Als Henry Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts sagte: Der Kunde kann sein Auto in jeder gewünschten Farbe erhalten solange es sich um Schwarz handelt, dachte er vor allem an die Senkung der Kosten und an die Voraussetzungen der Massenproduktion. Diese Art der Standardisierung sollte sich aber nicht durchsetzen.
Normung und Standards haben in der Automobilindustrie eine lange Geschichte
Der Reichsverband der Automobilindustrie (RDA), heute der VDA, und der Normenausschuss der deutschen Industrie (NDI), heute DIN, haben schon 1925 den Normenausschuss Kraftfahrzeuge (FAKRA) gegründet. Erstmals wurde Normungsarbeit im Kraftfahrzeugbereich für Fahrzeughersteller, Zulieferer, Verbraucher, Flottenbetreiber und Wissenschaft zugänglich gemacht.
Pioniere der deutschen Automobilindustrie wie Robert Bosch, August Horch und Wilhelm Maybach haben sich frühzeitig für Normen eingesetzt. So hat Robert Bosch im Jahre 1927 zur schnelleren Einführung von DIN-Normen keine Werkzeugkosten berechnet, wenn bei Pressteilen genormte Ausführungen bestellt wurden.
Managementsysteme werden normiert
Normen beziehen sich zunächst auf die Eigenschaften der Produkte Abmessungen, Qualitätsmerkmale, Materialeigenschaften und vieles mehr. Darüber hinaus können auch technische Abläufe und Verfahren genormt sein. Beispiel: Mit den Messverfahren zur Härteprüfung lassen sich leicht unterschiedliche Materialien vergleichen, und vergleichbare Messergebnisse liefern verlässliche Aussagen.
Schließlich wurden auch organisatorische Abläufe und Managementsysteme genormt. Eine besondere Bedeutung haben dabei die DIN EN ISO 9000 Normen (9001 bis 9004) erlangt. Sie wurde erstmals 1987 verabschiedet und veröffentlicht und zuletzt im Jahr 2000 neu gestaltet. Sie beschreiben, wie das Qualitäts-Management in einem Unternehmen organisiert sein sollte. Das war sehr umstritten. Denn viele Experten stellten in Frage, ob organisatorische Abläufe, Managementsysteme und das weite Feld der Unternehmensführung genormt werden können oder sollten. Inzwischen finden sie eine breite Anwendung.
Dr. Klaus Petrick, Geschäftsführer der DQS GmbH Deutsche Gesellschaft zur Zertifizierung von Managementsystemen sagt:
Die Normen der ISO 9000-Normenreihe sind die weltweit am weitesten verbreiteten und angewendeten internationalen Normen überhaupt. Auf ihnen bauen branchenspezifische Regelwerke mit zum Teil ergänzenden Festlegungen auf. Sie standen und stehen Modell für weitere internationale Normen zu Umwelt-, Arbeitsschutz- und Informationssicherheits- Management-Systemen.
[...] Es gibt in Deutschland mittlerweile etwa 50.000 zertifizierte Unternehmen. Die Zertifizierung ist zwar keine Pflicht, es gibt allerdings Branchen, in denen sie durch Abnehmer oder Abnehmergruppen praktisch Pflicht geworden ist, beispielsweise in der Automobilzuliefer-Branche. Auch in anderen Branchen nimmt der Druck, sich zertifizieren zu lassen, durch den Kunden zu. Denn bei einem nach ISO 9001 zertifizierten Betrieb kann der Kunde davon ausgehen, dass in aller Regel die unternehmensinternen Abläufe, Prozesse und Strukturen funktionieren und auch auf kontinuierliche Qualitätssteigerung ausgerichtet sind.
Für die Automobilindustrie zu wenig
Die DIN EN ISO 9000 Normen sind branchenneutral. Ihr großer Interpretations-Spielraum ist für die Automobilkonzerne zu groß. Deshalb forderten diese von ihren Zulieferern die Einhaltung von strengeren Standards wie
- QS-9000 und QS-9000 TE (Quality System Requirements, USA)
- VDA 6.1, 6.2, 6.4 (Verband der Automobilindustrie, Deutschland)
- EAQF (Evaluation d'Aptitude Qualité Fournisseurs, Frankreich)
- AVSQ (Anfia Valutazione Sistemi Qualita, Italien)
Der von den Big Three, Ford, DaimlerChrysler und General Motors, erarbeitete Standard QS-9000 beinhaltet über die DIN EN ISO 9000-Forderungen hinaus solche, die speziell für die Kfz-Branche wichtig sind. Wollen die Zulieferer Vertragspartner ihrer Kunden bleiben, müssen sie bis zu einem Stichtag ein Zertifikat vorweisen, das durch einen unabhängigen und akkreditierten Prüfer ausgestellt wurde. Im Januar 2000 wiesen rund 15.000 Unternehmen weltweit die Einhaltung der Forderungen der QS-9000 nach. (Quelle: qm-web.de, für Zugang Registrierung erforderlich)
Als nationale Äquivalente zur QS-9000 gelten die Richtlinien VDA 6.1, EAQF und AVSQ. Aber die international tätigen Automobilzulieferer brauchen international gültige Normen.
Weltweiter Standard: ISO/TS 16949
Deshalb musste eine neue, weltweit einheitliche Norm her. 1999 erblickte sie unter dem Namen ISO/TS 16949 das Licht der Welt. Seit dem 15.12.2003 ist die neue Fassung 2002 für alle Hersteller und Zulieferer verbindlich, Zertifizierungen nach der 1999er Fassung verlieren ab diesem Datum ihre Gültigkeit. Die alten Zertifikate der nationalen Normen gelten aber je nach Automobilkonzern noch einige Zeit. So haben Ford und General Motors beschlossen QS-9000 erst am 14. Dezember 2006 auslaufen zu lassen. DaimlerChrysler und PSA Peugeot Citroen peilen allerdings schon den 1. Juli 2004 an. Alle europäischen und amerikanischen Automobilhersteller erkennen die ISO/TS 16949 als Standard an.
Bis Ende 2006 werden voraussichtlich weltweit 80 Prozent der Personen- und Lastkraftwagen Bauteile oder Komponenten gemäß dieses Standard enthalten. (Quelle: denkeler-qm.de).
Was beinhaltet die ISO/TS 16949?
Mehr als 30.000 Zulieferfirmen sollen von der neuen Qualitätsoffensive erfasst werden. Die automobilspezifischen Forderungen enthalten unter anderem:
- Hinweise auf die Ziele des Standards, einen Leitfaden sowie den Bezug zur ISO 9004 und anderen Managementsystemen
- ein prozessorientiertes QM-System
- Forderungen bezüglich den "Vorlaufzeiten"
- Analysen von Ausfällen in der Gebrauchsphase
- klare Vorgaben beim Wechsel einer Zertifizierungs-Gesellschaft
- Messung, Analyse und Verbesserung der Abläufe, Qualifikation der internen Auditoren (s. Kasten)
- Lenkung fehlerhafter Produkte und die Datenanalyse
- Forderung eines Produktionslenkungsplans für Prozesse zur Herstellung von Produktionsmaterial
- Festlegung des "Dezertifizierungs-Prozesses" (Verlust des Zertifikats)
- Verantwortung der Leitung in Bezug auf die Effizienz von Prozessen, Kundenorientierung, Qualitätspolitik, Planung, Delegation von Aufgaben, Kommunikation, Managementbewertung
Eine Übersicht über die Inhalte der ISO/TS 16949 finden Sie unter: tct.de. Grundlage ist ein Prozessmodell für das Qualitäts-Management, wie es die folgende Abbildung zeigt:
(Quelle: TC & T )
Stichwort Audit
Ein Audit ist ein Instrument zur Aufrechterhaltung des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses. Auditoren führen diese durch. In der Regel werden drei Audit-Arten unterschieden:
- Produktaudit (Inspektion)
- Prozessaudit (Beurteilung)
- Systemaudit (Gesamtbetrachtung)
Die Audit-Formen werden weiter unterschieden, z. B. internes und externes Systemaudit. Gelegentlich spricht man hier auch von Qualitätsaudit. Normengrundlagen befinden sich in der DIN ISO 10011, Leitfaden für das Audit von Qualitätssicherungssystemen.
Die ISO/TS 16949 wurde in Zusammenarbeit mit der International Organization for Standardization (ISO) veröffentlicht. Für die Verabschiedung als eine international gültige Norm wie beispielsweise die ISO 9000 hätte das vorgeschriebene öffentliche Normaufstellungsverfahren eingehalten werden müssen. Darum entschied man sich dafür die ISO/TS 16949 als "Technische Spezifikation" mit normähnlichem Charakter zu veröffentlichen.
Stichwort Norm
Eine Normung vereinheitlicht z.B. Erzeugnisse und Verfahren. Sie legt Form, Größe und Ausführung gleichartiger Erzeugnisse fest, so dass genormte Teile einfach ausgetauscht und ersetzt werden können. Die Fertigung der Teile kann maschinell in großen Stückzahlen erfolgen, was die Kosten reduzieren kann.
Deutsche Normung DIN: Früher von "Deutsche Industrie-Norm" abgeleitet, kennzeichnet DIN heute die Normen des Deutschen Instituts für Normung e.V. Innerhalb des DIN gibt es für die verschiedenen Fachgebiete Normungsausschüsse (NA).
Europäische Normung - CEN und CEN ELEC: Das Europäische Komitee für Normung (CEN) bildet zusammen mit dem Europäischen Komitee für elektrotechnische Normung die gemeinsame Europäische Normenorganisation CEN / CEN ELEC mit Sitz in Brüssel. Das Ziel von CEN ist die technische Harmonisierung der bestehenden nationalen Normen in der EU. Sie setzen dabei auf den internationalen Normen ISO und IEC auf.
Internationale Normen ISO und IEC: Viele nationale Normeninstitute sind Mitglieder der ISO (International Standards Organisation). Sie erarbeitet ISO-Normen die von den Mitgliedsländern unverändert übernommen werden sollen, z.B. in Deutschland als DIN ISO Normen. Die ISO fördert die Normung in der Welt, um den Austausch von Gütern und Dienstleistungen zu unterstützen und die Kooperation in verschiedenen technischen Bereichen zu entwickeln. Die Internationale Elektrotechnische Kommission IEC betreibt die internationale Normung in der Elektrotechnik, deren Mitglied die Deutsche Elektrotechnische Kommission DEK ist.
Welche Vorteile haben die Unternehmen?
Wer Automobilhersteller beliefern möchte, kommt um eine Zertifizierung seines Qualitäts-Managements schon lange nicht mehr herum. Insofern bräuchte man gar nicht über die Vorteile sprechen, die Zertifizierung ist ein Muss. Gleichwohl können die betroffenen Zulieferer diese Normen nicht nur als notwendiges Übel betrachten; wenn sie es richtig machen, erzielen sie weitgehende Vorteile. Dazu gehören:
- Der Einstieg in viele Märkte wird erleichtert, insbesondere, wenn das Unternehmen internationale Märkte beliefern möchte.
- Produktivität, Wirtschaftlichkeit und Rentabilität steigen, denn die Qualitäts-Managementsysteme führen zu klaren Abläufen, Fehlerminimierung durch vorbeugende Maßnahmen und frühzeitige Fehlererkennung, Reduzierung von Produktionslaufzeiten etc.
- Die Motivation der Mitarbeiter steigt durch bessere Kommunikation und Information.
- Das Image des Unternehmens steigt, denn die Qualität der Produkte wird international nachweisbar und dadurch glaubwürdig; dies lässt sich für Marketing und Vertrieb aktiv nutzen.
- Das Unternehmen verbessert die Sicherheit seiner Produkte und verringert damit das Risiko des Organisationsverschuldens und der Produkthaftung; sichert sich also vor der Haftung für Schäden ab, die aus der Benutzung eines von ihm in Verkehr gebrachten fehlerhaften Produktes entstanden.
- Die Kundenorientierung wird besonders hervorgehoben; so lassen sich wichtige Kunden enger an das Unternehmen binden.
- Ein kontinuierlicher Qualitäts-Verbesserungsprozess führt zu ständig verbesserten Leistungen, geringeren Kosten und damit zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit: Regelmäßige Nachweisführung aller unternehmens- und prozessrelevanten Kennzahlen, regelmäßiges Benchmarking.
Da innerhalb der jährlichen Audits ein starker Focus auf den Nachweis der Verbesserung von Kennzahlen und Produktivität gelegt wird, stellt sich der Return on Invest (ROI) früher ein.
Fazit
Gerade weil es so viele unterschiedliche und nationale Normen zum Qualitäts-Management gibt, betreiben viele Unternehmen in der Automobilbranche einen hohen organisatorischen und technischen Aufwand, um den Anforderungen der Normen und ihrer Kunden nachzukommen. Eine internationale Standardisierung und die Akzeptanz dieser Standards durch die großen Automobilhersteller tut deshalb Not.
Denn dann ergreifen sie mit den Normen die Chance, Abläufe im Unternehmen zu verbessern und die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Wem es gelingt, die Verfahren und Normen für sich produktiv zu machen, die unterschiedlichen Managementsysteme richtig zu kombinieren der erzielt Vorteile. Das setzt voraus, dass diese Normen nicht als lästige Pflicht angesehen werden, sondern als Chance, sich ständig zu verbessern.
Checkliste
- Prüfen Sie, welche Normen und Standards im Qualitäts-Managementbereich für Ihr Unternehmen relevant sind.
- Analysieren Sie Ihr bestehendes Qualitäts-Management.
- Gleichen Sie die Anforderungen der relevanten Normen mit Ihrem bestehenden System ab. Wo bestehen Defizite?
- Sprechen Sie mit Ihren wichtigen Kunden? Welche Anforderungen und Normen sind für sie wichtig?
- Analysieren Sie mögliche Entwicklungen. Welche Kunden werden in Zukunft wichtig werden? Welche Anforderungen stellen diese auf? Auf welchen Märkten wollen Sie präsent sein?
Oder nutzen Sie die erweiterte Checkliste unter:
Weitere Links:
Zum Thema DIN EN ISO 9000
http://www.riss.de/...
http://beta1.wi-inf.uni-essen.de/...
http://www.tuev-sued.de/...
Zum Normen im Qualitätsmanagement
http://www.qualitydigest.com/...
Zu ISO/TS 16949
http://www.tct.de/...
[JF | TL | Bilder:PhotoCase.de]
