Arbeit 4.0Hierarchien wird es noch lange geben

Digitalisierung, Indiviualisierung und immer komplexere Probleme. Sind Unternehmen zukünftig überhaupt noch führbar, und wenn ja, wie?

Wie werden Mitarbeiter im kommenden Jahrzehnt und danach geführt? Die Zukunftsrezepte tragen bedeutungsschwere Titel, wie situative, agile, kooperative, strukturelle, transformale, konsensuale oder systemische Führung, Laissez-faire-Führung, digital Leadership und Empowerment. In den sechziger und siebziger Jahren galt das Delegationskonzept der Harzburger Schule als Erfolgswegweiser. Dann schwappten die US-Modelle herüber. Die Ohio-Schule bot ein zweidimensionales, auf den Polen Mitarbeiterorientierung und Erfolgsorientierung basierendes Führungskonzept an, das als Grid-Konzept weltweit Furore machte. Lange dominierte die „Great- Man-Theorie“ die Diskussion, auch bekannt als Eigenschaftentheorie.

Das Phänomen Führung wurde und wird unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet: Dem der Machtbeziehung und der Art der Einflussnahme, der Persönlichkeit des Führenden und der Geführten, der Gestaltung des Gruppenprozesses oder des Zwecks der Interaktion. Mitarbeiterführung wird psychologisch, soziologisch oder auch ökonomisch definiert. Man stößt auf einen wahrhaften Dschungel an Führungstheorien. Der renommierte Managementwissenschaftler Oswald Neuberger schreibt: „Will man sich auf dem Gebiet der Führung orientieren, so trifft man auf unübersichtliches Gelände: Es gibt beeindruckende Pracht-Straßen, die aber ins Nichts führen, kleine Schleichwege zu faszinierenden Aussichtspunkten, Nebellöcher und sumpfige Stellen. Auf der Landkarte der Führung befindet sich auch eine ganze Reihe Potemkinscher Dörfer, uneinnehmbare Festungen oder wild wuchernde Slums.”

Keine fundamentale Veränderung bei der Führung auf Mikroebene

Die Frage nach der Zukunft der Mitarbeiterführung muss zweigeteilt werden in, erstens, die Zukunft der direkten Führung durch den Vorgesetzten (interaktionelle Führung) und, zweitens, die Zukunft von Führungssystemen (strukturelle Führung). Bei der interaktionellen Führung, sozusagen auf der Mikroebene, wird es wohl kaum fundamentale Veränderungen geben. Die klassischen Führungsaufgaben sind weiterhin zu leisten: Ziele vereinbaren, Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortung delegieren, Lob und Anerkennung aussprechen, Kritik und Tadel anbringen, informieren, kommunizieren und kooperieren, Mitarbeiter entwickeln und beurteilen, Aufgabenerfüllung überwachen, Konflikte erkennen und lösen. Gleichwohl ist zu berücksichtigen, dass die sogenannte Generation Y Freiräume, die Berücksichtigung ihrer Wertvorstellungen und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung erwartet. Daraus folgend ist ein Trend in Richtung diskursiver und konsensualer Verhaltensweisen erwartbar.

Einschneidende Veränderungen wird es beim Personalmanagement beziehungsweise den klassischen betriebswirtschaftlichen Führungssystemen geben (müssen). Sie haben ihre Alleingültigkeit verloren und stehen auf dem Prüfstand der Führungsforschung. Globalisierung, Digitalisierung und Individualisierung hinterlassen Spuren im Gefüge von Organisationen. Immer komplexere Probleme müssen bewältigt werden. Oganisationen entgrenzen sich. Netzwerke überspannen Fabrik- und Branchengrenzen. Algorithmen und Software zwingen zu einer Neudefinition von Arbeit und Führung. Sind Organisationen der Zukunft überhaupt noch führ- und steuerbar?

Hierarchische Führung wird es noch lange geben

Ich bin davon überzeugt, dass sich unser hierarchisch strukturiertes Führungsmodell noch lange erhalten wird. Alles andere birgt Gefahren, denn die Mitarbeiter sind vertraut mit dem, was ist. Das gibt ihnen Sicherheit und Orientierung. Darum sollte sorgfältig geprüft werden, welcher Führungsstil der wirksamere ist. Zu unterschiedlich sind die Branchen, Organisationsformen, Unternehmenstraditionen und Belegschaftsstrukturen. Wissensintensive Branchen wagen den Schritt ins Neuland, aber klein- und mittelständische Unternehmen werden sich nur zögernd vorwärts tasten. Daraus folgt: Wir werden uns noch recht lange auf ein Nebeneinander von traditionell-betriebswirtschaftlichen Führungssystemen einerseits und avantgardistisch-systemischen Führungssystemen andererseits einstellen müssen.

Dazu im Management-Handbuch

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