Es gibt mittlerweile viele konkrete Beispiele, wo Ingenieure das Wissen der Natur auf technische Produkte übertragen haben. Man denke beispielsweise nur an den berühmten Lotuseffekt, der dafür sorgt, dass Wasser von einer Oberfläche abperlt und dabei Schmutzpartikel mitnimmt. Oder an die Reißfestigkeit von Spinnenfäden. Doch das ist alles Technik. Wie sieht es aber beim Management, bei konkreten Prozessabläufen oder bei der Kommunikation in Unternehmen aus? Kann die Natur auch hier als Vorbild dienen?
Ja, sie kann, meinen Vertreter der sogenannten evolutionären Ökonomik. Und führen ein Bündel an Situationen ins Feld, die sich nahezu deckungsgleich von der Natur auf die Wirtschaft übertragen ließen. Beispiel Ameisen: Sie finden deshalb den Weg zur Futterquelle so schnell, weil andere Ameisen, die bereits dorthin gelangt sind, Duftstoffe zurücklassen. An diesen können sich nachfolgende Ameisen orientieren. Ein Prozess, den sich mittlerweile Logistikunternehmen zu Nutze machen und die effizienten Transportwege mittels Computer-Algorithmen nachahmen. Das Ziel: Die Optimierung von Lkw-Routen und damit die Einsparung von Zeit, Geld und die Minimierung von CO2-Emissionen.
Die Wirtschaftsbioniker haben aber auch die Kommunikation staatenbildender Insekten im Blick. Wie schaffen es Millionen von Ameisen, die Zusammenarbeit im Hügel effizient zu organisieren und Problemstellungen wie Nestbau oder auch Futternachschub zu organisieren? Die Antwort: Nur im Team. Die abgeleitete Frage für Unternehmen lautet daher: Wie kann die kollektive Intelligenz der Mitarbeiter genutzt werden, wie lässt sich möglichst effizient kommunizieren, ohne Informationen fehlzuleiten? Impulse, die Wirtschaftsbioniker aus der Natur ziehen, lassen sich in drei Kategorien einteilen:
- Innovation: Die Natur bringt viele Innovationen in Form von Mutationen rein zufällig hervor, zunächst ohne konkrete Funktion. Die Lehre für Unternehmen: Nicht permanent neue Entwicklungen vorantreiben, sondern auch Altbewährtes zu überprüfen.
- Evolution: Die Natur wandelt sich im darwinistischen Sinne durch Mutation und Selektion ständig, passt sich also den gegebenen Umständen an und optimiert Prozesse und Strukturen. Die Frage für Unternehmen: Wie lässt sich dies ins praktische Management überführen?
- Schwarmintelligenz: Komplexe Problemstellungen werden durch die Interaktion vieler gelöst. Die Lehre für Unternehmen: Wenn viele Mitarbeiter eine neue Idee als verfolgenswert erachten und für deren Umsetzung bereit sind Zeit zu investieren, muss an der Idee etwas Gutes dran sein.
Krisenmanagement: Mit Bionik den Crash verhindern?
Die Anhänger der evolutionären Ökonomik sind vor allem von den Vorzügen ihrer Disziplin überzeugt, wenn es um das Verhindern und das Meistern künftiger Wirtschafts- und damit auch Unternehmenskrisen geht. Fredmund Malik, Gründer des Malik Management-Zentrums in St. Gallen, Unternehmensberater und Pionier der Wirtschaftsbionik, sagt in einem Beitrag für ZEIT-Online:
„Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Unternehmen keine berechenbaren Maschinen sind, sondern dynamische, komplexe Organisationen. Man kann die Zukunft nicht mit Computern berechnen.“
Genau dies sei aber ein Grund für die letzte Finanz- und Wirtschaftskrise gewesen. Viele Manager meinten, das Handeln von Menschen genau vorhersagen zu können. Doch wie die Evolution ein ständiges Auf und Ab sei, wechselten sich auch im Unternehmen Phasen des Auf- und Abschwungs ab. Dies gelte es in den Unternehmen zu verinnerlichen. Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt auch Guido Bünstorf, Professor für Allgemeine Wirtschaftspolitik an der Universität Kassel. Die moderne Wirtschaft sei zu komplex für traditionelle Ökonomie-Modelle. Dem Magazin „Focus“ sagt er:
„Früher ist man von Gleichgewichten ausgegangen, etwa von Nachfrage und Angebot. Das reicht, um die Chancen eines Döner-Standes in Berlin-Mitte abzuschätzen. Das Modell eignet sich aber nicht mehr, um etwa den Markt der Solarzellenhersteller in allen Facetten zu analysieren.“
Und diese Komplexität erzeugt Krisen. Krisen, die sich gemäß der Wirtschaftsbionik nur mit evolutionären Konzepten vermeiden lassen. Allein der Blick auf innovative Produkte reiche nicht mehr aus, um Unternehmen erfolgreich zu machen. Vielmehr sei eine integrierte Betrachtungsweise angebracht: „Natürlich wirtschaften, organisch managen, bewusst verbrauchen“. So lautete auch das Credo einer Konferenz, die im Frühjahr 2009 unter anderem vom Beratungsunternehmen Dr. Otto Training & Consuling und dem Bionik-Kompetenznetzwerk BIOKON organisiert wurde. Bezeichnender Titel: „Darwin meets business“.
Aber wie können Unternehmen eigentlich Krisen überwinden, wenn sie sich an den Gegebenheiten der Natur orientieren? Die Biologin und Coach Gudrun Happich hat dafür sechs konkrete Strategien entdeckt, mit denen die Natur Krisen meistert. Auf ZEIT-Online lesen Sie sich wie folgt und lassen auch Schlussfolgerungen zu:
- Mit Krise rechnen: Krisen sind in der Natur nichts Außergewöhnliches. Pflanzen und Tiere rechnen immer mit Schwierigkeiten und sind daher auf Krisen gut vorbereitet und können schnell reagieren. Schlussfolgerung für Unternehmen: Die Installation eines entsprechenden Frühwarnsystems.
- Langfristig denken: Ist das kurzfristige Überleben erst einmal gesichert, zielt jeder Organismus auf langfristiges Wachstum ab. Schlussfolgerung für Unternehmen: Ein Denken in Quartalszahlen ist nicht zielführend. Geboten ist eine Unternehmensstrategie, die auf den Erhalt der Generationen abzielt.
- An Veränderungen anpassen: Um nachhaltig zu wachsen, passen sich Organismen kontinuierlich an veränderte Rahmenbedingungen an und nicht erst dann, wenn sie bedrohlich werden. Schlussfolgerung für Unternehmen: Ein Umschwenken auf andere Geschäftsmodelle kann überlebenswichtig werden. Beispiel: Die Umstellung von Schallplatten- auf CD-Produktion.
- Stärken und Besonderheiten ausbauen: Um sich anzupassen, besinnen sich Organismen auf ihre eigenen Stärken. Sie gleichen sich nicht anderen Arten an, sondern suchen spezifische Lösungen. Schlussfolgerung für Unternehmen: Nicht nur der Konkurrenz nacheifern, sondern eigene Problemlösungen entwickeln.
- Gemeinsam reagieren: Pflanzen helfen sich bei Veränderungen gegenseitig. Jede Pflanze übernimmt die Aufgabe, die sie am besten versteht. Schlussfolgerung für Unternehmen: Die Abteilungen sollten miteinander, nicht gegeneinander arbeiten, ebenso die einzelnen Mitarbeiter.
- Steuerungsmechanismen etablieren: Insekten beispielsweise etablieren Steuerungsmechanismen, die bei Veränderungen oder Krisen von selbst greifen. Schlussfolgerung für Unternehmen: Unternehmen sollten entsprechende Mechanismen einführen, die bei einer drohenden Wirtschaftskrise greifen.
Hinweis
In einer Studie mit dem Titel „Organisation 2015“ fand die Boston Consulting Group mittels einer Umfrage unter mehr als 1.000 Führungskräften und Organisationsspezialisten heraus, dass Unternehmen einer Krise nur mit Einsparungen, Restrukturierungen und optimierten Prozessen nicht begegnen können. Gefragt seien vielmehr weiche Management-Kompetenzen wie Führung und Mitarbeiter, Kooperation und Veränderungskompetenz.
Doch wie sollen sich Unternehmen auf mögliche Krisen einstellen, wenn sie selbst noch nie von einer betroffen waren – also aus Krisensituationen lernen konnten? Diese Frage stellen sich auch Verhaltensbiologen. Wer sich in Krisen optimal verhalten will, muss das irgendwie erlernt haben, denn nicht jedes Lebewesen verhält sich per se richtig. Krisen müssen, um angemessen darauf reagieren zu können, zum eigenen Erfahrungsschatz gehören. Der Umkehrschluss: Wer Krisen nicht kennt, kann nur sehr schlecht damit umgehen.
Auch Guido Bünstorf ist grundsätzlich der Ansicht, dass die Natur nicht per se besser ist oder gerechter wirtschaftet. Evolutionäre Prozesse in der Natur und der Wirtschaft würden jeweils eigenen Regeln folgen. Es mache also keinen Sinn, die gesamte Betriebswirtschaft in die biologische Begriffswelt zu pressen, so der Wissenschaftler. Viel wichtiger sei es, so Bünstorf gegenüber dem „Focus“, die gegenseitige Beeinflussung der Menschen in ihrem Verhalten zu verstehen:
„Es ist doch rätselhaft, dass wir wie Herdentiere handeln. (…) Diese Massenphänomene wollen wir besser verstehen. Anscheinend trübt das Mitlaufen in der Menge den Blick für Risiken.“
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