Arbeit 4.0Zwang zur Individualisierung

Individualisierung ist ein Megatrend. Menschen analysieren und optimieren sich permanent selbst. So lange, bis auch aus grauen Mäusen „Unikate“ werden.

„Früher war alles besser“, hört man aus dem Munde jener Menschen, die von Komplexität und Dynamik geschüttelt, Orientierung und Halt suchen. Früher trat der Sohn in die beruflichen Fußstapfen seines Vaters, ging vielleicht in die Gewerkschaft. Die Familie schlenderte sonntags zur Kirche und befolgte die Wahlempfehlung des Ortsgeistlichen. Junge Frauen pflegten ihren „Weibeswert“, um möglichst jungfräulich in die Ehe zu gehen. Traditionen, soziale Rituale, Religion, Heimat- und Vaterlandsliebe sorgten als Bindemittel. Heute ist die Vorstellung davon, was „normal“ ist, ins Wanken geraten. Erfahrungen und Meinungen der Elterngenerationen sind für die Jungen zunehmend altbacken, ja sogar unverständlich. „Normal“ ist nicht mehr das schicksalhaft Gegebene, sondern das, was Normalbürger als abnormal empfinden.

Jeder darf das sein, was er will

Da soziale Orientierungs- und Entscheidungsstützen, wie etwa Kirche und Glaube, Dorf und Nachbarschaft, Fabrik und Kollegen, immer mehr zerfallen, sind Menschen gezwungen, unabhängig von ihren Orientierungsgebern respektive Vorbildern zu denken, zu handeln und den Lebensweg zu steuern. Niemand besitzt mehr Handlungsvollmacht über die Biographie anderer Menschen. Jeder darf das sein, was er sein will. Insbesondere Frauen streben eine berufliche Tätigkeit an, die ihnen bei der Ich-Findung und Selbstwerterzeugung dienlich ist. Die sogenannte Generation Y wünscht Autonomie, Sinn und Selbstverantwortung.

Es gibt mehr Angebotsoptionen als früher. Da die gewachsenen Strukturen der Industriegesellschaft und des Sozialstaats zeitgleich zerbröseln, ist der Mensch dem Arbeitsmarkt mit allen Risiken und Widersprüchen ausgesetzt. Das Individuum ist auf sich allein gestellt. Es wird zu einer hochindividuellen Lebensgestaltung gezwungen. Der Druck der Gesellschaft hinsichtlich Individualität wächst.

Arbeit dient auch der Realisieirung eigener Interessen

Dieser Megatrend der Individualisierung wird von der Arbeitswelt noch verstärkt. Unternehmen begrüßen es, wenn Arbeitnehmer ihre eigenen Vorstellungen in die Arbeit einbringen. Arbeitszeit, Arbeitsformen und Arbeitsort bekommen einen individuellen Touch. Das Human-Resources-Management fordert Selbstreflexion, Selbstanalyse und Selbstoptimierung. Es schafft Raum für Eigenverantwortung bei der Arbeitsplanung und –durchführung. Arbeit ist nicht mehr nur der Ort der Existenzsicherung, sondern dient auch der Realisierung eigener Interessen und der Selbstverwirklichung. Individualität wird nicht mehr als Störfaktor gesehen, sondern als Stimulus für die noch unentdeckten Leistungspotenziale in Herz, Seele und Verstand genutzt. Sie gilt es zu mobilisieren und für den Arbeitsprozess fruchtbar zu machen.

Selbstbestimmung wird zur Leistungsnorm

Selbstbestimmung, ehedem wünschenswert, wird zur Leistungsnorm. Der Mitarbeiter soll sich als ganzheitlicher Mensch und als Unikat in die Arbeit einbringen. Als Folge hiervon lösen sich die von der Industriegesellschaft gezogenen Grenzen von Arbeit und Freizeit, von Beruf und Hobby. Die über Tarifverträge vermittelte Zugehörigkeit zur Belegschaftsmasse wird durch individuelle Arbeitsverträge ausgehöhlt. Das industriegesellschaftliche Normalarbeitsverhältnis erodiert.

Zwänge und Sicherheiten der Normalarbeit werden gegen die individuellen Freiheiten von „New Work“ getauscht. „Ich muss an mir arbeiten und meine Qualifikation sichtbar machen“, erkennen Bandarbeiter gleichermaßen wie Verwaltungsangestellte. Manche gehen noch einen Schritt weiter, indem sie sich „markieren“. Falle auf, sonst fällst du durch, lautet die Empfehlung. Man wird von Kunden, Kollegen und Vorgesetzten beobachtet und bewertet. Unauffälligkeit und Nichtstun werden zum Risiko. Zur Risikominimierung hingegen werden „Employability“, oder noch besser, „Uniquability“ empfohlen. Damit aus der grauen Maus ein „Unikat“ wird.

Dazu im Management-Handbuch

Ähnliche Artikel

Cookies helfen uns bei der Bereitstellung unserer Dienste. Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Mehr erfahren
OK