Herr Weber, Fehler in den Chefetagen der Finanzwirtschaft haben zu einer allgemeinen Legitimationskrise des Managements geführt. Sind Führungskräfte schon längst zu Krisenmanagern ihrer eigenen Zunft geworden?
Das droht in der Tat. Organisationen und ihr Management fallen in unserer Gesellschaft zentrale Aufgaben und Funktionen zu. Wenn wir die Erfolgsgeschichte „Management“ fortführen wollen – und wir müssen sie fortführen – sollten Manager die Frage ihrer Legitimität viel ernster nehmen. Hierarchien und das Festhalten an Status sind spätestens seit der französischen Revolution nicht mehr gesetzt.
Laut einer Umfrage der Akademie für Führungskräfte der Wirtschaft unter 443 deutschen Managerinnen und Managern stufen rund ein Drittel der Befragten ihre eigenen Vorgesetzten als moralisch fragwürdig ein. Wie interpretieren Sie dieses Ergebnis?
Da muss man genauer hinsehen. Nehmen wir zum Beispiel das Management hier in Nordbaden: Ich würde sagen, dass hier die wirtschaftlich wichtigsten Unternehmen, anders als in manch anderen Regionen oder Industrieländern, gut geführt sind. Gerade die vielen Mittelständler und exportorientierten Industriefirmen haben in der Regel verantwortungsvolle Topmanager, die vom mittleren Management und den Mitarbeitern geschätzt werden. Gleichwohl gibt es hier wie überall Organisationen, die schlecht geführt sind, denen die Kunden, Patienten oder Zuschauer weglaufen und deren Ressourcen schwinden. Wenn Organisationen diesen Drall haben, dann sinkt auf allen Ebenen die Moral, wenn Sie so wollen. Da kommt man nur raus, wenn alle an einem Strang ziehen.
Hört sich relativ simpel an. Ist es das denn tatsächlich?
Zumindest von der Tendenz her. Immer wenn Organisationen wachsen und genügend Ressourcen zur Verfügung haben, sind Schwächen, Fehler, Verschwendung und „Slack“ weniger sichtbar und seltener Thema. Wenn Sie hoch am Wind segeln, achten Sie nicht so sehr, wie es am Rumpf unter der Wasserlinie aussieht. Auch die Fehler des Kapitäns toleriert man eher. Die Beobachtungsperspektive wechselt insbesondere in der Krise. Frei nach Bertold Brecht: „Wenn’s nichts mehr zu verteilen gibt, dann kommt die Moral.“
In Ihrem neuen Buch, „Versteht die Realwirtschaft noch, was die Finanzwirtschaft tut?“ geht es auch um die verantwortungsvolle Führungskraft. In einem Beitrag heißt es: Führungskräfte sollten integer sein und der menschlichen Würde und Entwicklung dienen – frei nach dem Managementdenker Peter Drucker. Könnten Sie das bitte an zwei Beispielen veranschaulichen?
Unser Buch thematisiert die Irritationen zwischen Managern der Realwirtschaft und der Finanzwirtschaft. In den Beiträgen blicken wir zurück, welche Entscheidungen zu welchen Entwicklungen führten, wann und wo welche Fehler gemacht wurden und welche Lehren man daraus für das Management und im weiteren Sinne auch für Wirtschaft insgesamt ziehen kann. Namhafte Autoren eröffnen ein umfassendes Bild der derzeitigen Debatte und fügen neue Aspekte hinzu. Im Komplexitätszeitalter benötigen Manager einen engeren Austausch über das gemeinsame Selbstverständnis. Dafür plädierte insbesondere auch Peter Drucker, der immer davon ausging, dass Management eine soziale Innovation ist. Drucker machte uns klar, dass ein Unternehmen nur dann funktionieren kann, wenn sich alle Mitglieder zu gemeinsamen Zielen und Werten bekennen. Fehlt dieser Kitt, so entsteht kein soziales System – es bleibt dann lediglich eine Menschenansammlung.
Ein erstes Beispiel: Nehmen wir die Exzesse in der Finanzindustrie. Eine Firmenkultur kann sehr schnell verdorben sein, wenn Sie den Mitarbeitern vermitteln, dass nichts zählt außer das Erreichen von Gewinnzielen und dass es ganz egal ist, wie sie diese erreichen. Zweitens: Schauen wir auf die vielen Familienunternehmen, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Sie sind stark in der Region verankert, zielen nicht auf den schnellen Gewinn, sondern auf das langfristige Überleben, oder sind bereit, auch in Krisenzeiten die Mitarbeiter zu halten. Jede Organisation, die langfristig überleben will, benötigt ein Management, das die gesellschaftliche Verantwortung in Entscheidungsprozesse integriert. Gewinne sind nicht alles. Sie sind, so Drucker, die Kosten des Überlebens. Nicht mehr und nicht weniger.
Betrachten wir die Eliten der Wirtschaft, also die Lenker großer Konzerne. Welche Verantwortung für die Gesellschaft würden Sie ihnen zuschreiben?
Die gleiche wie in jeder anderen Organisation. Jeder Manager, auch ein Topmanager, ist Diener seines Unternehmens. Und jedes Unternehmen existiert im Dienst der Gesellschaft. Dienen die Produkte, Dienstleistungen oder Angebote nicht mehr der Gesellschaft oder haben die Verfahren keine gesellschaftliche Akzeptanz, schwinden die Ressourcen des Unternehmens. Langfristig ist das Unternehmen nicht mehr überlebensfähig. Der Gesellschaft zu dienen ist der zentrale Job jeder Führungskraft.



