Arbeit 4.0Zwang zur Selbstoptimierung

Um im Berufsleben Erfolg zu haben, sind immer mehr Soft Skills gefragt. Viele meinen deshalb, nicht zu genügen und optimieren sich ständig selbst. Ein gefundenes Fressen für Anbieter zweifelhafter Seminare für Persönlichkeitsentwicklung.

Der Blick in den Stellenteil überregionaler Tageszeitungen zeigt: Es werden nicht nur Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht, sondern Persönlichkeiten. Sie sollen kreativ, entschlossen, verantwortungsvoll, teamfähig, belastbar und verhandlungsstark sein, also über das Alltägliche hinausragen. Diese Anforderungen der Berufswelt von heute mögen ein Grund dafür sein, warum viele den Wunsch haben, ihre Persönlichkeit zu optimieren.

In diesem Wunsch zeigt sich die Wirkung der Werbung, die uns rund um die Uhr, sozusagen im Dauerbeschuss, unsere verbesserungsbedürftigen Persönlichkeitsmängel aufzeigt. Wir sind nicht mehr frei uns zu entwickeln, wir sind gezwungen. Jeder arbeitet gleichzeitig an mehreren Selbstverbesserungsprojekten; denn wir sind nicht die Personen, die wir heute sind, sondern die, die wir morgen sein könnten.

Persönlichkeitskompetenz ist ein Qualifikationskriterium

Zum Glück gibt es Hunderte von Anleitungen zur Persönlichkeitsentwicklung und jede Menge Persönlichkeitsentwickler, die uns den Weg in das Reich der Erlösung weisen. So wirbt zum Beispiel ein Anbieter mit einer „gezielten und umfangreichen Persönlichkeitsentfaltung und Persönlichkeitsentwicklung“, so dass aus dem Leben ein „Meisterwerk“ wird. Wie „wirksam“ dieser Anbieter arbeitet, ist den Homepage-Berichten von Teilnehmern zu entnehmen: „Je älter ich wurde, desto größer wurde meine Angst vor dem Tod. Seit der Rückführung bei dir habe ich keine Angst mehr“, heißt es da. Oder: „Die Veränderungen, die ich in meinem Leben erreicht habe, hätte ich mir nie erträumen lassen.“

Ein anderer Anbieter, gleichzeitig der Autor eines Buches, schreibt: „Wir leben unsere Jobs, unsere Projekte, unsere Freund- und Partnerschaften wie auch unsere Sehnsüchte nur zu maximal 30 Prozent. Sie sitzen auf einem Vulkan der Möglichkeiten! Gönnen Sie sich den ‚Ausbruch‘ der restlichen, wesentlichen 70 Prozent Lebendigkeit, indem Sie sich der Frage stellen: Was will Ihr Eros?“ Er fordert seine Leser dazu auf, ihre „innere Goldmine“ mittels ihrer „Ich-Marke“ erstrahlen zu lassen. Ich meine, seine Anhänger sollten darauf achten, ihren Geist nicht verstrahlen zu lassen und weniger darüber nachdenken, warum sie bisher scheiterten und wie sie es dieses Mal schaffen. Es kostet Kraft und Mühe, stets das Beste aus sich machen zu wollen. Interessenten und Teilnehmer, die erkennen, dass sich hinter vielen Angeboten Quacksalberei verbirgt, haben einen ersten Schritt hin zum Erfolg gemacht.

Dutzende Ratgeber für ein erfolgreiches Leben

Heinrich Heine sagte einmal: „Gott hat die Esel geschaffen, damit sie dem Menschen zum Vergleich dienen können.“ Anbieter von Persönlichkeitsentwicklungscoachings und –seminaren fungieren als Seelenklempner. In Buchhandlungen stehen Regale, prall gefüllt mit Selbstoptimierungsliteratur. Hier findet man die Rezeptbücher für die Berufskarriere, die Ratgeber für schnellen Reichtum und die Stufenprogramme für ein erfolgreiches Leben. Die Titel lauten so oder so ähnlich: „Erfolg durch …“, „Glücklich werden mit …“, „Erfolg durch innere Ruhe“, „Erfolg durch Zielsetzung“, „Erfolg durch Zen-Meditation“ und so weiter. Es fällt auf, dass die Begriffe Erfolg und Selbstoptimierung wie eine Stopfgans benutzt werden. Man fragt sich, was sich nicht als Erfolgswerkzeug für die eigene Persönlichkeitsentwicklung eignet. Im Zweifelsfall aber rate ich, in Anlehnung an einen SPIEGEL-Bestseller von Niazi-Shahabi: Bleib so scheiße, wie du bist!

Dazu im Management-Handbuch

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