Japan, das mit Abstand reichste und wirtschaftlich leistungsfähigste asiatische Land, gilt als Hauptverlierer der Weltwirtschaftskrise. Die Exporte sind drastisch eingebrochen, die Produktion findet sich auf niedrigstem Stand seit 20 Jahren. Konsumgutscheine sollen den Binnenkonsum ankurbeln, der nicht allein von der sinkenden globalen Nachfrage, sondern zunehmend von der wachsenden Arbeitslosigkeit verursacht wird.
Ist ein Zusammenrücken Japans und Chinas beziehungsweise eine Konzentration der Kräfte zu erwarten? Gut entwickelte japanisch-chinesische Wirtschaftsbeziehungen würden dafür sprechen. Japan leistet China staatliche Entwicklungshilfe, auch sind zunehmende japanische Direktinvestitionen zu verzeichnen. Andererseits sind die politischen Beziehungen der beiden Mächte noch immer belastet von dem fehlenden Bekenntnis Japans zu seinen Kriegsverbrechen, gerade in China.
Zu verzeichnen ist ein wachsendes Interesse Chinas und Japans an Südostasien: Durch selektive Investitionspolitik und gezielte Entwicklungshilfe sichert sich Japan seit Langem seine Interessen im südostasiatischen Wirtschaftraum und hält bislang die Führungsrolle.
Im April 2009 wurden Pläne Chinas für einen Investment Fonds bekannt: Kredite in Höhe von 7,5 Milliarden Euro sollen den südostasiatischen Nachbarn zur Verfügung gestellt werden, um Darlehen für drei bis fünf Jahre zu vergeben. Die Maßnahme dient gewiss nicht allein der Krisenbekämpfung, sondern auch der chinesischen Einflusserweiterung. Denkbar wäre der Ausbau einer „ASEAN plus eins-Konstellation“ beziehungsweise einer Freihandelszone zwischen China und den ASEAN-Staaten. Dies würde eine Gewichtsverschiebung in Asien zugunsten Chinas nach sich ziehen.
Japan scheint jedoch seine Führungsposition in der Region stützen zu wollen: Trotz der eigenen ernsthaften Rezession wurden Anfang Mai 2009 Finanzhilfen für die ASEAN-Länder in Höhe von rund 75 Milliarden Euro angekündigt beziehungsweise zuvor schon vereinbarte Hilfen noch einmal deutlich aufgestockt.
Zusammenwachsen der ASEAN-Staaten?
Die ASEAN-Staaten sind stark betroffen von der Weltwirtschaftskrise. Das zu erwartende Wirtschaftswachstum der Länder wird gerade deutlich nach unten korrigiert. Gründe liegen in zu kleinen Binnenmärkten und zu hoher Exportabhängigkeit beziehungsweise deutlichen Exporteinbrüchen. In Singapur beispielsweise sanken die Exporte im ersten Quartal 2009 um ein Drittel, befürchtet wird ein Wirtschaftsrückgang von bis zu 10 Prozent. Dass man dort dennoch gelassen bleibt, liegt an den substanziellen Finanzreserven.
Lohnsenkungen und wachsende Arbeitslosigkeit stehen in den ASEAN-Ländern derzeit auf der Tagesordnung. Vielen südostasiatischen Volkswirtschaften ist es zudem noch nicht gelungen, die Wertschöpfungsleiter hinaufzuklettern. „Moving up the value chain“ heißt die Zauberformel, beispielsweise in Malaysia, wo commodities und Verarbeitung immer noch die Hauptsektoren sind.
Insgesamt finden sich die ASEAN-Staaten in einer ungünstigen Position zwischen den mächtigen Ländern China, Japan und Südkorea im Norden und dem stärker werdenden Indien im Westen, was die Blockbildung fördern sollte. Auf dem im April 2009 aufgrund politischer Unruhen in Thailand abgesagten ASEAN-Gipfel sollte so auch ein Zeitplan für den Ausbau des ASEAN-Staatenverbundes zu einer politischen Gemeinschaft nach dem Vorbild der EU diskutiert werden. Aber: Ein Zusammenwachsen wird langsamer als in Europa vorangehen, vor allem aufgrund der wirtschaftlichen, politischen und weltanschaulichen Heterogenität dieser Länder, aber auch aufgrund der schmerzhaften Erfahrungen mit Kolonialisierung und Besetzung, aus denen das Postulat gegenseitiger Nichteinmischung resultiert. Ein weiterer Grund ist in der nachbarschaftlichen Konkurrenz um Investoren zu sehen.
Indien
Indien hat in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise 2005 – 2007 mit Wirtschaftswachstumszahlen von über 9 Prozent beeindruckt. Das, in Bezug auf seine Bevölkerung, zweitgrößte Land der Welt verfügt über eine extrem günstige Altersstruktur – ein Viertel der Weltbevölkerung unter 25 lebt in Indien - sowie über eine kaufkräftige Mittelschicht. Von 220 bis 300 Millionen Menschen ist die Rede. Auch wenn die wirtschaftliche Situation dieser Mittelschicht nicht an westlichen Standards gemessen werden darf, können ein weiterer Nachfragesog und interessante Absatzmärkte prognostiziert werden.
Der indische Optimismus, aufgrund seiner Binnennachfrage, des relativ geringen Exportanteils und seiner streng regulierten Banken von der Weltwirtschaftskrise weitgehend verschont zu bleiben, hat sich inzwischen zerschlagen: Seit Ende 2008 ist Indien mit Einbrüchen der Exportaufträge, einer deutlich langsamer wachsenden Industrieproduktion und insbesondere dramatischen Einbrüchen in der Autobranche konfrontiert.
Jobverluste und weniger Neueinstellungen bei Banken und Fluggesellschaften sowie Entlassungen hunderttausender Beschäftigter in der Textil verarbeitenden Industrie, bei Diamantschleifereien sowie in der Leder- und Teppichverarbeitung haben zu Einbrüchen im Handel und in den Ballungszentren zu gesunkenen Immobilienpreisen geführt.
Die Weltwirtschaftkrise hat die Furcht vor einem um sich greifenden Protektionismus verstärkt – in Amerika wurde im Zusammenhang mit dem 787-Milliarden-Konjunkturpaket eine „Buy American“-Klausel diskutiert. Die Sorge ist berechtigt, wenn man realisiert, dass ein großer Teil des indischen Exporteinkommens aus der Lieferung von Software und Outsourcing-Dienstleistungen in entwickelte Länder resultiert, vor allem in die USA.
Indien und China im Vergleich
Betrachtet man die Vor- und Nachteile Indiens im Vergleich zu China, so findet sich auf der positiven Seite neben der wachsenden Mittelschicht und jungen Bevölkerung die Standortstärke Indiens bei IT und Dienstleistungen, ein an westlichen Modellen ausgerichtetes, wenn auch langsam arbeitendes Rechtssystem sowie die weite Verbreitung der englischen Sprache.
Die Tatsache, dass Indien als akzeptierte Demokratie gilt, wird nicht von allen Investoren als Standortvorteil betrachtet. Ob wachsende Rohstoffpreise und Personalkosten in China ausländische Investoren nach Indien locken werden, bleibt abzuwarten. Von einer im Vergleich zu China größeren Abhängigkeit von der Weltkonjunktur, insbesondere den Entwicklungen in den USA, ist auszugehen.
Wachsender Einfluss Chinas in Asien
In Asien wird die Weltwirtschaftskrise die Ausbildung verschiedener Allianzen und Netzwerke fördern. Chinas Einfluss, nicht zuletzt als größter ausländischer Gläubiger der USA, wird wachsen. Vergessen werden darf dennoch nicht, dass die zehn größten asiatischen Volkswirtschaften (einschließlich China, Indien, Singapur, Hongkong, Südkorea und Taiwan) mit der Hälfe der Weltbevölkerung bislang nur ungefähr 12 Prozent des Welt-BIPs erwirtschaften, während die Eurozone, USA und Japan zusammen mit nur 12 Prozent der Weltbevölkerung fast 60 Prozent des Welt-BIPs realisieren.
Schon mehren sich die Zeichen, dass die Konjunktur der Volksrepublik bereits wieder anzieht; Autoabsatz, Stahlproduktion und Bauwirtschaft scheinen ihren Tiefststand überwunden zu haben. Inwieweit man den von China veröffentlichten Statistiken trauen kann, werden die kommenden Monate zeigen.
Fachleute machen das Konjunkturprogramm für positive Signale in der Wirtschaft verantwortlich. Solche Programme können in der Volksrepublik rascher wirken als andernorts, da die Zentralregierung Beschlüsse schneller durchsetzen kann als die Regierungen von Demokratien.
Auch wenn die Weltwirtschaftskrise die chinesische Außenwirtschaft einbremst, so ist in China, anders als in den meisten anderen asiatischen Ländern, Wachstum ohne Exportboom denkbar, wenn die Nachfrage in der Binnenwirtschaft anzieht. In China hat man dies in der Hand: Bei vielen Projekten ist der Staat Auftraggeber, die Projekte werden von Staatsfirmen umgesetzt, von Staatsbanken auf Kredit finanziert.
So ist es nicht verwunderlich, wenn die Ökonomen der Banken ihre Prognosen für das chinesische Wirtschaftswachstum 2009 gerade wieder nach oben korrigieren: 7 bis 8 Prozent scheinen machbar.
Damit wird aller Vorrausicht nach eine für China komfortable Größe erreicht: Es gilt als Faustformel, dass ein Wirtschaftswachstum von ungefähr 8 Prozent benötigt wird, um die Arbeitplätze zu sichern. Die wachsende Arbeitslosigkeit der chinesischen Wanderarbeiter und eine aufziehende Akademikerschwemme – im vergangenen Jahr hat ein großer Teil der Hochschulabsolventen keine Beschäftigung gefunden -, schüren die Gefahr von Unruhen.
China wird sich in absehbarer Zeit zur Weltmacht entwickeln; im besten Fall zu einer „passiven“ Weltmacht, die Stabilität anstrebt, auch für ihre Nachbarstaaten, gerade um den Schwerpunkt ihrer Bemühungen auf die Wirtschaft zu konzentrieren. Mit einem weiterhin hartnäckigen Streben Chinas um Einflusserweiterung und wirtschaftliche Erfolge ist jedoch unbedingt zu rechnen.
[Bild: Stephen Finn - Fotolia.com]
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