In den Managementetagen der größten deutschen Unternehmen rumort es. Sie haben hunderte Millionen Euro in hoch entwickelte technologische Forschungszentren investiert, Tausende von Mitarbeitern eingestellt und aufwändige Prozesse installiert, mit denen sie Innovation vorantreiben wollen. Doch das Ergebnis ist in der Summe enttäuschend. Zwar werden neue Technologien auf den Markt gebracht und die Produkte immer besser, doch der große Wurf bleibt bislang aus. Trotz der vielen Initiativen und aufwändigen Prozesse, trotz der hohen Investments ist die Mehrheit der Unternehmen mit den Ergebnissen unzufrieden. So lautet etwa das Fazit eines Technologievorstands eines Automobil-Konzerns:
„Was immer wir tun, wir erhalten immer nur Varianten des Alten.“
Was also fehlt, sind wirklich innovative Ideen, mit denen die Unternehmen Märkte umgestalten oder sogar ganz neue Märkte entwickeln können.
Viele Unternehmen sind beim Thema Innovation zu behäbig
Die meisten Unternehmen scheinen sich beim Thema Innovation selbst zu behindern, ihre Innovationsansätze scheinen veraltet, denn diese stammen häufig aus den 1990er Jahren, als die Märkte noch viel stabiler waren. Die Studie mit dem Titel „Erfolgsfaktor Innovationskultur“ des Unternehmens „die Ideeologen – Gesellschaft für neue Ideen mbH“, für die knapp 200 Innovationsverantwortliche von Unternehmen aus 13 Branchen befragt wurden, kommt zum Ergebnis: Nur jedes fünfte Unternehmen treibt Innovation proaktiv voran. Die meisten Firmen reagieren nur auf das, was der Markt vorgibt. Oder sie verwalten Innovation: Formulare statt Leidenschaft. Das Gros gleicht also schwerfälligen Tankern, die zu behäbig sind. Deshalb besteht die Gefahr, dass sie im internationalen Innovationswettbewerb auf Dauer unterliegen.
Viele Unternehmensführer haben das inzwischen erkannt, weil der Marktdruck steigt. In zahlreichen Branchen findet zur Zeit ein Paradigmenwechsel statt. Waren die Innovationszyklen früher lang, planbar und teilweise sogar vorhersehbar, so bietet sich heute vielfach ein radikal anderes Bild. Egal ob Automobil-, Energie- oder Chemiebranche, Elektro- oder Konsumgüterindustrie, Maschinen- oder Anlagenbau – überall registriert das Top-Management ein wachsendes Innovationstempo. Neue Mitbewerber drängen in den Markt, teils aus ganz anderen Branchen. Neue Technologien machen ganz neue Problemlösungen möglich. Klassische Ansätze des Innovationsmanagements sind in einem solchen von „High Speed“ geprägten Umfeld viel zu langsam, um mit den Veränderungen Schritt zu halten.
Mit Hochdruck arbeiten daher auch bereits zahlreiche Unternehmen daran, ihre verkrusteten Strukturen zu sprengen. So plant zum Beispiel die Telekom eine „School of Transformation“ – einen Think Tank, der dem Unternehmen mit Hilfe kreativer Methoden einen Innovationsschub verleihen soll.
Hinweis
Lesen Sie hier einen Bericht über die Gründung der "School of Transformation" der Deutschen Telekom.
Auch die Tourismusindustrie beschreitet ganz neue Wege. So gibt zum Beispiel Andreas Kurth, Head of New Business bei TUI, zu bedenken, dass die klassischen Methoden der Strategieentwicklung den Reiseveranstalter immer wieder mehr vom Gleichen brächten: Kosten senken, Prozesse weiter optimieren, ab und an einmal eine kleine Veränderung. Etwas wirklich Neues entstünde allerdings nicht. TUI beschloss daraufhin, stärker auf die eigene Kompetenz zu vertrauen. Das Unternehmen holte 30 Manager für drei Monate ins Hamburger Schanzenviertel und ließ sie dort an neuen Geschäftsmodellen arbeiten. Das Ergebnis: radikal neue Ideen, die sukzessiv umgesetzt werden.
Auch die Innovationskultur gerät in den Fokus des Top-Managements. So ließen in den zurückliegenden Monaten mehrere Konzerne für die Strategieplanung 2012 zunächst ihre Innovationskultur analysieren. Die Fragen, die dahinter stehen, sind stets die gleichen:
- Wie können wir verhindern, dass wir im Wettbewerb abgehängt werden?
- Wie können wir den Markt gestalten, statt permanent den Veränderungen hinterher zu laufen?
Hinweis
TUI hatte 2011 in Berlin das eigenen Angaben zufolge "modernste Reisebüro Deutschlands" eröffnet. Hier will das Unternehmen seine Vorstellung von innovativer Beratung umsetzen.
Vollkasko-Denken über Bord werfen
Die Firmen stehen dabei erst am Anfang. Nur in jedem dritten Unternehmen ist kreatives Denken derzeit hoch angesehen. Nur jede vierte Firma stellt zum Beispiel gezielt Querdenker ein – die anderen bevorzugen konforme Mitarbeiter, geht aus der Studie „Erfolgsfaktor Innovationskultur“ hervor. Für 80 Prozent aller Unternehmen gilt: Sie betreiben zwar aufwändige Marktforschungen und -analysen, experimentieren aber aus Angst vor dem Scheitern nicht mit Neuem. Doch auch Manager sind immer öfter bereit, radikal neue Wege zu gehen. Weg von der Vollkasko-Mentalität hin zum kalkulierten unternehmerischen Risiko.
Dieses Umdenken wird sich 2012 beschleunigen, prognostizieren Experten. Der Grund: Die letzte Krise, die viele Unternehmen primär durch Sparen zu meistern versuchten, ist gerade einmal zwei Jahre her. Deshalb sind die Einsparpotenziale zumeist ausgereizt. Also müssen die Unternehmen, wenn sie ihre Performance steigern möchten, neue Wege beschreiten. Sie müssen ihre Innovationsprozesse beschleunigen und ihre Mitarbeiter dazu motivieren, Neues zu denken. Das Expertenszenario: In fünf Jahren werden die meisten Unternehmen nicht wieder zu erkennen sein. Gerade große Konzerne würden sich komplett neu aufstellen und sich so organisieren, dass sie Innovation unter Hochdruck vorantreiben können. Das Ziel: High Speed Innovation.
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