Chefs auf Zeit Interim Manager für den Notfall

Teil 2: Experten-Interview: Jens Christophers, Vorstandsvorsitzender der DDIM, berichtet über Interim Manager

Jens Christophers, Vorstandsvorsitzender der DDIM

„Wir sind professionelle Nomaden, die zielorientiert, effizient und loyal ihre Arbeit machen“, sagt Jens Christophers von der Dachgesellschaft Deutsches Interim Management. Wer als Interim Manager eine „Heimat“ sucht, solle sich überlegen, ob er in der richtigen Branche arbeitet. Über die Fähigkeiten und Herausforderungen, die der Job des Interim Managers verlangt und mit sich bringt, hat sich Christophers mit business-wissen-Redakteur David Wolf unterhalten.

Herr Christophers, Krisenzeiten sind Boomzeiten für Interim Manager. Wie geht es nach der Krise weiter, werden dann viele nichts mehr zu tun haben?

Krisenzeiten sind Boomzeiten für bestimmte Interim Manager, nämlich jene, die viel Erfahrung in Restrukturierungsprozessen, Sanierung und Krisenmanagement aufweisen. Andere Experten, beispielweise für Postmerger-Integration, Kommunikation oder strategisches Projektmanagement, kommen derzeit nicht ganz so gut zum Zuge. Das wird sich nivellieren, sobald die viel beschworene Krise vorbei ist und wir wieder etwas ruhiger auf die zyklischen Entwicklungen der Märkte und Branchen blicken. Insgesamt ist das Interim Management allerdings ein äußerst dynamischer Wachstumsmarkt, denn es passt in unsere Zeit knapper Ressourcen und hoher Flexibilitätsanforderungen. So hat sich dieser Markt in nur acht Jahren verzehnfacht!

In der Krise haben viele Unternehmen viel Personal entlassen, darunter auch Führungskräfte, die jetzt als Interim Manager arbeiten. Ist das nicht schwierig, von einer festen Führungsposition in einem Unternehmen plötzlich als Manager auf Zeit zu arbeiten?

Langjährige Führungserfahrung alleine macht aus einem Manager noch keinen Interim Manager. Dazu gehört eine Vielzahl von Fähigkeiten, insbesondere eine hohe Affinität zur Selbstständigkeit, unternehmerisches Denken, hohe Flexibilität und Risikobereitschaft, ausgeprägte Kommunikations- und Vertriebsfähigkeiten und, wie bei jedem Neustart, vor allem ein langer Atem.

Was würden Sie sagen: Ist es hinterher schwieriger, sich als Interim Manager wieder auf eine feste Position zu bewerben beziehungsweise eine solche zu bekleiden?

Hier liegt meines Erachtens ein grundlegender Irrtum vor: Interim Management ist selbst keine Interimslösung oder ein Parkplatz für arbeitslose Manager, sondern eine anspruchsvolle, zunehmend ausdifferenzierte Managementdienstleistung. Die meisten Kollegen, die ich kenne, und ich kenne sehr viele, würden es sich jedenfalls sehr genau überlegen, wieder in eine feste Position zu gehen. Nirgendwo sonst gibt es so spannende, abwechslungsreiche und leistungsorientiert vergütete Aufgaben wie im Interim Management. Und man ist sein eigener Chef. Aber natürlich kann es gute Gründe für eine Festanstellung geben und ich kenne einige Beispiele dafür. Die haben sich allerdings in aller Regel nicht beworben, sondern aufgrund ihrer exzellenten Leistungen in Interim-Mandaten äußerst attraktive Angebote erhalten und angenommen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die größten Herausforderungen für einen Interim Manager, wenn er in ein ihm unbekanntes Unternehmen kommt?

Interim Manager müssen in kürzester Zeit liefern. Das heißt, sie arbeiten vom ersten Tag an in einem weitestgehend unbekannten Umfeld unter hohen Erfolgserwartungen. Sie müssen die sichtbaren und verdeckten Herausforderungen und Problemstellungen ihrer Aufgabe klar analysieren und umgehend in Aktion treten. Dafür braucht man viel Erfahrung und ein ausgeprägtes Gespür für die strategischen, unternehmenspolitischen, personellen und kommunikativen Rahmenbedingungen und Fallstricke.

Dem Umgang mit der Belegschaft kommt dabei doch sicher eine Schlüsselrolle zu …

In der Tat. Deswegen sind kommunikative Fähigkeiten, insbesondere die richtige Balance aus Durchsetzungsvermögen und Fingerspitzengefühl, echte Schlüsselqualifikationen in diesem Job. Handlungskompetenz besteht bekanntlich aus Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz. Gerade letztgenannte ist gepaart mit Führungserfahrung der Schlüssel für erfolgreiche Interim Manager.

Arbeitgeber unterliegen bei bestimmten Maßnahmen, die sie im Unternehmen treffen wollen, der Beteiligung oder sogar Mitbestimmung des Betriebsrats. Wie sieht das bei einem Interim Manager aus, der ja relativ schnell und effizient durchgreifen soll?

Da der Interim Manager im Auftrag der Anteilseigner oder des Aufsichtsrates tätig ist, unterliegt er selbstverständlich den gegebenen rechtlichen Rahmenbedingungen. In der Regel ist die Auseinandersetzung mit dem Betriebsrat weniger eine rechtliche, sondern eine kommunikative Aufgabe. Hier ist der Interim Manager durchaus im Vorteil, da er als neutraler „Externer“ losgelöst von Routinen und negativen Erwartungen Gespräche führen und Einigungsprozesse moderieren kann. Ich persönlich habe jedenfalls trotz aller vorhandenen Interessenkonflikte durchweg gute Erfahrungen gemacht.

In einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg war zu lesen, dass sich viele Interim Manager als Außenseiter im Unternehmen „heimatlos“ fühlen. Würden Sie dieser Gefahr, die der Job mit sich bringt, zustimmen, oder sind das rein subjektive Empfindungen?

Das ist eine schwierige Frage. Meine persönliche Auffassung ist: Wer im Mandantenunternehmen eine „Heimat“ sucht, ist vielleicht nicht ganz in der richtigen Branche tätig. Wir sind professionelle Nomaden, die zielorientiert, effizient und loyal ihre Arbeit machen. Das schließt freilich nicht aus, dass wir Interim Manager auf eine gute vertrauensvolle Zusammenarbeit zählen müssen. Im Gegenteil, wir brauchen sie, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Und selbstverständlich freuen wir uns persönlich immer auch über Kollegialität und Wertschätzung.

Ist der Job tatsächlich hauptsächlich etwas für Männer? Die Studie belegt immerhin, dass 84 Prozent der Interim Manager männlich sind.

Das glaube ich nicht. Lässt man mal die persönliche Entscheidung von Frauen über die hohen Mobilitäts- und Flexibilitätsanforderungen außer Acht, spiegelt sich hier eher der noch immer geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen der ersten und zweiten Ebene wider. Ich bin aber davon überzeugt, dass immer mehr Frauen zentrale Verantwortung in Unternehmen übernehmen werden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung werden dann etwas zeitversetzt viele von ihnen auch im Interim Management tätig werden. An der hohen Qualifikation weiblicher Führungskräfte für diesen Beruf besteht jedenfalls überhaupt kein Zweifel. Im Gegenteil: Sie bringen eine Vielzahl von Kompetenzen mit, die sich manche ihrer männlichen Kollegen erst erarbeiten mussten.

Der Begriff „Interim Manager“ ist nicht geschützt. Wann ist jemand für Sie ein wahrer Interim Manager und wovon hängt das ab?

Wie beim ungeschützten Begriff des „Journalisten“ kommt es letztendlich auf Qualität und Professionalität an. Da selektiert der Markt schnell selbst. Nur, wer die hohen Anforderungen der Kunden erfüllt, erwirbt sich die Reputation, die es braucht, um gut dotierte Mandate zu akquirieren. Ferner, und hier sei das Beispiel der Juristen genannt, sagt eine geschützte Berufsstandsbezeichnung über Qualität letztendlich gar nichts aus.

(keine Bewertung)  Artikel bewerten