Arbeitskultur 4.0 oder Unkultur?

Die neue Arbeitswelt wird zum Paradies auf Erden. Für Einige. Und für die Anderen?

Detaillierte Arbeitsmarktstatistiken relativieren das Bild vom blühenden Arbeitsmarkt. Nicht nur dieser, auch die Arbeitskultur verändert sich. Es gibt einerseits die Beschreibungen einer paradiesischen Arbeitswelt bei Google oder Otto-Versand, andererseits aber auch die Beschreibungen eines Günter Wallraff vom Genre „wir da unten ihr da oben“.  Im Silicon Valley sieht die Arbeitswelt anders aus als in Detroit.

Der renommierte Arbeitssoziologe Richard Sennet hat schon 2007,  ausgehend von den Krankheitssymptomen des Kapitalismus, ein düsteres Bild der gegenwärtigen und zukünftigen Arbeitswelt gezeichnet und dieses als ‚Die Kultur des neuen Kapitalismus‘ bezeichnet. Zeitarbeiter, Leiharbeiter, teilzeitbeschäftigte Frauen, Dauerpraktikanten und prekär Randbeschäftigte werden sich ihrer Minderwertigkeit oder gar Nutzlosigkeit bewusst, ängstigen sich vor der Ungewissheit der Zukunft und deren mangelnde Planbarkeit oder gar vor dem Fall ins Nichts. Sie müssen sich  permanenten Veränderungen stellen, obwohl sie Kontinuität in Ihrer Berufs- und Lebensgestaltung wünschen. Wenige Gewinner räumen den Spieltisch ab, während die Masse der Verlierer das Wenige teilt, was übrigbleibt. Notwendige Flexibilität des Unternehmens verstärkt die Ungleichheit der Gesellschaft.

Verlust an Selbstbewusstsein, Status und Motivation

Kann die Berufsrolle infolge Arbeitslosigkeit nicht ausgeübt werden oder wird jemand in prekäre Arbeitsverhältnisse gestoßen, wirkt das auf das Selbstbewusstsein, die Zeitstrukturierung, das Lebensmuster, den sozialen Status und damit auf das Selbstbild des Betroffenen. Der Mensch hat als Arbeitsloser oder prekär Beschäftigter einen weniger wertigen Status. Das konnte unsere Gesellschaft gut verkraften, solange Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigung nur Randprobleme waren. Was ist aber, wenn Millionen Menschen betroffen sind? Was ist, wenn man schon unten positioniert, noch tiefer gestoßen wird? Was ist, wenn das Bedürfnis nach Sicherheit unbefriedigt bleibt?

Wenn Sennets Diagnose vom amerikanischen Normalarbeiter zutrifft, hat das weitgehende Folgen für die Mitarbeiterführung. Denn Sicherheit, Anerkennung und Erfolg sind unverzichtbare Stützpfeiler für die Motivation von Menschen. Der Verlust an Sicherheit wiegt besonders schwer, da „man den ganzen Organismus zu Recht als einen Sicherheit suchenden Mechanismus beschreiben kann“. Diese Aussage des Nestors der Motivationstheorie, Abraham Maslow, wurde von Frederick Herzberg empirisch bestätigt.

Das gilt ebenso für den Verlust an Anerkennung, „denn alle Menschen in unserer Gesellschaft haben das Bedürfnis oder den Wunsch nach einer festen, gewöhnlich recht hohen Wertschätzung ihrer Person, nach Selbstachtung und Achtung seitens anderer.“ Das aber kann die gegenwärtige Arbeitsgesellschaft immer weniger leisten. Wenn die Gesellschaft keinen stabilen Erwerbsrahmen mehr zur Verfügung stellen kann, müssen die Menschen lernen, ihre Biografie zu improvisieren und ohne konstantes Ich-Gefühl auszukommen.

Hier droht Lethargie oder Apathie der Betroffenen oder ein offenes Ohr für die Heilsverkünder der rechten Szene. Sennet schreibt, dass das Besondere an der heutigen Ungewissheit die Tatsache ist, „dass sie nicht in Verbindung mit einer drohenden Katastrophe steht, sondern vielmehr mit den alltäglichen Praktiken eines vitalen Kapitalismus verwoben ist“.

Man muss fragen, wie es um die psychische Balance der mittlerweile 950.000 deutschen Leiharbeiter, einschließlich Teilzeitarbeiter und Niedriglöhnern, bestellt ist. Hierzu liegen zahlreiche Studien vor, die Sennets Beobachtungen und Einschätzungen zur seelischen Befindlichkeit der Arbeiter und Angestellten bestätigen. Wer um das Jahr 2000 herum Sennets Analysen als auf Mitteleuropa unzutreffend kritisierte, möge die  ‚Inkubationszeiten‘ von industriegesellschaftlichen Entwicklungen berücksichtigen. Der Weg von Detroit über Liverpool nach Duisburg dauert seine Zeit, aber er wird beschritten. Die deutsche Bevölkerungsentwicklung möge verhindern, dass die Menschen in das Loch der Arbeitslosigkeit fallen, aber sie werden wohl immer wieder durch den Prekärsumpf waten müssen.

Dazu im Management-Handbuch

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