BionikUnternehmen lernen von der Natur

Bionik überträgt Wissen aus der Natur auf technische Produkte. Mit diesem Wissen lassen sich auch Krisen überwinden.

Seit Millionen von Jahren gelangt die Natur zu immer neuen Problemlösungen, indem sie sich permanent veränderten Rahmenbedingungen anpasst. Diese Evolutionsprozesse sind für Wissenschaftler und Ingenieure gleichermaßen nicht immer leicht zu durchschauen und stellen sie vor große Herausforderungen. Beispiele:

  • Robuste Materialverbünde
  • Raffinierte Mobilitätsmechanismen
  • Funktionale Bau- und Wohnweisen
  • Perfektionierte Informations- und Kommunikationssysteme
  • Hochempfindliche Wahrnehmungssensoren

Nach einer Definition des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) werden unter Bionik Ansätze in Forschung und Entwicklung verstanden, die ein technisches Erkenntnisinteresse verfolgen und auf der Suche nach Problemlösungen, Erfindungen und Innovationen Wissen aus der Beobachtung und Analyse lebender Systeme heranziehen und dieses Wissen auf technische Systeme übertragen. Die klassische Bionik befasst sich mit Anwendungen in den Bereichen Bau und Klimatisierung, Konstruktionen und Geräte, Formgestaltung und Design, Verfahren und Abläufe oder Materialien und Strukturen.

Auch das Management kann von der Natur lernen

Viele Unternehmen suchen gerade nach überstandenen Krisen nach Produkt-Innovationen. Ob die Haifischhaut bei Schwimmanzügen, der Lotus-Effekt bei Fassadenfarben, die Reißfestigkeit von Spinnenfäden oder die Selbstheilungsfähigkeiten von Materialien – nicht mehr nur die großen Konzerne, sondern auch immer mehr Mittelständler setzen auf Bionik als Zugpferd. In der Regel betrifft das technische Eigenschaften von Produkten. Wie sieht es aber beim Management, bei konkreten Prozessabläufen oder bei der Kommunikation in Unternehmen aus? Kann die Natur auch hier als Vorbild dienen?

Vertreter der sogenannten evolutionären Ökonomik sagen ja. Sie verweisen auf Situationen, die sich nahezu deckungsgleich von der Natur auf die Wirtschaft übertragen ließen. Beispiel Ameisen: Sie finden deshalb den Weg zur Futterquelle so schnell, weil andere Ameisen, die bereits dorthin gelangt sind, Duftstoffe zurücklassen. An diesen können sich nachfolgende Ameisen orientieren. Ein Prozess, den sich mittlerweile Logistikunternehmen zu Nutze machen und die effizienten Transportwege mittels Computer-Algorithmen nachahmen. Das Ziel: Die Optimierung von Lkw-Routen und damit die Einsparung von Zeit, Geld sowie eine Minimierung von CO2-Emissionen.

Lehren aus der Natur für Unternehmen

Die Wirtschaftsbioniker haben aber auch die Kommunikation staatenbildender Insekten im Blick. Wie schaffen es Millionen von Ameisen die Zusammenarbeit im Hügel effizient zu organisieren und Problemstellungen wie Nestbau oder auch Futternachschub zu organisieren? Die Antwort: nur im Team. Die abgeleiteten Fragen für Unternehmen lauten daher:

  • Wie kann die kollektive Intelligenz der Mitarbeiter genutzt werden?
  • Wie lässt sich möglichst effizient kommunizieren, ohne Informationen fehlzuleiten?

Impulse, die Wirtschaftsbioniker aus der Natur ziehen, lassen sich in drei Kategorien einteilen:

Innovation:

Die Natur bringt viele Innovationen in Form von Mutationen rein zufällig hervor, zunächst ohne konkrete Funktion. Die Lehre für Unternehmen: Nicht permanent neue Entwicklungen vorantreiben, sondern auch Altbewährtes überprüfen.

Evolution:

Die Natur wandelt sich im darwinistischen Sinn durch Mutation und Selektion ständig, passt sich also den gegebenen Umständen an und optimiert Prozesse und Strukturen. Die Frage für Unternehmen: Wie lässt sich dies ins praktische Management überführen?

Schwarmintelligenz:

Komplexe Problemstellungen werden durch die Interaktion Vieler gelöst. Die Lehre für Unternehmen: Wenn viele Mitarbeiter eine neue Idee als verfolgenswert erachten und bereits sind, für deren Umsetzung Zeit zu investieren, muss an der Idee etwas Gutes dran sein.

Mit Bionik den Crash verhindern?

Die Anhänger der evolutionären Ökonomik sind vor allem von den Vorzügen ihrer Disziplin überzeugt, wenn es um das Verhindern und das Meistern künftiger Wirtschafts- und damit auch Unternehmenskrisen geht. Fredmund Malik, Unternehmensberater und Pionier der Wirtschaftsbionik, sagt in einem Beitrag für ZEIT-Online: „Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Unternehmen keine berechenbaren Maschinen sind, sondern dynamische, komplexe Organisationen. Man kann die Zukunft nicht mit Computern berechnen.“ Viele Manager meinten jedoch, das Handeln von Menschen genau vorhersagen zu können. Doch wie die Evolution ein ständiges Auf und Ab sei, wechselten sich auch im Unternehmen Phasen des Auf- und Abschwungs ab. Unternehmen sollten das verinnerlichen.

Zu einer ähnlichen Einschätzung gelangt auch Guido Bünstorf, Professor für Allgemeine Wirtschaftspolitik an der Universität Kassel. Die moderne Wirtschaft sei zu komplex für traditionelle Ökonomie-Modelle. Dem Magazin „Focus“ sagt er: „Früher ist man von Gleichgewichten ausgegangen, etwa von Nachfrage und Angebot. Das reicht, um die Chancen eines Döner-Standes in Berlin-Mitte abzuschätzen. Das Modell eignet sich aber nicht mehr, um etwa den Markt der Solarzellenhersteller in allen Facetten zu analysieren.“ Diese Komplexität erzeuge Krisen. Krisen, die sich gemäß der Wirtschaftsbionik nur mit evolutionären Konzepten vermeiden ließen. Allein der Blick auf innovative Produkte reiche nicht mehr aus, um Unternehmen erfolgreich zu machen. Vielmehr sei eine integrierte Betrachtungsweise angebracht.

Natürliche Strategien zur Krisenüberwindung

Aber wie können Unternehmen eigentlich Krisen überwinden, wenn sie sich an den Gegebenheiten der Natur orientieren? Die Biologin und Trainerin Gudrun Happich hat dafür sechs konkrete Strategien entdeckt, mit denen die Natur Krisen meistert. Auf ZEIT-Online lesen sie sich wie folgt:

Mit Krisen rechnen

Krisen sind in der Natur nichts Außergewöhnliches. Pflanzen und Tiere rechnen immer mit Schwierigkeiten und sind daher auf Krisen gut vorbereitet und können schnell reagieren.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Installation eines entsprechenden Frühwarnsystems.

Langfristig denken

Ist das kurzfristige Überleben erst einmal gesichert, zielt jeder Organismus auf langfristiges Wachstum ab.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Ein Denken in Quartalszahlen ist nicht zielführend. Geboten ist eine Unternehmensstrategie, die auf den Erhalt der Generationen abzielt.

An Veränderungen anpassen

Um nachhaltig zu wachsen, passen sich Organismen kontinuierlich an veränderte Rahmenbedingungen an und nicht erst dann, wenn sie bedrohlich werden.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Ein Umschwenken auf andere Geschäftsmodelle kann überlebenswichtig werden.

Stärken und Besonderheiten ausbauen

Um sich anzupassen, besinnen sich Organismen auf ihre eigenen Stärken. Sie gleichen sich nicht anderen Arten an, sondern suchen spezifische Lösungen.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Nicht nur der Konkurrenz nacheifern, sondern eigene Problemlösungen entwickeln.

Gemeinsam reagieren

Pflanzen helfen sich bei Veränderungen gegenseitig. Jede Pflanze übernimmt die Aufgabe, die sie am besten versteht.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Die Abteilungen sollten miteinander, nicht gegeneinander arbeiten, ebenso die einzelnen Mitarbeiter.

Steuerungsmechanismen etablieren

Insekten beispielsweise etablieren Steuerungsmechanismen, die bei Veränderungen oder Krisen von selbst greifen.

Schlussfolgerung für Unternehmen: Entsprechende Mechanismen einführen, die bei einer drohenden Wirtschaftskrise greifen.

Die Natur ist nicht per se besser

Doch wie sollen sich Unternehmen auf mögliche Krisen einstellen, wenn sie selbst noch nie von einer betroffen waren – aus Krisensituationen also nicht lernen konnten? Diese Frage stellen sich auch Verhaltensbiologen. Wer sich in Krisen optimal verhalten will, muss das irgendwie erlernt haben, denn nicht jedes Lebewesen verhält sich per se richtig. Krisen müssen, um angemessen darauf reagieren zu können, zum eigenen Erfahrungsschatz gehören.

Auch Guido Bünstorf ist grundsätzlich der Ansicht, dass die Natur nicht per se besser ist oder gerechter wirtschaftet. Evolutionäre Prozesse in der Natur und der Wirtschaft würden jeweils eigenen Regeln folgen. Es mache keinen Sinn, die gesamte Betriebswirtschaft in die biologische Begriffswelt zu pressen. Viel wichtiger sei es, so der Wissenschaftler gegenüber dem „Focus“, die gegenseitige Beeinflussung der Menschen in ihrem Verhalten zu verstehen: „Es ist doch rätselhaft, dass wir wie Herdentiere handeln (…). Diese Massenphänomene wollen wir besser verstehen. Anscheinend trübt das Mitlaufen in der Menge den Blick für Risiken.“

Richtige Krisenintervention

In einer Studie mit dem Titel „Organisation 2015“ fand die Boston Consulting Group mittels einer Umfrage unter mehr als 1.000 Führungskräften und Organisationsspezialisten heraus, dass Unternehmen einer Krise nur mit Einsparungen, Restrukturierungen und optimierten Prozessen nicht begegnen können. Gefragt seien vielmehr weiche Management-Kompetenzen wie Führung und Mitarbeiter, Kooperation und Veränderungskompetenz.

Experten-Interview zum Thema mit Klaus-Stephan Otto

Klaus-Stephan Otto, Geschäftsführer der Evoco GmbH, hat den Ansatz des Evolutionsmanagements maßgeblich entwickelt.

Herr Otto, in jeder Krise steckt auch gleichzeitig eine Chance. Braucht es für diese alte Weisheit unbedingt die Natur als Vorbild?

Natürlich ist diese Weisheit nicht neu, doch die Natur hat die meisten Erfahrungen damit, in Millionen von Jahren eine ungeheure Komplexität entwickelt zu haben. Dabei spielten auch immer Krisen eine Rolle. Nehmen Sie nur die vielen Meeresgattungen: Hier gab es immer hohe Aussterberaten, danach Evolutionsprozesse. Ein ständiges Auf und Ab, ähnlich wie in der Konjunktur.

Verhaltensbiologisch gesehen kann nur derjenige in einer Krise optimal reagieren, der Erfahrung damit hat. Wie passt das auf Unternehmen, die noch nie in einer Krisensituationen steckten?

Unternehmen bestehen aus Menschen, und die machen immer Krisen durch. Es gibt kaum ein Unternehmen, das ohne Krisen auskommt. In Krisen entwickeln sich die Unternehmen weiter, werden flexibler und reifer. Dies gilt übrigens auch für Produkte. Nehmen Sie zum Beispiel das iPhone von Apple. Das wurde erst dann entwickelt, als sich das Apple-PDA „Newton“ nicht am Markt durchsetzte und floppte. Das iPhone ist sozusagen ein Kind der Krise. Apple hat vom Scheitern seines PDA gelernt.

Fredmund Malik sagte einmal, dass Unternehmen keine berechenbaren Maschinen, sondern komplexe und dynamische Organismen sind. Das Verhalten der Menschen darin sei nicht vorher- oder berechenbar. Lernen Unternehmen Ihrer Ansicht nach genug aus Krisen?

Nach Krisen müssen Unternehmen zwangläufig lernen, doch das Wesentliche, das Vorbereitetsein auf Dinge, die nicht vorhersehbar sind, findet oft noch nicht statt. Unternehmen müssen künftig in der Lage sein, Chancen und Risiken flexibel zu nutzen und zu bewältigen. Ein Beispiel der unflexiblen Art ist Toyota. Die standardisierten Produktionsprozesse sind nur bedingt in der Lage, Unvorhergesehenes zu bewältigen. Auch wenn das Unternehmen dafür weltweit immer gelobt wird.

Aber wie kann man sich denn auf Dinge vorbereiten, die gar nicht vorhersehbar sind?

Untersuchungen zeigen, dass sich langlebige Unternehmen durch eine große Flexibilität auszeichnen. Diejenigen, die etwa eine konservative Finanzpolitik betreiben und nicht allzu hohe Risiken eingehen, haben länger überlebt als solche, die permanent am Limit wirtschaften. Letztlich geht es darum, ein Unternehmen so robust zu gestalten, dass es Krisen widerstehen kann. Hier lässt sich sehr Vieles von der Natur lernen.

Das erinnert irgendwie an die Methode „Management by options“: In einer Welt voller schnelllebiger Veränderungen ist nichts planbar, Zielsetzungen werden obsolet. Besser ist es, Chancen aufzuspüren und im geeigneten Moment zuzuschlagen. Stimmen Sie dem zu?

Ja, auf der einen Seite ist traditionelle Unternehmensplanung darauf ausgerichtet, Ziele zu erreichen. Wir sagen: Unternehmen müssen sich Zielkorridore schaffen, um Chancen wahrnehmen zu können. So sind zum Beispiel neue Technologien oft schon lange vorhersehbar. Ist die Zeit reif, muss man auf die jeweiligen Trends aufspringen. Hier bin ich wieder bei Toyota: Das Unternehmen hat konsequent auf Hybridtechnik gesetzt und damit Erfolg gehabt, während Audi hingegen zwar das erste Serienhybrid-Fahrzeug hatte, die Produktion aber dann wieder einstellte, dadurch den Trend verschlief. Die Lehren daraus: Unternehmen müssen lernen, kurzfristige Optionen zu ergreifen und langfristige Trends zu erkennen und auch zu verfolgen.

Es gibt auch Experten, die bezeichnen die Vorstellung, die Natur würde per se besser oder gerechter wirtschaften, als romantisch. Was sagen Sie dazu?

Die Natur ist nicht per se besser oder gerechter. Sie ist aber nachhaltiger und birgt Milliarden von Ideen und Innovationen, von denen wir lernen können. Wir verklären die Prinzipien der Natur nicht, sondern erkennen an, dass sie keine vorgefertigten Rezepte hat. Stattdessen ist sie unheimlich flexibel, was Problemlösungen anbelangt. Daraus können und sollten Unternehmen lernen.

Setzt dies aber nicht eine enorme Flexibilität bei den Menschen voraus, die im Unternehmen arbeiten?

Natürlich, das ist eine ungemeine Herausforderung und nicht einfach zu meistern. In meiner 30-jährigen Beratertätigkeit habe ich aber festgestellt, dass es hierzulande eine große Steigerung der Flexibilität der Produktionsweisen gegeben hat. Das kann nur durch flexible Mitarbeiter geschehen sein und so wird es auch in Zukunft sein. Mitarbeiter müssen also flexibel sein, brauchen dabei aber auch Unterstützung.

Wie muss das Krisenmanagement der Unternehmen in Zukunft Ihrer Ansicht nach aussehen?

Es muss ein Risikomanagement geben, das auf Situationen vorbereitet ist, die wahrscheinlich eintreten. Gleichzeitig muss es auf Unvorhergesehenes reagieren können. Natürlich ist das je nach Branche verschieden, doch eines ist den Unternehmen der Zukunft gemein: Sie müssen lernen, ihr Umfeld besser wahrzunehmen und nicht nur auf sich schauen. Sie müssen die Konkurrenz beobachten, Marketingtrends aufspüren und neue Technologien im Auge behalten. Künftig wird es darum gehen, die Lebendigkeit und den langfristigen Erhalt von Unternehmen zu stärken. Entweder Krisen werden bejammert, oder sie werden für Neues genutzt.

Herr Otto, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Dazu im Management-Handbuch

Ähnliche Artikel

Gesundheitstipps