AutomobilbrancheWachstumslokomotive Deutschland

Im globalen Wettbewerb hat Deutschlands Autoindustrie weiterhin sehr gute Karten. Vor allem im Premium-Segment macht den Autobauern keiner so schnell etwas vor. Hier liegen die Absatzpotenziale in den aufstrebenden Staaten Indien und China.

Deutschland ist für den sich weiter intensivierenden Wettbewerb in der globalen Automobilbranche gut gerüstet – vor allem dank der Stärke der deutschen Hersteller im Premiumsegment. Während die übrigen europäischen Automobilstandorte in den letzten Jahren an Bedeutung verloren haben und weiter verlieren werden, kann Deutschland auch in Zukunft seine Bedeutung als Top-Standort behaupten. Das sind Ergebnisse einer Analyse des Prüfungs- und Beratungsunternehmens Ernst & Young.

Während die Pkw-Produktion in Westeuropa in den vergangenen fünf Jahren stetig um fünf Prozent sinkt, ist die Zahl der in Deutschland produzierten Pkw um sechs Prozent auf aktuell 5,6 Millionen gestiegen. Besonders negativ betroffen sind die Automobilstandorte Frankreich und Italien mit minus 20 beziehungsweise minus 30 Prozent. Zu einem erheblichen Rückgang um 23 Prozent kam es auch in den USA. Peter Fuß, Partner bei Ernst & Young und Leiter des Bereichs Automotive, erläutert:

„Hauptgründe für die Einbußen der westeuropäischen Länder ist der Aufbau erheblicher Kapazitäten in Osteuropa – vor allem im Volumensegment –, die zu Lasten der Produktion in Westeuropa erfolgten. Die relativ schwache Nachfrage auf den westeuropäischen Märkten spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Deutschland konnte sich dem Negativtrend in Westeuropa entziehen und als einziger westeuropäischer Standort die Produktion steigern. Das ist angesichts des enormen Kostendrucks in der Branche und der erheblichen Konkurrenz durch Niedriglohnstandorte ein bemerkenswerter Erfolg.“

Deutschland top im Premium-Segment

In Osteuropa, einschließlich Russland und Türkei, hat sich die Zahl der produzierten Pkw seit 2002 auf aktuell 5,1 Millionen verdoppelt. Das Wachstum wird sich in Osteuropa in den kommenden fünf Jahren allerdings abschwächen und die Zahl der produzierten Pkw um „nur noch“ 26 Prozent steigen. In Westeuropa ist ein Wachstum um sechs Prozent zu erwarten, wobei Deutschland mit einem prognostizierten Zuwachs von neun Prozent die Rolle des Wachstumsmotors innehat.

Angesichts der dauerhaften Schwäche der meisten anderen westeuropäischen Standorte steigt die Bedeutung des Automobilstandorts Deutschland innerhalb Westeuropas stetig. Bereits in den vergangenen fünf Jahren ist der Anteil Deutschlands an den insgesamt in Westeuropa produzierten Pkw von 35 Prozent im Jahr 2002 auf aktuell 40 Prozent gestiegen, in den kommenden fünf Jahren wird er voraussichtlich weiter auf 41 Prozent steigen. Fuß folgert:

„Ohne den starken Standort Deutschland und einiger hervorragend aufgestellter Hersteller und Zulieferer würde dem Automobilstandort Westeuropa mittelfristig die Marginalisierung drohen.“

Deutschland konnte und kann sich dem Negativtrend Westeuropas entziehen, weil der Anteil der Premiumprodukte relativ hoch ist. Nach Angaben des Branchenverbands VDA ist heute jedes zweite in Deutschland gefertigte Auto ein Premium-Automobil, vor zehn Jahren waren es erst 37 Prozent. Während die Produktionsmenge im Volumenmarkt gleichgeblieben ist, ist sie bei Premium-Automobilen um 72 Prozent gestiegen – der Umsatz mit dieser Fahrzeugklasse hat sich sogar verdoppelt. Diese Entwicklung wird sich – so ist zu erwarten – in den kommenden Jahren fortsetzen. Die Stärken Deutschlands lägen im Bereich innovativer, zukunftsweisender Produkte. Die besonders lohnintensiven Bereiche – Teilefertigung und Endmontage – bei denen eher die Arbeitskosten als die Qualifikation der Beschäftigten ins Gewicht fallen, würden hingegen künftig in Deutschland eine geringere Rolle spielen, so das Fazit der Autoren.

Produktionsstätten im Ausland, Forschung und Entwicklung daheim

Die Chancen, dass Deutschland im Premium-Segment weiterhin den Ton angibt, stünden gut. Zwar könne man nicht billiger sein als China, aber besser. Der Grund: In Deutschland besteht ein historisch gewachsener Verbund von Forschung und Fertigung – ein Netz aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen, Herstellern und Zulieferern, dessen Breite und Tiefe weltweit einmalig ist. Peter Fuß weiter:

„Erst der intensive Austausch und die Kooperation innerhalb dieses Technologie- und Fertigungsverbunds stellen sicher, dass zum einen noch kein wesentlicher Mangel an qualifizierten Nachwuchskräften besteht und die Ausbildung auch den Erfordernissen der Praxis entspricht und zum anderen der Vorsprung Deutschlands bei Forschungs-, Technologie- und Fertigungs-Know-how bestehen bleibt.“

Die deutsche Automobilindustrie – ob Zulieferer oder Hersteller – investiert bereits seit Jahren erheblich in den Aufbau von Produktionsstätten im Ausland und wird dies weiter tun. Dennoch ist die Zahl der Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie in den vergangenen Jahren nicht gesunken. Im Gegenteil: Im Jahr 1996 beschäftigte die deutsche Automobilindustrie insgesamt 361.000 Personen. Bis zum vergangenen Jahr ist diese Zahl auf 392.000 Beschäftigte angewachsen. Die Zahl der in Deutschland produzierten Fahrzeuge ist in den vergangenen zehn Jahren um 19 Prozent gestiegen. Allerdings stieg die Produktion deutscher Hersteller im Ausland erheblich stärker als im Inland – um 95 Prozent seit 1996.

Mit dem wachsenden Wohlstand in China, Indien und Russland gibt es in diesen Ländern immer mehr Menschen, die sich Premiumprodukte leisten können und wollen. Gerade für die auch international hervorrangend aufgestellten deutschen Automarken bieten diese Märkte ein erhebliches Potenzial. Zwar würde die Produktion der in den Schwellenländern verkauften Fahrzeuge verstärkt vor Ort geschehen – dennoch profitiere der Standort Deutschland, denn Forschung und Entwicklung würden weiterhin in erster Linie in Deutschland stattfinden.

[Ernst & Young/dw, Bilder: pixelio]

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