Arbeit 4.0Arbeit macht arm

Plädoyer für eine gerechte Einkommens- und Verteilungspolitik.

„Eigentlich verdiene ich viel, aber bekomme zuwenig“, lautet ein gern genutztes Bonmot. Volkswirtschaftlich gesehen trifft das durchaus zu. Von 2000 bis 2012 sank der Anteil der Lohnquote am Volkseinkommen von 72,2 auf 67,9 Prozent. Die restlichen 30,1 Prozent entfallen mit steigender Tendenz auf Unternehmergewinne und Kapitaleinkünfte. Zwar sind die Löhne im gleichen Zeitraum um 26,3 Prozent gestiegen, das aber bei einer Preissteigerungsrate von 23 Prozent. Die Reallohnsteigerung betrug also gerade einmal 3,3 Prozent.

Leider wurde auch der Kuchen des Produktivitätsfortschritts sehr ungleichmäßig beziehungsweise fast gar nicht geteilt. Früher galt das fast schon ungeschriebene Gesetz, dass sich Löhne und Produktivitätsfortschritt im Gleichschritt bewegen müssen. Heute fallen die Früchte des Produktivitätszuwachses allein den Unternehmen zu.

Die Zahlen belegen eine Verarmung der Armen

Ein genauer Blick auf die hinkende Lohnentwicklung von 2000 bis 2012 zeigt, dass es sich vorwiegend um ein Problem von atypisch Beschäftigten und Niedriglöhnern handelt. Bei den ärmsten 10 Prozent der Haushalte schlagen Lohneinbußen am stärksten zu Buche, so dass sogar die Deutsche Bundesbank 2014 höhere Tarifabschlüsse empfahl. Während die Normalverdiener ein Jahreseinkommen von 32.500 Euro erzielen, sind es bei einem Fünftel der Berufstätigen nur 16.000 Euro – weniger als der EU-Durchschnitt. Man kann also von einer Verarmung der Armen sprechen und weniger vom Reicherwerden der Normalverdiener.

Wer wenig verdient, kann wenig sparen. Einkommens- und Vermögensungleichheit bedingen sich wechselseitig. Die vermögensärmsten 40 Prozent der Deutschen konnten kaum Vermögen aufbauen, während sich knapp ein Drittel des Nettovermögens auf den Konten von nur einem Prozent der Superreichen befindet. Das ist der deutsche Beweis für den Befund des vieldiskutierten Starökonomen Thomas Piketty, wonach die Rendite auf Kapital in diesem und im vergangenem Jahrhundert höher war als der Zuwachs von Löhnen und Gehältern, ja sogar höher als das gesamte Wirtschaftswachstum. Er drückt das kurz und knapp mit der Formel r > g (rendite > growth) aus. Warren Buffet übersetzt das so: „Wenn es einen Klassenkampf gibt, dann ist meine Klasse der Gewinner“.

Statt Wohlstand für alle gilt Wohlstand für wenige

Was die Vermögensmobilität angeht, so gilt: Arm bleibt arm und Reich wird immer reicher. Zumeist sind es fette Erbschaften, die niedrige Steuern und ein finanziell sorgenfreies Leben garantieren. Es scheint, dass die amerikanische Krankheit der Unterschichtenexklusion die Ära des sozial regulierten Kapitalismus beendet. Statt Wohlstand für alle (Ludwig Erhardt) gilt jetzt Wohlstand für wenige.

In Deutschland werden vor allem von Berufstätigen hohe Steuern erhoben und in die Umverteilungsmaschinerie eingeleitet. Trotzdem, so meinte die OECD schon 2011, konnte das Auseinanderdriften von Arm und Reich nicht verhindert werden. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, sieht in der Umverteilung keine Lösung, denn es wird zuviel von Bessergestellten zu ihresgleichen umverteilt. Er und mit ihm die OECD fordern ein effizientes System der Umverteilung. Eines, das nach unten hin wirksam ist und Chancengleichheit von Kindesbeinen an schafft.

Neofeudale Ungleichheit spaltet die Gesellschaft

Einkommens- und Vermögensungleichheit sind nicht vermeidbar, wohl aber reduzierbar. Dieses Postulat ergibt sich nicht aus reiner Menschenliebe, sondern weil es volkswirtschaftlich notwendig ist. Neofeudale Ungleichheit drückt das Wirtschaftswachstum, die Produktivität und Nachfrage, wirkt negativ auf das Bildungsniveau und die Gesundheit, spaltet die Gesellschaft und führt zu Resignation.

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