Bionik Wie Unternehmen von der Natur lernen können

Teil 3: Experten-Interview mit Dr. Klaus-Stephan Otto

(3 Bewertungen)

Experten-Interview unseres Redakteurs David Wolf mit  Dr. Klaus-Stephan Otto, Geschäftsführer der Evoco GmbH, der maßgeblich den Ansatz des Evolutionsmanagements, von der Natur für die Wirtschaft lernen, entwickelt hat.

Herr Otto, in jeder Krise steckt auch gleichzeitig eine Chance. Eine alte Weisheit, für die es nicht unbedingt die Natur als Vorbild braucht, oder?

Natürlich ist diese Weisheit nicht neu, doch die Natur hat die meisten Erfahrungen, in Millionen von Jahren eine ungeheure Komplexität entwickelt zu haben. Dabei spielten auch immer Krisen eine Rolle. Nehmen Sie nur die vielen Meeresgattungen: Hier gab es immer hohe Aussterberaten, danach Evolutionsprozesse. Ein ständiges Auf und Ab, ähnlich wie in der Konjunktur.

Der wirtschaftsbionische Ansatz macht auch immer wieder Krisen und Veränderungssituationen zum Thema. Doch verhaltensbiologisch gesehen, kann nur derjenige in einer Krise optimal reagieren, wenn er weiß wie. Er muss also Erfahrung damit haben. Wie passt das auf Unternehmen, die mit Krisensituationen noch keinerlei Erfahrung haben?

Dr. Klaus-Stephan Otto: Die Natur zeigt uns, dass Unternehmen robust sein sollten, um Krisen zu bewältigen.

Unternehmen bestehen aus Menschen, und die machen immer Krisen durch. Es gibt kaum ein Unternehmen, das ohne Krisen auskommt. In Krisen entwickeln sich die Unternehmen weiter, werden flexibler und reifer. Dies gilt übrigens auch für Produkte. Nehmen Sie zum Beispiel das iPhone von Apple. Das wurde erst dann entwickelt, als sich das Apple- PDA „Newton“ nicht am Markt durchsetzte und floppte. Das iPhone ist sozusagen ein Kind der Krise. Apple hat vom Scheitern seines PDA gelernt.

Fredmund Malik wird auf ZEIT-Online zitiert, dass Unternehmen keine berechenbaren Maschinen, sondern komplexe und dynamische Organismen sind. Das Verhalten der Menschen darin sein nicht vorher- bzw. berechenbar. Haben die Unternehmen seit der letzten Wirtschaftskrise diesbezüglich hinzugelernt? Wie ist Ihr Eindruck?

Nach der Krise mussten die Unternehmen zwangläufig lernen, doch das Wesentliche, das Vorbereitetsein auf Dinge, die nicht vorhersehbar sind, hat noch nicht stattgefunden. Unternehmen müssen künftig in der Lage sein, Chancen und Risiken flexibel zu nutzen und zu bewältigen. Ein Beispiel der unflexiblen Art ist Toyota. Die standardisierten Produktionsprozesse sind nur bedingt in der Lage, Unvorhergesehenes zu bewältigen. Auch wenn das Unternehmen dafür weltweit immer gelobt wird.

Aber wie kann man sich denn auf Dinge vorbereiten, die gar nicht vorhersehbar sind?

Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass sich langlebige Unternehmen durch eine große Flexibilität auszeichnen. Diejenigen, die etwa eine konservative Finanzpolitik betreiben und nicht allzu hohe Risiken eingehen, haben länger überlebt als solche, die permanent am Limit wirtschaften. Letztlich geht es darum, ein Unternehmen so robust zu gestalten, dass es Krisen widerstehen kann. Hier lässt sich sehr vieles von der Natur lernen.

Irgendwie erinnert der Ansatz der evolutionären Ökonomie ein wenig an die Methode „Management by options“: In einer Welt voller schnelllebiger Veränderungen ist nichts planbar, Zielsetzungen werden obsolet. Besser ist es, Chancen aufzuspüren und im geeigneten Moment zuzuschlagen. Stimmen Sie dem zu?

Ja, auf der einen Seite ist traditionelle Unternehmensplanung darauf ausgerichtet, Ziele zu erreichen. Wir sagen, Unternehmen müssen sich Zielkorridore schaffen, um Chancen wahrnehmen zu können. So sind zum Beispiel neue Technologien oft schon lange vorhersehbar. Ist die Zeit reif, muss man auf die jeweiligen Trends aufspringen. Hier bin ich wieder bei Toyota: Das Unternehmen hat konsequent auf Hybridtechnik gesetzt und damit Erfolg gehabt, während Audi hingegen zwar das erste Serienhybrid-Fahrzeug hatte, die Produktion aber dann wieder einstellte, dadurch den Trend verschlief. Die Lehren daraus: Unternehmen müssen lernen, kurzfristige Optionen zu ergreifen und langfristige Trends zu erkennen und auch zu verfolgen.

Es gibt auch Experten, die bezeichnen die Vorstellung, die Natur würde per se besser oder gerechter wirtschaften, als „romantisch“. Was sagen Sie dazu?

Die Natur ist nicht per se besser oder gerechter. Sie ist aber nachhaltiger und birgt Milliarden von Ideen und Innovationen, von denen wir lernen können. Wir verklären die Prinzipien der Natur nicht, sondern erkennen an, dass sie keine vorgefertigten Rezepte hat. Stattdessen ist sie unheimlich flexibel, was Problemlösungen anbelangt. Daraus können und sollten Unternehmen lernen.

Setzt dies aber nicht eine enorme Flexibilität bei den Menschen voraus, die im Unternehmen arbeiten?

Natürlich, das ist eine ungemeine Herausforderung und nicht einfach zu meistern. In meiner 30-jährigen Beratertätigkeit habe ich aber festgestellt, dass es hierzulande eine große Steigerung der Flexibilität der Produktionsweisen gegeben hat. Das kann nur durch flexible Mitarbeiter geschehen sein und so wird es auch in Zukunft sein. Mitarbeiter müssen also flexibel sein, brauchen aber auch Unterstützung, wie sie damit umgehen.

Wie muss das Krisenmanagement der Unternehmen in Zukunft Ihrer Ansicht nach aussehen?

Es muss ein Risikomanagement geben, das auf Situationen vorbereitet ist, die wahrscheinlich eintreten, und gleichzeitig auf Unvorhergesehenes reagieren kann. Natürlich ist das je nach Branche verschieden, doch eines ist den Unternehmen der Zukunft gemein: Sie müssen lernen, ihr Umfeld besser wahrzunehmen und nicht nur auf sich schauen. Sie müssen die Konkurrenz beobachten, Marketing-Trends aufspüren und neue Technologien im Auge behalten. Künftig wird es darum gehen, die Lebendigkeit und den langfristigen Erhalt von Unternehmen zu stärken. Entweder Krisen werden bejammert, oder sie werden für Neues genutzt.

Herr Dr. Otto, vielen Dank für das Gespräch.

« zurückTeil 3 von 3weiter »
(3 Bewertungen)  Artikel bewerten