
Vera van Hazebrouck ist Direktorin des Mozarteum Orchesters Salzburg. Die Kulturmanagerin ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch eine Frau in der männerdominierten Klassikwelt erfolgreich wirtschaften kann, und zwar mit innovativen Marketingideen und gekonntem Management. Sie verrät im Interview mit Petra Oberhofer aus der business-wissen-Redaktion, welchen Herausforderungen sich Kulturmanager künftig stellen müssen.
Frau van Hazebrouck, was reizt Sie an Ihrem Beruf?
Eine Kombination aus mehreren Dingen. Natürlich vor allem, dass ich durch meinen Beruf mit vielen hervorragenden Künstlern zu tun habe und diesen Künstlern eine Plattform für die Ausübung ihres Talentes bieten kann. Das ist extrem bereichernd.
Was mich auch besonders reizt, sind die ständigen Herausforderungen, die dieser Beruf mit sich bringt. Jedes Haus, jedes Orchester ist verschieden, hat eine eigene innere Dynamik, einen spezifischen Charakter und dementsprechend auch ein eigenes Publikum. All diese Aspekte müssen beim Management des Kulturbetriebs berücksichtigt werden. Es gilt, jedes Mal neue kreative Lösungen zu finden, um das künstlerische Potenzial eines Kulturbetriebs vollends auszuschöpfen und die Management-Tools, die einem zur Verfügung stehen, sinnvoll einzusetzen und auf die individuellen Bedürfnisse des jeweiligen Hauses zuzuschneiden.
Wie unterscheiden sich Kulturmanager von „normalen“ Managern?
Das höchste Ziel eines Kulturbetriebes als Non-Profit-Organisation ist nicht durch ein effizientes Management Profit zu erwirtschaften, sondern im Dienste der Kunst zu arbeiten. Es geht darum, mit den limitierten Ressourcen, über die verfügt werden kann, der Kunst die größtmögliche Freiheit und die bestmöglichen Konditionen zu bieten. Im Gegensatz zum normalen, profitorientierten Management, wo das Bedürfnis des Konsumenten eine nicht unerhebliche Rolle spielt, richtet sich die künstlerische Produktion nicht nach der Nachfrage – sondern es wird zuerst ein Produkt kreiert und dann versucht, es so überzeugend wie möglich unter die Leute zu bringen. Das ist die größte Herausforderung des Kulturmanagements: mit oft sehr limitierten Ressourcen zwei Dinge zusammenzubringen, die nicht automatisch füreinander bestimmt sind: die künstlerische Produktion und das Publikum und das bei einer Maximierung des Deckungsbeitrages!
Welche Kompetenzen braucht ein Kulturmanager?
Auf dem aufbauend, was ich in der vorherigen Frage ausgeführt habe: Der Kulturmanager ist das Bindeglied zwischen drei Polen: dem Künstler, dem Publikum und den Geldgebern. In diesem Spannungsfeld sind folgende Kompetenzen unabdingbar: Kreativität, Fingerspitzengefühl und Umsichtigkeit. Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Künstler und dem Subventionsgeber, Kreativität, um dem Publikum eine Produktion bestmöglich schmackhaft zu machen und zu verkaufen, und Umsichtigkeit im Umgang mit den finanziellen Ressourcen. Es geht immer darum, Kompromisse zu finden, die für alle Beteiligten zufriedenstellend sind.
Ist es für Frauen schwieriger, erfolgreich als Kulturmanager zu arbeiten?
Ich denke, dass es für Frauen keineswegs schwieriger ist, als Kulturmanager zu arbeiten. Im Gegenteil, ich denke, dass gerade Frauen im Kulturmanagement besonders erfolgreich sein können, da sie neben den notwendigen Führungsqualitäten oft auch besonders viel Einfühlungsvermögen mitbringen, was in so einem menschenbezogenen Umfeld wie dem Kulturbetrieb, der oft von Empfindlichkeit und Subjektivität geprägt ist, absolut notwendig ist. Ein Manager, der seine Künstler nicht anzusprechen weiß, kann im Kulturmanagement nichts Großes zustande bringen. Als Frau muss man aber schon einen sehr starken Charakter haben, um im Kulturmanagement eine Spitzenposition zu erreichen.
Welche Rolle spielen Subventionen für die Kulturmanager in subventionierten oder staatlichen Kultureinrichtungen?
In staatlichen Kultureinrichtungen sind Subventionen natürlich das A und O. Gerade in Deutschland machen die Subventionen an den finanziellen Ressourcen des Kulturbetriebes eine starke Mehrheit aus. Ohne diese Subventionen wäre ein Großteil des deutschen Kulturlebens nicht existent.
Allerdings ist das Subventionssystem in Deutschland nicht gerade förderlich für die Effizienz des Wirtschaftens. Denn gelingt es einem Kulturmanager tatsächlich Ressourcen einzusparen und nicht in die roten Zahlen zu rutschen, läuft er Gefahr, in der nächsten Saison eine weniger hohe Subvention zu bekommen, da er das Geld ja "offensichtlich nicht braucht" - während Betriebe, die weniger rigoros mit den Geldern umgehen, ein höheres Ausgleichsgeld gekommen und somit für ihre Ineffizienz fast schon belohnt werden. Ich denke, das Subventionssystem in Deutschland sollte gründlich überdacht werden und Zuschüsse sollten als Belohnung für erfolgreiches Wirtschaften vergeben werden, nicht umgekehrt!
Liegt es auch am Missmanagement, wenn Kultureinrichtungen wie Theater und dergleichen schließen müssen? Oder ist größtenteils die Gesellschaft „Schuld“, weil sie sich immer weniger für kulturelle Veranstaltungen interessiert?
Es gibt viele Gründe, warum ein Kulturbetrieb schließen kann, aber im Großen und Ganzen liegt es wohl daran, dass die Balance zwischen künstlerischem Angebot, Publikumszuspruch und finanziellen Mitteln nicht mehr stimmt. Bei Missmanagement handelt es sich um genau diese Reihenfolge: Es beginnt mit dem Versagen, ein künstlerisch anspruchsvolles, aber dennoch ansprechendes Programm zu gestalten und es dem Publikum überzeugend zu verkaufen - dementsprechend bleiben das Publikum und die Eintrittseinnahmen aus.
Und dann setzt sich ein Teufelskreis in Bewegung, denn wenn das Haus erstmal einen künstlerisch minderwertigen Ruf hat, wird es immer schwieriger, gute Künstler zu gewinnen (und zu bezahlen). Dementsprechend wird es schwieriger, ein zahlungswilliges Publikum an sich zu binden, geschweige denn Geldgeber von sich zu überzeugen ... und so weiter und so fort. Es ist immer eine Option, dem Publikum eine Teilschuld einzuräumen, aber ich finde dies nicht sinnvoll: Schließlich ist es die Aufgabe und der Anspruch an Kulturbetriebe, Kulturinteresse zu wecken, aufrecht zu erhalten und zu steigern.
Wie schätzen Sie die zukünftigen Aufgaben von Kulturmanagern ein? Welchen Herausforderungen werden sich Kulturmanager künftig stellen müssen?
Gerade in wirtschaftlichen Krisenzeiten müssen Kulturinstitutionen damit rechnen, dass Subventionen gekürzt werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, im künstlerischen Anspruch nicht nachzulassen, sondern immer zu versuchen, dem Publikum etwas Spannendes, Außergewöhnliches zu bieten und verstärkt in originelles, ansprechendes Marketing zu investieren, um das Publikum zu halten beziehungsweise neues Publikum hinzuzugewinnen.
Über die reinen Eintrittseinnahmen hinaus gilt es, das Publikum auch längerfristig verstärkt an sich zu binden, eine Identifizierung und Solidarität mit dem Kulturbetrieb zu schaffen, um die Abonnements und Privatspenden zu erhöhen. Dazu gehört, das Publikum verstärkt in das Leben des Kulturbetriebes einzubinden und ihm neue Erfahrungen zu bieten, zum Beispiel durch Begegnungen mit den Künstlern, originelle Führungen oder „offene Proben“. Die Interaktivität sollte beispielsweise mit Jugendprojekten gefördert werden. Zudem sollte versucht werden, sich in gesellschaftliche Debatten einzuklinken, mit Diskussionen, Lesungen oder Studientagen. Und auch die Angst vor der Organisation „kommerzieller“ Events in Kulturstätten, wie CD Launch oder Preisverleihungen, sollte überwunden werden.
Ein Kulturbetrieb, der elitär und weltabgewandt ist, hat in meinen Augen keine Zukunft. Der Kulturbetrieb muss sich zunehmend seiner gesellschaftlichen Funktion bewusst werden und sein kreatives Potenzial dazu nutzen, die Gesellschaft aktiv und konstruktiv mitzugestalten. Dazu bedarf es neben der Kreativität auch Mut und Aufgeschlossenheit vonseiten der kaufmännischen und der künstlerischen Chefetage!
Vielen Dank für das Interview, Frau van Hazebrouck!
Quellen und weiterführende Links
Institut für Kulturmanagement Ludwigsburg
Kulturmanagement ist unverzichtbar in der Aus- und Weiterbildung von Prof. Dr. Friedrich Loock
Das gesamte Dossier zum Herunterladen und Ausdrucken
- Teil 1: Kulturmanagement: Kultureinrichtungen kämpfen ums Überleben
- Teil 2: Anforderungen an Kulturmanager
- Teil 3: Interview mit Kulturmanagerin Vera van Hazebrouck
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