Kooperationen haben unbestritten viele Vorteile: Die Investitionen in Wissen und Anlagen sind nicht nur geringer und weniger spezifisch, sondern können auch flexibler in unterschiedlichen Kontexten genutzt werden. Soweit die Theorie. Warum aber scheitern viele Kooperationen? Ähnlich wie in Unternehmen, die räumlich über mehrere Standorte, vielleicht sogar international, verteilt agieren, treffen in Kooperationen unterschiedliche Unternehmens- und vielleicht auch Landeskulturen aufeinander. Durch die virtuelle, technisch unterstützte Zusammenarbeit ist der physische Standort der einzelnen Teilnehmer zwar von geringer Bedeutung. Für Mitarbeiter kann dies aber zu Orientierungsproblemen führen, weil das gewohnte Zusammengehörigkeitsgefühl fehlt.
Selbst bei besten Absichten besteht nicht immer das gleiche Verständnis von den angestrebten Ergebnissen der Zusammenarbeit. Zudem fehlt unter „gleichen“ Partnern in der Regel eine hierarchische beziehungsweise disziplinarische Handhabe für die Führung der Kooperation. So kann es bei starker Abhängigkeit zwischen den Partnern vorkommen, dass einzelne diese zu ihrem Vorteil ausnutzen. Gerade diese Konstellation kann aber auch helfen, eingefahrene Denkmuster zu verlassen und neue, kreative und innovative Lösungen zu finden, wenn einige grundlegende Aspekte beachtet werden.
Identifikation und Anbahnung von Kooperationspartnerschaften
Basis einer jeden Kooperation ist die Transparenz über die gemeinsam verfolgten Ziele in der Kooperation. Die wichtigsten Aspekte bei der Identifikation des Kooperationsbedarfs, der Festlegung von Kooperationsinhalten und der Suche nach geeigneten Partnern lassen sich wie folgt zusammenfassen:
- Bedarfsermittlung: Ausgangspunkt von Kooperationsüberlegungen können neue Kunden- oder Marktanforderungen sowie daraus resultierende Kompetenzdefizite (als Ergebnis einer Stärken-Schwächen-Analyse) sein. Alternativ können auch Geschäftsideen, die neue Kompetenzen oder Marktzugänge erfordern, Anlass für die Suche nach Kooperationspartnern sein.
- Zieldefinition: Hierbei ist möglichst klar zu formulieren, welche operativen und strategischen Ziele mit der Partnerschaft erreicht werden sollen. Auch eine erste Chancen-Risikenbewertung (zum Beispiel Kosten- und Potenzialvorteile, Risiken durch Abhängigkeitsverhältnis) gehört dazu.
- Analyse der eigenen Kooperationsfähigkeit: Im nächsten Schritt ist zu klären, ob die internen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Kooperation gegeben sind beziehungsweise welche Fähigkeiten vor dem Eingehen einer Kooperation noch entwickelt werden müssen. Dazu gehören neben fachlichen und sozialen Kompetenzen der Mitarbeiter auch organisatorische Fähigkeiten und Erfahrungen des Unternehmens in Bezug auf Beziehungs- und Netzwerkmanagement.
- Partnersuche: Ausgangspunkt für die Partnersuche ist die Erstellung eines fachlichen Partnerprofils auf Basis der in der Stärken-Schwächen-Analyse identifizierten Lücken. Ferner sollte der Partner auch kulturell zum Suchenden passen (zum Beispiel Kooperationserfahrung, Unternehmensgröße oder Formalisierungsgrad). Mögliche Quellen für die Suche nach geeigneten Partnern sind beispielsweise Branchen- und Wettbewerbsanalysen, Messen oder Kooperationsbörsen.
Sind ein oder mehrere potenzielle Partner gefunden, so sollten die wichtigsten Punkte der Kooperationsbeziehung auch schriftlich festgehalten werden. Dazu gehören:
- Gemeinsame, explizite Zielvereinbarungen
- Organisationsregelungen zu Aufgabenverteilung und Zielbeiträgen
- Ergebnisregelungen und Verteilung der Gewinne
- Vertraulichkeitsvereinbarungen
- Regelungen zur Eskalation beziehungsweise Lösung von Konflikten
- Auflösungsregelungen zur geregelten Beendigung der Partnerschaft
Führung und gemeinsame Zielorientierung in virtuellen Organisationen
Neben einem expliziten gemeinsamen Verständnis der Ziele, Rollen und Ergebnisbeiträge, ist die Verbindlichkeit der Absprachen sicherzustellen. Dies stellt die Vertragspartner insbesondere dann vor Herausforderungen, wenn abweichendes Verhalten nur schwer erkennbar ist und/oder Flexibilität und/oder der Zeit- beziehungsweise Kostenvorteil durch notwendige Kontrollinstrumente verloren geht. Wenn hierarchische Instrumente wie Kontrolle und Sanktion nicht als Führungsinstrumente taugen, tritt Vertrauen an deren Stelle. Gute Ehen gründen sich auf Vertrauen, doch was heißt das für die Gestaltung erfolgreicher Wirtschaftsbeziehungen?
Margit Osterloh, Inhaberin des Lehrstuhls für Organisation, Innovations- und Technologiemanagement der Universität Zürich, fasst die in Sozialwissenschaften gängigen Definitionen von Vertrauen wie folgt zusammen:
„Vertrauen entsteht in Situationen, in denen der Vertrauensgeber mehr verlieren als gewinnen kann – er riskiert einen Schaden beziehungsweise eine Verletzung. (…) Der Grund, warum man sich ausliefert, ist die positive Erwartung, dass der Vertrauensnehmer die Situation nicht zu seinen Gunsten ausnutzt. (…) Nur wer den Vertrauenssprung wagt und ins kalte Wasser springt, kann feststellen, ob sein Vertrauen gerechtfertigt ist. Nur wer enttäuscht werden kann, gewinnt letztlich Vertrauen. Die Vorleistung kann entweder in Form von Delegation (Abhängigkeit von tatsächlicher Vertrauenswürdigkeit) oder Offenbarung (zeitgerechte und offene Preisgabe wichtiger Informationen) bestehen.“
Liebe mag blind machen. Was aber motiviert Menschen – und Unternehmen – ganz rational potenziellen Partnern einen Vertrauensvorschuss zu gewähren? Und wie entwickelt sich Vertrauen in erfolgreichen Partnerschaften? Osterloh beschreibt in Anlehnung an verschiedene empirische Untersuchungen ein „Kontinuum der Vertrauensmotivation“:
Die Spieltheorie zeigt, dass erfolgreiche Beziehungen sich symmetrisch entwickeln beziehungsweise Asymmetrien sich nur kurzfristig halten können. Entscheidend ist dabei, dass Vertrauen im Zeitablauf eine unterschiedliche Qualität hat beziehungsweise bekommt. Auch wird Vertrauen in Geschäftsbeziehungen in der Regel nicht vorbehaltlos „geschenkt“, sondern Vertrauenswürdigkeit (Reputation) muss erarbeitet werden. Daraus leitet Osterloh folgendes Phasenmodell ab:
Situationsbasiertes Vertrauen (anonyme Marktbeziehung)
Zu Beginn einer Beziehung unterstellen sich die Handelnden wechselseitig Eigeninteresse: Welcher Nutzen beziehungsweise welche Kosten entstehen der Gegenseite, wenn sie den Vertrauensgeber hintergeht? Es wird kein Vertrauensvorschuss gegeben, sondern es liegt in der Regel im beiderseitigen Interesse, sich kooperativ zu verhalten. Die Folge: Eine einseitige Verletzung des Vertrauens führt zu höheren Verlusten (Reputationsverlust) als Gewinnen (Vorteilen).
Eigenschaftsbasiertes Vertrauen (ausgewogene Beziehung unter Bekannten)
Wiederholte Begegnungen ermöglichen dem Vertrauensgeber und -nehmer, sich besser einzuschätzen. Damit bildet sich eine subjektive Vertrauenserwartung heraus, wie sich der Partner im Unterschied zu anderen Personen verhalten wird. Diese Einschätzung basiert vor allem auf fachlicher und sozialer Kompetenzerwartung, Integritätserwartung (Grad intrinsischer Motivation) und Benevolenzerwartung (Grad der Hilfsbereitschaft und des Interesses an der Beziehung).
Identifikationsbasiertes Vertrauen (solidarische Gemeinschaften)
Eine weitergehende Identifikation mit den Werten, Zielen und Bedürfnissen des Partners und/oder gegenseitige Sympathie und Entwicklung einer emotionalen Bindung verändert die Vertrauensgrundlage nochmals. Eine solche Identifikationsgemeinschaft hat klare Vorstellungen darüber, was erwünscht ist und was nicht (Prägnanz), gemeinschaftliches Handeln ist tief verinnerlicht und kann dazu führen, dass die Anliegen des Partners kompromissloser verteidigt werden als die eigenen Interessen (Verankerungstiefe). Die Partner fühlen sich gegenseitig verantwortlich.
Normalerweise geschieht der Übergang von situations- zu eigenschaftsbasiertem Vertrauen bei wiederholter Interaktion fast nebenbei. Gründe für einen nicht funktionierenden Übergang sind:
- Die Art der Zusammenarbeit macht keine höhere Form von Vertrauen notwendig
- Es werden Informationen bekannt, die eine engere Verbindung als wenig ratsam erscheinen lassen und/oder Vertrauen wurde wiederholt enttäuscht
- In stark formalisierten und/oder regulierten Beziehungen (mit Kontroll- und Sanktionsmechanismen) hat ein potentieller Vertrauensgeber gar keine Chance, verletzlich zu sein
Der Übergang von eigenschafts- zu identifikationsbasiertem Vertrauen setzt enge Zusammenarbeit, Offenheit und regelmäßige Kommunikation voraus. Hemmnisse für den Übergang sind:
- Zeit und Aufwand erfordern die Beschränkung auf wenige Beziehungen
- Unabhängigkeitswille kann die Zusammenarbeit bewusst beschränken
- Wenn Informationen zeigen, dass sich Interessen zu sehr unterscheiden oder dass sich die Parteien unsympathisch sind/werden, kann das die Entwicklung einer engeren Beziehung verhindern
Hier wird deutlich: Partnerschaften, aus denen sich einmal eine tragfähige Geschäftsbeziehung entwickeln soll, entstehen nicht „auf Zuruf“. Vielmehr bedarf es Zeit und Vertrauensinvestitionen:
- Die Vertragspartner müssen vor und während der Kooperationsbeziehung ausreichend kommunizieren, so dass wichtige Informationen über die jeweils andere Seite vorhanden sind.
- Kooperationslasten sind gerecht zu verteilen, Probleme der zeitlichen Inkongruenz von anfallendem Nutzen und Kosten zu adressieren und zu lösen. Negative oder positive externe Effekte müssen analysiert und angemessen verinnerlicht oder kompensiert werden.
- Die Kooperation ist ausreichend zu belohnen beziehungsweise Kooperationsgewinne sind zu sichern und gerecht zu verteilen.
Erfolgsfaktoren der virtuellen Zusammenarbeit
Damit nicht nur der Vertrauensaufbau gelingt, sondern auch das operative Leben der „Kooperationsbeziehung“ funktioniert, sind einige technische und organisatorische Gestaltungsparameter zu beachten:
Besondere Anforderungen an Projektmitglieder räumlich verteilter Teams
Durch die Arbeit in räumlich verteilten Teams werden an Teammitglieder hohe Anforderungen gestellt. Diese beschränken sich nicht nur auf allgemeine Anforderungen wie Teamfähigkeit, sondern stellen die Projektmitglieder auch vor Herausforderungen wie den Vertrauensaufbau untereinander. Eine besondere Rolle kommt hierbei den Projektleitern beziehungsweise Geschäftsführern zu, die sich mit der Aufgabe konfrontiert sehen, Projektmitglieder an verschiedenen Standorten zu motivieren und zu führen. Durch regelmäßigen Austausch sollte der Aufbau einer guten, persönlichen Beziehung insbesondere zwischen den Personen gefördert werden, die am intensivsten zusammenarbeiten. Vorrangiges Ziel dieser Bemühung ist, ein offenes, konstruktives Diskussionsklima herzustellen.
Verkehrstechnische Erreichbarkeit von (Projekt-)Standorten
Insbesondere in Projekten, die über die eigene Landes- und somit häufig auch Kulturgrenze hinausgehen, kann auf das persönliche Kennenlernen von Kollegen nicht verzichtet werden. Dies gilt aber auch für die Unterstützung einer guten Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Unternehmen und/oder Standorten innerhalb eines Landes. In diesem Zusammenhang ist eine gute Anbindung an Bahn, Autobahn oder Flughafen eine wesentliche Erleichterung für den regelmäßigen persönlichen Austausch.
Kommunikationsmittel im virtuellen Team
Aufgrund großer räumlicher Distanz oder terminlicher Engpässe ist es häufig nicht möglich, jedes Projektteamtreffen persönlich an einem Ort durchzuführen. Deshalb spielen die verschiedenen Kommunikationsmöglichkeiten sowie deren einwandfreie Beherrschung eine maßgebliche Rolle im virtuellen Team. Dazu gehören neben E-Mail und Telefon auch technische Infrastruktur wie Videokonferenzsysteme oder Desktop-Sharing-Software. Auch gemeinsame Projekt- und Kollaborationsplattformen wie Microsoft-Sharepoint spielen hier eine wichtige Rolle.
Anfang des letzten Jahrhunderts prägte Lenin den Ausspruch „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Seitdem hat sich nicht nur die Arbeitswelt dramatisch verändert, sondern heute geht es vielmehr nicht mehr darum, von der Arbeit entfremdeten Mitarbeitern einzelne Arbeitsschritte detailliert vorzugeben und das Ergebnis dann anhand von Stückzahlen pro Zeiteinheit zu kontrollieren. Heute werden die Vorteile von Kooperationen – die Nutzung neuer Chancen bei reduziertem Risiko und höherem Innovationstempo – nur dann zum Tragen kommen, wenn sich Mitarbeiter als selbst gesteuerte Individuen Projekte ausdenken, Innovationen auf den Weg bringen und unternehmensübergreifend in immer wieder neuen Teams vertrauensvoll an gemeinsamen Zielen arbeiten. Vertrauen meint dabei nicht naives Gottvertrauen im Sinne von „der andere wird mich schon nicht übervorteilen“, sondern kann durch das Eingehen kalkulierter Risiken systematisch aufgebaut und gestaltet werden.
Welche Herausforderungen erfolgreiches Wachstum an Unternehmen stellt und wie die damit verbundenen Wachstumsschwellen erfolgreich bewältigt werden können, ist Gegenstand vom vierten und letzten Teil der Serie "Wettbewerb gestalten – Zukunftsagenda für KMU".
[Bild: fotolia]
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