Betriebliche WeiterbildungDem Webinar gehört die Zukunft

Webinare erobern die Bildungslandschaft. Der Grund: Sie ermöglichen zeitversetztes Lernen, eine höhere Konzentration und so mehr Lernerfolg.

Die Informations- und Kommunikationstechnologie ist die technologische Grundlage dessen, was wir das digitale Zeitalter nennen und der maßgebliche Treiber des Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft. Das Internet spielt die Hauptrolle im Prozess der globalen Digitalisierung und das Wachstum der Internet-Gemeinde hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Bis etwa 2020 werden 95 Prozent der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands das Internet aktiv und regelmäßig nutzen, wird die kompetente Nutzung des Internets für mindestens 75 Prozent der Berufstätigen eine Schlüsselqualifikation für den Arbeitsalltag sein.

Während der Dauer seines Lebenszyklus entwickelt sich das Internet als dynamisches System ständig. Das Internet 1.0 war monologisch und wurde weitestgehend durch das dialogische Mitmach-Internet 2.0 ersetzt. Bis etwa 2020 wird es das semantische Web 3.0 mit der Möglichkeit geben, die codebasierte Softwaresprache mit der menschlichen Sprache zu verbinden.

Vom Web-Based-Training zum Webinar

Web 1.0 bot die Grundlage für das, was man bisher als Web-Based-Training (WBT) bezeichnete. Bei WBT wurde der Lernstoff per E-Mail oder als Videoaufzeichnung transportiert. Man konnte sich zu beliebigen Zeiten in ein Lehrprogramm einschalten, studierte Texte, beantwortete Fragen und wurde gegebenenfalls benotet. Es war technisch noch nicht möglich, lebendige Bilder zu zeigen oder mit der Teilnehmergruppe zu kommunizieren. Kommunikation im Sinne von Rückfragen war nur zeitversetzt per E-Mail möglich und beschränkte sich auf den Austausch zwischen Lehrer und Lernendem.

Soweit E-Learning zeitlich synchron stattfand, beschränkte es sich auf wenige Personen und textbasierte Informationen. Mehr war technologisch noch nicht möglich. Die Mängel dieser Eins-zu-eins-Kommunikation versuchte man mit zeitweiligem Präsenzlernen auszugleichen. Hierfür bürgerte sich der Begriff Blended-Learning ein, ähnlich dem Mix verschiedener Whiskysorten.

Web 2.0 bietet die technologische Grundlage für eine neue Lehrform, die sich unter der Bezeichnung Webinar mehr und mehr anschickt, die Bildungslandschaft – hier vor allem die Weiterbildung – zu erobern. Der Begriff Webinar ist eine Wortschöpfung aus Web und Seminar. Synonym werden Begriffe wie Live-Webcast oder Online-Seminar benutzt. Bei dieser Seminarform werden Inhalte über das World Wide Web transportiert. Große Weiterbildungsanbieter und große Unternehmen lassen Teile ihrer Weiterbildung als Webinar über den PC oder das Tablet laufen. Aber Webinar-Software wird auch eingesetzt, um Projektmeetings, Pressekonferenzen, Produktpräsentationen und Beratungen durchzuführen.

Ein Webinar findet live, gemeinschaftlich und interaktiv zu einem festgelegten Zeitpunkt statt. Die Teilnehmer sitzen an verschiedenen Orten an ihrem IT-Endgerät und können sich per Internet-Telefonie (Voice over IP) unterhalten. Zu diesem Zweck muss der Teilnehmer ein Mikrofon oder ein Headset an seinen Computer anschließen. Ein Webinar-Moderator oder der Webinar-Dozent steuert die Webinar-Veranstaltung.

Vor- und Nachteile von Webinaren

Im Zeitalter des Rotstifts bieten sich Webinare als kostengünstige Alternative zum traditionellen Präsenzseminar an. Die hohen Kosten für die An- und Abreise der Teilnehmer und gegebenenfalls Hotelunterbringung nebst Verpflegung entfallen, und die Abwesenheit von der Arbeit verteilt sich auf mehrere Einzelstunden, nicht aber auf volle Seminartage. Ein Webinar kann bei Bedarf schnell realisiert werden, während ein Seminar in der Regel einen längeren Planungsvorlauf bei Teilnehmern und Veranstaltern erfordert.

Im Gegensatz zum traditionellen Tagesseminar, das in starr vorgegebener Reihenfolge am Stück durchgezogen wird, werden im Webinar kompakte Trainings- oder Unterrichtsthemen in mehrere zeitversetzte „Lehrhäppchen“ verpackt. Das garantiert eine höhere Konzentration als bei einer „Nine-to-Five-Lehrveranstaltung“ und damit einen höheren Lernerfolg. Dazu trägt auch die portionsweise Verabreichung des Lehrstoffs bei, während in Ein- oder Zweitagesseminaren die Teilnehmer oft regelrecht mit Inhalten vollgestopft werden und nur selten die Möglichkeit der Rückkoppelung zum Trainer besteht.

Für übungsintensive Lehrmaßnahmen ist das Webinar weniger geeignet. Rollenspiele zu Themen wie Verkaufsgespräch, Konfliktlösung oder auch Gruppenarbeiten sind über das Internet nicht möglich. Der große Themenkomplex der Kommunikation, zum Beispiel Rhetorik, Mitarbeiterführung, Teamwork oder Verkauf, setzt auch weiterhin Trainingsübungen und persönliche Kommunikation voraus, es sei denn, man beschränkt sich auf die kognitive Verabreichung von Wissen. Letztendlich ist das eine Frage der Lernziele.

Die meisten Webinare sind gegenwärtig noch Power-Point-Präsentationen. Das ergibt sich auch aus der Bildschirmarchitektur, bei der der „Webinario“ in einem kleinen Fenster auf dem Bildschirm erscheint, während der Chart beziehungsweise die Folie großflächig abgebildet wird.

Mix von Seminar und Webinar

Aufgrund der benannten Probleme empfiehlt es sich, vor allem solche Webinare, die auf einen Abschluss hinführen, mit dem klassischen Präsenzlernen zu kombinieren, so wie es schon vor einigen Jahren beim WBT praktiziert wurde. Man kann davon ausgehen, dass das Webinar in den meisten Fällen die herkömmlichen Weiterbildungsformen nicht vollständig ersetzt, sondern ergänzt. Lernen als „sozialer Prozess“ benötigt soziale Einbettungen. Darum wird die Aneignung von Wissen nie alleine zwischen Mensch und Computer stattfinden, sondern immer im Zusammenspiel mit Anderen. Selbstgesteuerte Lernprozesse wie WBT und Webinar lassen Trainer und Lehrer keinesfalls überflüssig werden. Es geht vielmehr um integrierte Lernkonzepte, welche die heute verfügbaren Möglichkeiten der Vernetzung über Internet oder Intranet mit den klassischen Lernmethoden und -medien in einem Lernarrangement nutzen.

Dieser Mix stellt neue und höhere Anforderungen an den Trainer. Im Webinarteil ist er zu einer zeitlich und inhaltlich strukturierten Vorgehensweise gezwungen. Der Inhalt bekommt ein stärkeres Gewicht. Inhaltsleeres Herummoderieren und Befindlichkeitsabfragen sind hier fehl am Platze, Selbstdarstellung gar fast unmöglich.

Wer schon einmal an einer Telefonkonferenz teilnahm, weiß, wie schwierig es ist, ein halbes Dutzend Teilnehmer unter einen Hut zu bringen. Darum ist es in den meisten Webinaren nicht möglich, sich als Teilnehmer mündlich einzubringen. Es wird in der Regel schriftlich diskutiert. Nur der Präsentator spricht und beantwortet die schriftlich gestellten Fragen mündlich. Hierbei ist immer wieder zu beobachten, wie viel Mühe es ihm bereitet, sich gleichzeitig auf die Präsentation zu konzentrieren und gleichzeitig das Feld mit den Teilnehmerfragen im Blick zu behalten.

Webinar-Software als Open-Source-Angebot

Das Angebot an Software und Lehrstoff ist groß, genaue Daten fehlen. Man kann von rund 300 Lernplattformen ausgehen, womit aber nicht nur Webinare gemeint sind, sondern alle Formen web-basierter Lernumgebungen. Davon entfällt gut ein Drittel auf Open-Source-Systeme. Dieter Hohl, Präsident der Internationalen Qualitätsgemeinschaft von Trainern und Beratern (Q-Pool 100 e.V.), berichtet, dass das Thema Webinar bei seinen Mitgliedern ganz oben auf der Tagesordnung stehe. Wer hier zu spät komme, den bestrafe der Markt.

Viele Webinar-Anbieter beschränken sich darauf, einen virtuellen Klassenraum zur Verfügung zu stellen, der von einem Veranstalter gemietet werden kann. Die Preise bewegen sich je nach Funktionsumfang und maximaler Teilnehmerzahl zwischen 40 bis 100 Euro monatlich. Wer diese Kosten vermeiden möchte, kann auf ein entsprechend großes Angebot an Open-Source-Software zurückgreifen wie beispielsweise RPI-Virtuell, Stud.IP, oder OpenMeetings. Wer keine großen Ansprüche stellt, dem reicht gegebenenfalls Skype, Google-Hangouts oder Sifonr. Viele Webinarveranstaltungen sind intranetbasiert, finden also innerhalb geschlossener Räume statt. Das ist bei großen Unternehmen, Organisationen oder auch Hochschulen der Fall.

Das Cyberspace wird zum Hörsaal

Die Zukunft von Webinaren ergibt sich aus der allgemeinen Entwicklung der Informations- und Telekommunikationstechnologie. Infolge des Fortschrittsprozesses hin zum Web 3.0 hat sich auch die Telearbeit von der bloßen Dateneingabe hin zur IT-basierten Überall- und Jederzeitarbeit entwickelt. Als Folge der Verschmelzung von Arbeit und Lernen hat E-Learning eine ähnlich gute Zukunft wie „E-Work“: Arbeit ist überall dort möglich, wo es Internet gibt. Das Gleiche gilt fürs Lernen.

Der Übergang von der Industriegesellschaft in die wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft setzt adäquate Qualifikationen voraus. Wissenswert tritt an die Stelle von Arbeitswert. Die unumgängliche Intellektualisierung der Wissensgesellschaft erfordert weiteren Input, wofür Akademien, Volkshochschulangebote und betriebliche Weiterbildungsangebote nicht mehr ausreichen. E-Learning bietet eine ergänzende Plattform, um den Wissensbedarf unserer Gesellschaft zu befriedigen. Es ermöglicht, den Lernprozess den persönlichen Anforderungen und Umständen anzupassen. Auch der Landwirt in der Uckermark kann sich jetzt an einer „Online-Universität“ immatrikulieren lassen, ohne lange Anfahrtswege in Kauf nehmen zu müssen. Das Cyberspace ist der Hörsaal.

In der zukünftigen Arbeitswelt sind solche Mitarbeiter tätig, die sich eigenständig in virtuellen Arbeits- und Netzwelten bewegen und orientieren, denn Online-Business und Online-Arbeiten verschmelzen immer mehr. In dem Maße, wie sich die Online-Kompetenz zu einer Schlüsselqualifikation in der Berufswelt entwickelt und viele Menschen nicht mehr mit dem Netz, sondern im Netz leben, steigt auch die Akzeptanz von E-Learning. Für die Facebook-Generation ist das Internet keine externe Erweiterung der Wirklichkeit, sondern Teil von ihr. Das alles begünstigt die weitere Entwicklung von Webinaren, zumal auch die Bedienerführung und Lernfreundlichkeit der Software zunehmend verbessert wird.

Webinare werden, so die Prognose, eine größere Resonanz finden als WBT oder Computer-Based-Trainings (CBT). Zudem werden sich weitere Internet-Plattformen für Bildung und Weiterbildung etablieren. Dafür sorgt nicht zuletzt das Kostenargument, das, wie so oft, das Qualitätsargument schlägt.

Dazu im Management-Handbuch

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