AusgebranntseinWas wirklich hinter Burnout steckt

Burnout hat zunächst nichts mit hoher Arbeitsbelastung zu tun. In der Regel stecken dahinter verdrängte negative Gefühle. Nur die Akzeptanz und das Leben dieser Gefühle im Unternehmen entfalten das volle Potenzial von Mitarbeitern.

Ob beim Coaching in der Praxis oder in Trainings mit Teams: Ich erlebe immer häufiger völlig erschöpfte Menschen, die kaum noch Antrieb haben und oft total verzweifelt sind. Daraus zu folgern, sie seien im Job überlastet, gestresst und hätten zu viel zu tun, wäre einfach. Zu einfach. Wer mit Menschen arbeitet, lernt irgendwann, dass es sich lohnt, einen zweiten und dritten Blick hinter das scheinbar Offensichtliche zu werfen.

Menschliche Ressourcen sind endlich

Es ist sicher richtig, dass Menschen nur begrenzt belastbar sind, dass ihre Energie endlich ist, dass sie regelmäßig Auszeiten brauchen, um sich zu regenerieren. Das wird kaum jemand ernsthaft bestreiten. Die Arbeitswelt ist nicht mehr dieselbe wie zu Beginn der Industrialisierung. Dass hemmungslose Ausbeutung letztlich auch die sogenannten Human Resources erschöpft, ist bekannt.

Die Arbeitswelt heute erfordert Resilienz, also Standhaftigkeit gegenüber Stress und Herausforderungen und weiß um die Bedeutung von Auszeiten. Die Balance zwischen Arbeit und Leben wird geradezu gefordert. Und doch gibt es immer mehr Menschen, die dem Druck im Job nicht mehr standhalten können. Etwas läuft schief. Und das, obwohl wir noch nie so viel Freizeit hatten wie heute.

Unbequeme Fragen

Wer dem Trend zum Burnout also ernsthaft auf den Grund gehen will, darf sich mit den scheinbar offensichtlichen Antworten nicht zufriedengeben. Er muss mutig genug sein, weitere Fragen zu stellen. Solche etwa: Wie kommt es, dass die Pausen und Auszeiten nicht mehr den gewünschten Regenerationseffekt liefern? Und wenn es keine Pausen und Auszeiten mehr gibt: Wie kommt es dazu, dass ein Mensch nicht mehr bekommt, was er braucht?

Das sind unbequeme Fragen für die Betroffenen, denn sie führen sie immer wieder auf etwas zurück, das Menschen in Überforderungssituationen meist nicht haben wollen: die eigene Verantwortung. Ich meine damit keine simplen Folgerungen, wie „selbst schuld. Schaff dir eben Auszeiten!“. Auch das wäre zu einfach gedacht.

Menschen verstellen sich

Tatsache ist, dass ich bei allen Burnout-Klienten oder Trainingsteilnehmern mit ähnlicher Thematik eine Gemeinsamkeit beobachte: Sie verstellen sich. Das bedeutet, sie drücken nicht aus, was in ihnen vorgeht. Das tun Menschen in unserer sachorientierten westlichen Welt – wenn überhaupt – dann nur in vertraulichem Rahmen. Wir reden nicht darüber, wie wir uns fühlen.

Viele Menschen wissen gar nicht, was damit gemeint ist. Wenn ich einen verzweifelten Burnout-Klienten frage, was er fühlt, bekomme ich in der Regel Antworten, die nichts mit meiner Frage zu tun haben. Er schildert mir, was passiert ist beziehungsweise, wie er darüber denkt. Was er dabei fühlt, bleibt sein Geheimnis. Und das wäre nur halb so schlimm, wenn er es selbst wüsste. Weiß er aber nicht.

Kaum einer weiß, was er fühlt

Ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie zutiefst verzweifelte Menschen an ihrer Haltung festhalten, sie wüssten nicht, was sie fühlen. Dabei steht es ihnen förmlich ins Gesicht geschrieben. Die Augen glänzen feucht, die Stirn legt sich in tiefe Falten, die Fäuste ballen sich, die Stimme zittert. Aber: keine Ahnung.

In solchen Fällen bediene ich mich eines kleinen Experiments, das bisher mit 100-prozentiger Treffsicherheit zum Erfolg geführt hat: Ich gebe diesen Klienten vier Gefühle zur Auswahl, um herauszufinden, welches sie gerade bewegt: Ärger, Trauer, Angst und Freude. Das Gefühl, worüber sie als letztes oder manchmal auch gar nicht sprechen wollen, ist genau das, was sie fühlen.

Burnout am praktischen Beispiel

Ein Beispiel: Ein selbständiger Firmeninhaber steckt in einer tiefen Ehekrise. Seine Frau will die Trennung, er ist verzweifelt und versteht überhaupt nicht, wie es dazu kommen konnte. Im Verlauf einiger Sitzungen entsteht folgendes Bild: Die größte Beschwerde der Ehefrau ist die Antriebslosigkeit ihres Mannes. Der arbeitet tatsächlich sehr viel und hat in seiner Freizeit kaum Zeit für seine beiden Kinder. Er will nur noch liegen. Ein Grund für seine hohe Belastung: Seine Mitarbeiter sind unzuverlässig. Sie tanzen ihm auf der Nase herum. Der Klient, so stellt sich heraus, hat große Schwierigkeiten damit, klare Ansagen zu machen. Im Gespräch erinnert er sich daran, dass seine Frau immer wieder gefordert habe, er müsse auch mal Nein sagen. Das fällt ihm schwer.

Der Firmeninhaber hat nie gelernt, seinen Ärger erwachsen zu äußern und zu nutzen. Er verstellt sich, weil er die Harmonie nicht zerstören will. Er spricht von „Friede, Freude, Eierkuchen“. In einer kurzen Übung stellt sich heraus, dass er nur zwei Methoden kennt, mit dem Gefühl Ärger umzugehen: schlucken und verdrängen. Schlucken und Unterdrücken kostet ihn unglaublich viel Energie. Die unterschwellig wahrnehmbare Aggressivität ängstigt seine Frau und hält sie auf Abstand.

Maskeraden kosten viel Energie

Das Beispiel wiederholt sich nicht nur bei Selbständigen, sondern gerade auch bei Mitarbeitern in Unternehmen. Menschen verwenden unglaublich viel Energie darauf, sich nicht so zu zeigen, wie sie sind. Sie verstellen sich, unterdrücken ihre Gefühle. Das war lange Zeit auch gewünscht. Mitarbeiter sollten schließlich arbeiten und nicht fühlen.

Inzwischen sind wir ein paar Schritte weiter und wissen mehr über Emotionen und ihre Qualitäten. Wir wissen mittlerweile auch, dass es in der Arbeitswelt eine spürbare Verdichtung gibt, die letztlich den ganzen Menschen mit all seinen Qualitäten fordert. Die immer mehr Agilität fordernde Wirtschaft will das gesamte Potenzial: die Energie, die Flexibilität, die Kreativität, den Mut und die Entschlossenheit des Menschen.

Verdrängen von Gefühlen ist der Normalzustand

Die – auf den ersten Blick – schlechte Nachricht lautet: Wer das gesamte Potenzial nutzen will, muss auch den gesamten Menschen in Kauf nehmen. Bedeutet das nun explodierende Zornigel, wimmernde Trauerklöße und schlotternde Angsthasen auf den Fluren? Nicht, wenn Menschen begreifen, welche Qualitäten in ihren Emotionen stecken und erleben, dass sie sie nutzen dürfen und sollen.

Der Ist-Zustand lässt sich so beschreiben: Menschen arbeiten, erledigen ihre Aufgaben und verstellen sich dabei. Aus Angst, die Harmonie zu stören oder als schwach entlarvt zu werden. Das wird so lange so bleiben, wie Menschen nur zwei Wege im Umgang mit ihren Gefühlen kennen: verdrängen oder unverantwortlich damit umgehen. Das geschieht in Unternehmen täglich und gilt als normal: Mitarbeiter beschuldigen sich oder ihre Vorgesetzten (in deren Abwesenheit natürlich), sie rechtfertigen sich, jammern oder grollen, beharren darauf, Recht zu haben, und machen das, was ihr unterdrücktes Potenzial erlaubt: Dienst nach Vorschrift.

Ungenutztes Potenzial freilegen

Wenn Menschen lernen, ihre Emotionalität differenziert wahrzunehmen und verantwortlich zu nutzen, geschieht Erstaunliches: Mitarbeiter nutzen ihren Ärger, um Grenzen zu setzen, sie verhindern Mobbing, sagen klar ja oder nein, treffen Entscheidungen und werden zuverlässig. Mitarbeiter, die ihre Angst als solche akzeptieren und nutzen, werden achtsam, bereiten sich auf Herausforderungen vor, sind bereit, neue Wege zu denken und zu gehen, werden spontan und kreativ.

Menschen, die sich selbst erlauben zu fühlen, was sie fühlen, erschaffen etwas, von dem Unternehmer und Personaler gerne reden, aber oft nicht wissen, wie es zu realisieren ist: Gemeinschaft. Das ist mehr als die meisten Menschen unter dem Begriff Team verstehen. Eine Gruppe von Menschen, die sich unverstellt zeigen – so, wie sie sind. Den entscheidenden Unterschied macht dabei interessanterweise das ungeliebte Gefühl Trauer.

Wie schlagkräftige Teams entstehen

Wann immer ich mit Gruppen arbeite, fasziniert mich ein Phänomen am meisten: In dem Moment, in dem sich ein Teilnehmer erlaubt, über seine Trauer zu sprechen, rücken selbst Teammitglieder, die seit vielen Jahren zusammenarbeiten, noch näher zusammen. Empathie ermöglicht Nähe. Daraus entsteht kein Streichelzoo, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die ihre Energie nicht darauf verschwenden, sich und anderen etwas vorzumachen. Sie verwenden sie lieber darauf, gemeinsame Ziele zu erreichen.

Menschen sind nicht alle gleich, kein Widerspruch. Manche ärgern sich schneller, andere haben mehr Angst, wieder andere sind schneller traurig. Eines aber eint sie: Sie fühlen – früher später – jedes dieser Gefühle. Daraus ergibt sich ein unglaublich breites Spektrum an Möglichkeiten. Je emotional bunter so eine unverstellte Belegschaft ist, desto schneller stellt sich einem Unternehmen diese Bandbreite der Möglichkeiten zur Verfügung: Mut, Achtsamkeit, Flexibilität, Entschlossenheit, Spontaneität, Verlässlichkeit. Das ist der Soll-Zustand.

Wo bleibt bei all der Emotionalität die Freude?

Wo bleibt bei all der Emotionalität die Freude? Nicht zuletzt die Freude an der Arbeit? Ich verspreche: Die kommt dabei nicht zu kurz. Schließlich ist es von den eingangs erwähnten vier Gefühlen das einzige, das alle haben wollen. Meist ist es auch das einzige, das Menschen als positiv bewerten. Im Unterschied zu Trauer, Ärger und Angst. Die Einteilung in positiv und negativ ist Teil des Problems: Menschen verstellen sich, weil sie die vermeintlich negativen Gefühle nicht in ihrem Leben haben wollen.

Das ist zwar verständlich und nachvollziehbar, aber nicht hilfreich. Denn Menschen, die ihre Gefühle nicht nutzen, können auch die damit verbundenen Qualitäten nicht nutzen: Sie können sich nicht abgrenzen, nicht nein sagen, tun sich schwer damit, Entscheidungen zu fällen, sind leichtsinnig, scheuen Veränderungen und Herausforderungen und empfinden kein Mitgefühl. Sie wollen stattdessen viel lieber Freude empfinden und wundern sich, dass sie ausbleibt. Irgendwann finden sie sich damit ab und wollen nur noch in Ruhe gelassen werden. Aus Nicht-Akzeptanz kann keine Freude entstehen.

Alle wollen Akzeptanz

Ich kenne Unternehmen, Teams und Menschen, die sich von diesem Irrweg verabschiedet haben. Sie akzeptieren, dass das Arbeitsleben mehr bietet als Dienst nach Vorschrift und Resignation im grauen Alltag. Menschen, die sich erlauben, ihr gesamtes Potenzial zu leben, sind hoch ansteckend. Sie geben den Menschen um sich herum die Erlaubnis, sich selbst wahrhaftig zu zeigen.

Auf diese Weise verwandeln sie ihre Umgebung in einen Ort, der Menschen etwas bietet, was alle wollen: Akzeptanz. Menschen fühlen sich dort emotional zu Hause. Dort dürfen sie sein, wie sie sind. Und nichts an Menschen ist so wahrhaftig und individuell wie ihre Gefühle. Menschen, die das erfahren, können nicht anders, als ihr volles Potenzial zur Entfaltung zu bringen. Gleichzeitig sind sie so in der Lage, dem allgegenwärtigen Trend zur stetigen Verdichtung verantwortlich zu begegnen: Mit dem nötigen Bewusstsein und der Verantwortlichkeit für die eigenen Stärken und ihre Grenzen.

Dazu im Management-Handbuch

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