswig-holsteinischen Dassendorf, kann Interim Management somit als notwendige Begleiterscheinung von Lean-Management gesehen werden. Denn: Wenn durch Outsourcen zahlreicher Arbeitsprozesse und die Beschränkung auf Kernkompetenzen plötzlich Management-Kapazitäten fehlen, bedingt dies den Einsatz externer Führungskräfte, mithin Interim Manager.

Doch in welche Schublade lässt sich der Beruf des Interim Managers eigentlich einordnen? Ist ein Manager auf Zeit gar mit einem Zeitarbeiter gleichzusetzen? Nein, sagt Ralf Strehlau, Geschäftsführer der Anxo Consulting und beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberater Vorsitzender des Fachverbands Management und Marketing, der Stuttgarter Zeitung:

„Man muss unterscheiden zwischen den Begriffen Unternehmensberater, Zeitarbeiter, Treuhänder und Manager auf Zeit.“

Zwar bleibe der Interim Manager wie der Zeitarbeiter auch nur befristet in einem Unternehmen, doch an den Zeitarbeiter würden nur selten hohe Anforderungen bezüglich der Kompetenz gestellt. Zudem übernehme dieser keine Organfunktion, also keine echten Führungsaufgaben, so Strehlau weiter. Der Treuhänder übe zwar eine Organfunktion aus, benötige aber keine hohe fachliche Kompetenz, während der Unternehmensberater wiederum jene besitzt, jedoch lediglich beratend zur Seite steht. Auch ihm mangelt es an der für einen Interim Manager typischen Organfunktion.

Zukunftsforscher erwarten, dass bis zum Jahr 2020 60 Prozent aller Arbeitsverhältnisse in Deutschland flexibel und auf freier Basis gestaltet sein werden. Eine Chance für die Branche der Interim Manager, die nach Angaben der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM) derzeit noch sehr fragmentiert daherkommt und sich in einem Konsolidierungsprozess befindet. Die Zahl der professionellen Interim Manager in Deutschland schätzt der DDIM auf rund 1.500. Der Rest, weitere etwa 8.000 Personen, würde zwar die Bezeichnung „Interim Manager“ führen, seien aber oftmals eher beratend unterwegs oder auf Arbeitssuche. 2008 setzte die Branche nach einem Bericht des Handelsblatts eine Milliarde Euro um. 2009 sollen es rund sieben Prozent mehr sein.

Der Wirtschaftskrise sei Dank. Mit ihr hat sich nicht nur die Ertragslage der Branche geändert, sondern auch die Aufgaben. Es geht nicht mehr nur um die Steigerung von Erträgen oder um Unternehmensintegration nach einer erfolgten Übernahme, sondern verstärkt um Sanierungen und Restrukturierungen. Da braucht es gestandene Experten, die Führungs- und Handlungskompetenz mitbringen und in der Lage sind, ans Eingemachte zu gehen.

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