Arbeit 4.0Warten auf die nächste Welle

Konjunkturwellen verändern die Arbeit und es entstehen neue Berufe. Doch wann kommt die nächste Welle?

Uns erwartet eine Zukunft mit viel Arbeit und Wachstum. Das meinen diejenigen, die sich wirtschaftstheoretisch dem russischen Ökonom Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew verbunden fühlen. Dieser fand heraus, dass sich die wirtschaftliche Entwicklung in sehr langen Konjunkturwellen vollzieht.

Zwischen dem Ende des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts fanden vier solcher Zyklen statt. Sie wurden durch die Dampfmaschine, die Eisenbahn, den elektrischen Strom, die Pkw-Industrie, die Petrochemie und die Informationstechnik ausgelöst. Diese Entwicklungsstimulatoren lösten Wachstumsschübe aus, die irgendwann abflauten, bis neue Basisinnovationen einen weiteren Megazyklus auslösten. Die ersten vier Zyklen wurden durch „harte“ Technologien ausgelöst, der fünfte jedoch durch den Computer in Kombination mit Software und Internet. Über den sechsten sind sich die Ökonomen uneinig.

In Konjunkturzyklen entstehen neue Berufe

Eine lange Konjunkturwelle ist nicht allein ein wirtschaftlicher Vorgang. Sie ist gesellschaftlicher Natur, denn sie verändert Arbeit und Leben in der jeweiligen Epoche. Es entstehen neue Berufe (zum Beispiel Programmierer), Infrastrukturen (zum Beispiel Datenautobahnen), andere Bildungsinhalte (zum Beispiel Medienkompetenz), neue Forschungsschwerpunkte (zum Beispiel Laser oder Datenträger) und neue Organisationskonzepte in Unternehmen (zum Beispiel flache Hierarchien infolge von IKT).

Die den langen Wellen zugeneigten Experten sind sich bei den ersten fünf Zyklen einig. Nachdem aber die Informationstechnik als Triebkraft der wirtschaftlichen Entwicklung nicht mehr wirkt, fragen viele nach der neuen Basisinnovation, die den sechsten Kondratjew-Zyklus auslöst. Diese ist noch nicht erkennbar. Geht es nach einer Umfrage des VDI, sehen Deutschlands Ingenieure in der wissenschaftlich-technischen Entwicklung die entscheidenden Wachstumsimpulse für die Zukunft. Bei ihnen rangiert die Nanotechnologie auf Platz 1, gefolgt von der Biotechnologie und IKT auf den Plätzen 2 und 3.

Der die Kondratjew-Diskussion anführende, oft zitierte Ökonom Leo A. Nefiodow meint, dass sich ein gewaltiger Gesundheitsmarkt entwickeln wird, aus dem andere Wirtschaftsbereiche Wachstumsimpulse empfangen. Nefiodow: „Im sechsten Kondratjew-Zyklus wird der gesellschaftliche Bedarf nach Gesundheit im Vordergrund stehen. Nicht nur rein körperliche Gesundheit, wie wir sie heute verstehen, sondern in einem ganzheitlichen Sinne: auch seelische, ökologische und soziale Gesundheit.“ Gemeint ist nicht der Erste Gesundheitsmarkt mit Krankenkassen und Kliniken, sondern der private Präventions-, Fitness- und Wellnessmarkt. Wenn das stimmt, wird es einen gewaltigen Schub hin zu Pflegeberufen geben.

Die nächste Basisinnovation ist noch nicht in Sicht

Warum sollte ein singulärer, nicht-industrieller Markt den sechsten kondratjewschen Zyklus anstoßen? Überhaupt: Wie sicher sind die nächste Basisinnovation und das Auftreten von Pionierunternehmen? Warum sollen sich die Zyklen wiederholen wie Ebbe und Flut? Die kondratjewschen Wellen waren allesamt Produkte der Industriegesellschaft. Gelten sie auch für immaterielle Wirtschaftsgüter der kommenden Wissensepoche? Garantiert das Gestern und Heute zukünftige Langzeitzyklen der Weltwirtschaft?

Die Theorie der langen Wellen hat auf viele Menschen einen starken Reiz, da sich das Auf und Ab mit ihrer Erfahrung deckt und eine scheinbare Erklärung für die wirtschaftliche Langfristentwicklung gegeben wird. Ob es eine lange, neue Konjunkturwelle, ausgehend von einer Basisinnovation oder Leitbranche geben wird, kann niemand solide voraussagen, ohne in das Fahrwasser des Spekulativen abzugleiten. Ich empfehle, sich an den Pionier-Soziologen Max Weber zu halten. Er bezeichnet Theorien, die objektive Gesetze des geschichtlichen Verlaufs entdeckt haben wollen, als Schwindel.

Dazu im Management-Handbuch

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