BurnoutKrankheit oder nur ein Problem der Statistik?

Burnout ist nicht nur eine Folge stärkerer Arbeitsbelastung. Auch individuelle Merkmale der Persönlichkeit spielen eine Rolle. Von Ärzten wird es immer häufiger diagnostiziert.

Seit zwei Jahrzehnten grassiert eine gefährliche Epidemie in Deutschland, die fast schon das Ausmaß einer Pandemie angenommen hat. Die Krankheitserreger stammen größtenteils aus der Arbeitswelt. Stress, Hektik, Ungewissheit und Zukunftsangst sind die Auslöser der neuen Volksseuche Burnout. Berufstätige klagen darüber, ausgebrannt zu sein. Standesfunktionäre der Psychomedizin, Pharmazeutischen Industrie und leichtgläubige Journalisten beklagen eine angebliche Unterversorgung der psychotherapeutischen Infrastruktur. Deshalb sah sich der Staat veranlasst Unternehmen zu verpflichten, psychische Belastungsfaktoren zu ermitteln und Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Ein Burnout ist schnell diagnostiziert

Eine Krankheit namens Burnout gibt es eigentlich nicht. Sie ist ein Synonym für Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung, für die im medizinischen Klassifizierungssystem der Code „Z73“ eingeführt wurde. Inzwischen werden nahezu alle Formen des seelischen Unwohlseins mit dem Etikett Burnout versehen. Im Laufe der letzten zehn Jahre gelangte Burnout in das Bewusstsein und Vokabular von Ärzten. Klagt ein Arztbesucher über Unwohlsein und Überforderung, schreibt der Hausarzt nur allzu schnell den Code „Z73“ auf die Krankmeldung. Parallel dazu stiegen die Verschreibungen an Psychopharmaka und blähten so die Krankenstatistik der Kassen mit Burnout-Erkrankungen auf.

Dieser Sachverhalt löst kritische Nachfragen aus. Inwieweit wirken individuelle Persönlichkeitsmerkmale, beispielsweise Angst oder Temperament, auf das seelische Befinden von Menschen? Es ist Vorsicht geboten, die Schuld an der Burnout-Inflation den Begleiterscheinungen der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts zuschreiben zu wollen. Die familiäre Situation, das eigene Freizeitverhalten und die Lebensumstände unserer Epoche haben ebenso ihren Anteil am seelischen Wohlbefinden wie der mobbende Chef oder ungeduldige Kunden. Oft sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst die Hauptverantwortlichen, deren Karrierestreben stärker antreibt als die Peitsche eines Sklavenhalters.

Überbelastung oder Ärger im Job sind keine Krankheiten

Mehr als früher haben Menschen ihre Scham abgelegt, Ärzten ihr psychisches Befinden mitzuteilen. Da die wenigsten Hausärzte in der Lage sind, treffsicher reale Depressionen zu diagnostizieren, kommt es zu Verlegenheitsdiagnosen wie vegetative Dystonie oder Erschöpfungsdepression. So steigern sich die Fallzahlen psychischer Erkrankungen und somit die Burnout-Statistik. Der Ruf nach mehr Psychotherapeuten wird lauter, obwohl es heute eine nie dagewesene Versorgungsdichte psychologischer Dienstleistungen einschließlich Coachs gibt. Hier scheint das Saysche Theorem zu wirken, wonach sich jedes Angebot seine Nachfrage verschafft. Kritische Mediziner meinen hierzu, dass nicht die Zahl der psychisch Kranken zugenommen habe, sondern Krankheiten, die als solche behandelt werden. Das kann auch nicht anders sein, wenn selbst schon Traurigkeit, Überlastung und Ärger als depressive Erkrankungen gedeutet werden.

Die Frage, ob es einen epidemischen Anstieg psychischer Erkrankungen gibt, beantwortete der DAK-Gesundheitsreport schon 2013 eindeutig mit nein. Und auch das Fazit einer Metastudie zum Thema psychische Erkrankungen lautet: „Die unterstellte Zunahme psychischer Störungen aufgrund des sozialen Wandels kann nicht bestätigt werden.“ Wie auch, wenn die Glückseligkeitswerte westlicher Gesellschaften zunehmen und die Selbstmordraten sinken?

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