Arbeit 4.0Arbeitsweg als Leidensweg?

Immer mehr Berufstätige pendeln zur Arbeit und nehmen lange Anfahrtzeiten in Kauf. Stress und Probleme im privaten Bereich sind die Folge.

Neuere in- und ausländische Studien machen auf die mit einem Weg zur Arbeit verbundenen Probleme aufmerksam. Ein Thema, das lange vernachlässigt wurde. Schon seit Jahrzehnten ist der Arbeitsweg kaum noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu bewältigen. Öffentliche Verkehrsmittel schufen Abhilfe, aber nur dort, wo Busse und Bahnen verkehren. Erst das Auto machte den Berufstätigen entfernungsmobil und ermöglichte auch lange Anfahrtswege.

Der Weg zur Arbeit wird immer länger

Fluch und Segen liegen jedoch nah beieinander, wie neuere Zahlen belegen. Zwar wurde die Arbeitszeit in den vergangenen Jahrzehnten stetig kürzer, dafür die Anfahrtszeit von der Wohnung zum Arbeitsplatz immer länger. Gleiches gilt für den Rückweg. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung fand zum Beispiel heraus, dass ein Viertel aller Arbeitnehmer für einen Arbeitsweg länger als eine halbe Stunde brauchen. Schlimmer trifft es jene fünf Prozent aller Erwerbstätigen – etwa zwei Millionen Menschen – ,die mehr als eine Stunden zur Arbeitsstätte benötigen. Vergleicht man diese Zahlen aus dem Jahr 2016 mit denen aus einer Studie des Jahres 1991, ergibt sich ein Anstieg um 20 Prozent. In die Stadt München pendeln täglich 355.000 Arbeitnehmer ein und aus, was einer Steigerung von 21 Prozent seit 2000 entspricht. In anderen Metropolen sieht es nicht besser aus. Aber nicht nur das: In den letzten Jahren ist auch der Weg zum Arbeitsplatz länger geworden, von durchschnittlich 15 Kilometern im Jahr 2000 auf 17 Kilometer im Jahr 2016. Überdurchschnittlich weit ist der Arbeitsweg von Berufstätigen, die an den Rändern regionaler Ballungszentren wie Hamburg, Stuttgart oder Frankfurt wohnen.

Die Ursachen hierfür liegen im Flächenverbrauch der Städte und damit verbunden im exorbitanten Anstieg der Mieten. Wer sich in Hamburg oder München keine Mietwohnung mehr leisten kann, steigt auf Bus und Bahn um oder nutzt den Pkw. Die Veränderungen in der Arbeitswelt verstärken diesen Trend. Wer als Zeit- oder Leiharbeiter befristet mal hier und mal dort arbeitet, wird deswegen nicht umziehen, sondern akzeptiert einen längeren Arbeitsweg.

Pkw-Pendler sind besonders stressanfällig

Mehr als die Hälfte aller Berufspendler benutzt den eigenen Pkw. US-amerikanische Forscher haben in einer Großstudie an 4.300 Berufspendlern im Jahr 2012 herausgefunden, dass Autofahren die Negativeffekte einer sitzenden Arbeitsweise verstärken. Pkw-Pendler sind als Stauopfer besonders stressanfällig. Autofahrer, die mehr als 24 Kilometer zum Arbeitsplatz zurücklegen, neigen zu Übergewicht. Das mag mit ein Grund gewesen sein, warum sich auch deutsche Krankenkassen des Themas Arbeitsweg angenommen haben. Die Techniker Krankenkasse etwa spricht von einem erhöhten Risiko psychischer Erkrankungen bei Berufspendlern. Das Forschungsinstitut der AOK problematisiert die besonderen Belastungen von Wochenendpendlern.

Die Gruppe sogenannter „Übernachter“ ist besonders belastet. Dazu zählen alle Berufstätigen, die mindestens 60 Nächte pro Jahr berufsbedingt außerhalb der eigenen vier Wände schlafen, vor allem Wochenendpendler und Saisonarbeiter. Das sind jene Menschen, die zunehmend in der zweigeteilten Pendlerwelt leben – von Montag bis Freitag am Arbeitsort und am Wochenende in der Familie. Besonders Akademiker und Berufsanfänger gehören zu den Berufsmobilen. Sie sind weniger karrieregetrieben, sondern wollen den sozialen Abstieg vermeiden. Pendeln oder Arbeitslosigkeit lautet die Alternative. Bei älteren Arbeitnehmern ist es das mit viel Mühen errichtete Haus in einer schönen Gegend, das man ungern aufgibt, um es irgendwo anders neu aufzubauen. Stattdessen setzen sich Paare mit dieser Lebensweise von Nähe und Distanz einer hohen Belastungsprobe aus, die sich in Erziehungsproblemen und einer hohen Scheidungsrate niederschlägt.

Es steht zu befürchten, dass die Situation nicht besser wird. Der Wunsch, in der Stadt zu wohnen, wird die Pendlerzahlen nicht mindern. Hohe Mieten und Grundstückspreise zwingen Berufstätige ins Umland und somit in den Pendlerstatus. Daraus folgt zugleich ein Verlust an Frei- und Familienzeit. Das Wohnen im Grünen hat insofern auch seine Schattenseiten.

Dazu im Management-Handbuch

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