Arbeit 4.0Digitale Tagelöhner

Mittels Crowdworking vergeben Firmen kleine Projekte an Freischaffende. Geld gibt es dafür nur wenig.

Crowdworking, Croudsourcing, Clickworker, Gig-Economy. Klingt irgendwie interessant. „Croud“ hat etwas mit Menge, „Sourcing“ mit Auslagerung und „Gig“ mit Auftritt zu tun. Das ist auch schon der Kern der Sache.

Immer mehr Menschen suchen auf virtuellen Plattformen nach Möglichkeiten für einen Gig. Sie wollen einen der angebotenen Mikrojobs ergattern, die sie von zu Hause am PC erledigen können. Unternehmen, die ein kleines Programm, eine Illustration oder einen Text benötigen, wenden sich an eine Plattform-Agentur, wie beispielsweise Clickworker, AppJobber oder Mylittlejob. Hier finden sie jemanden, der kleine Arbeiten für kleines Geld erledigt.

Hunderte Freischaffende aus der Crowd-Cloud

Viele namhafte Unternehmen nutzen Crowdworking, oft auch zur Ideenfindung. Die Ideen werden „pro Stück“ bezahlt. Beispiel: „Schicke uns Deine Idee für einen revolutionären Fahrradgepäckträger“. Oder: „Fotografiere in Deinem Wohnort ein Dutzend Speisekarten deutscher Restaurants“. Aber es geht auch größer. Warum soll man eine global agierende Werbeagentur beschäftigen, die für teures Geld drei bis fünf Entwürfe präsentiert, wenn man Dutzende, ja Hunderte Freischaffende für wenig Geld aus der Crowd-Cloud geliefert bekommt? Es ist gut möglich, dass sich Werbeagenturen ihrerseits von Clickworkern befruchten lassen.

In jeder Idee stecken schmackhafte Rosinen, auch wenn der Kuchen nicht schmeckt. Das kann auch nicht anders sein, da Unternehmen aus einem riesigen Talentpool schöpfen. Keiner ist so schlau wie alle. So halfen etwa 8.000 Clickworker der Deutschen Bank, Ideen zu neuen Bankdienstleistungen zu entwickeln. Sie standen im Wettbewerb um Honorar, Beachtung und Anerkennung. Crowdworking treibt den Konkurrenzkampf auf die Spitze. Einer gegen alle, alle gegen einen. Das ist Neoliberalismus in Reinkultur.

Ist Crowdworking ein neuer Arbeitsmarkt?

Nach Informationen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) stehen weltweit 20 Millionen „Heimwerker auf Abruf“ bei den elf großen Crowd-Plattformen unter Vertrag, davon 750.000 in Deutschland. Die Agentur Clickworker berichtet, dass von ihren 700.000 registrierten Nutzern nur vier Personen etwa 2.000 Euro pro Monat erlösen. Im Durchschnitt sind es 144 Euro. Dennoch: Es sind freie Unternehmer, die vom handelsrechtlichen Status Wirtschaftsgrößen wie Piech und Albrecht auf Augenhöhe begegnen. Vom Verstand her könnten sie es, denn 50 Prozent der digitalen Tagelöhner sind Akademiker.

Crowdworker erledigen das, was normale Angestellte tun, aber nicht in einem normalen Arbeitsverhältnis mit Arbeits- und Tarifvertrag, Sozialversicherung und Urlaub, Kündigungsschutz und Streikrecht. Statt Gehalt gibt es Gagen. Viele der Crowdworker sind nicht sozialversichert, obwohl der Minijob nur der Zuverdienst zu einem Zweit- oder Drittjob ist. Etwa 40 Prozent sind Freiberufler oder Selbständige, je 20 Prozent Studenten und Vollzeitmitarbeiter.

Auftraggeber betonen im Brustton der Überzeugung, dass es ihnen um das innovative Potenzial der Crowd gehe, nicht um die Ausbeutung digitaler Prekarier. „Vielleicht ist das tatsächlich nicht ihre Absicht – aber trotzdem das Ergebnis“, heißt es in der ZEIT.

Freie Zeiteinteilung versus Selbstausbeutung

Fragt man Crowdworker nach ihrer Erfahrung und Meinung, betonen sie die Möglichkeit der freien Zeiteinteilung, die Abwesenheit von Hierarchie, und dass sie keine Akquise für neue Aufträge betreiben müssen. Dafür nehmen sie in Kauf, als digitale Tagelöhner oftmals unterhalb des Mindestlohns zu arbeiten und sich dabei selbst auszubeuten. Wie man liest und hört, arbeiten einige bis zu 80 Stunden.

Crowdagenturen sind ein Teil des Plattformkapitalismus, bei dem Vermittlungsmonopole, wie beispielsweise HRS, Immoscout24, Amazon oder airbnb zwischen die Marktteilnehmer treten und abkassieren. Hier wirkt nicht die unsichtbare Hand des freien Marktes. Es geht um die Vorgaben der Plattformbetreiber und Risiko-Kapitalgeber des Silicon Valley.

Fäulniserscheinung der alten Arbeitswelt?

Noch ist es zu früh, ein Urteil darüber zu fällen, ob Crowdworking zu den Vorzeichen der zukünftigen Arbeitswelt gehört oder ob es ein Anzeichen einer zunehmenden Prekarisierung der alten Arbeitswelt ist, so wie es Pessimisten sagen. Für Optimisten ist es ein Stützpfeiler für zusätzliche Einkommen. Utopisten sehen im Crowdworking das „Betriebssystem der digitalen Arbeitswelt“ (Süddeutsche Zeitung). Wie dem auch sei: Die Schaltpläne unserer Wirtschaftswelt werden mit leistungsfähigen Algorithmen in einer permanenten Beta-Version programmiert. Wir sind Betroffene und Beteiligte zugleich –  aber wohl doch schon eher Betroffene.

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